„Brexit könnte Marktschwankungen verursachen"

Top News Investmentfonds Investment-Talk von Annika Janssen

Star-Fondsmanager Matthias Born wird Allianz Global Investors Ende September verlassen. Danach übernimmt sein bisheriger Co-Teamleiter Thorsten Winkelmann das European Growth Team. Im Interview mit procontra spricht der neue Mann über seine künftige Aufgabe, die Stärke europäischer Aktien und den 1. FC Köln.

Fondsmanager Allianz Global Investors Matthias Born Thorsten Winkelmann

Thorsten Winkelmann übernimmt das European Growth Team von Matthias Born. Foto: Allianz Global Investors

procontra: Herr Winkelmann, seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump waren Aktien aus den USA schwer gefragt. Europäische Titel wurden dagegen eher stiefmütterlich behandelt. War das ein Fehler?

Thorsten Winkelmann: Klares Ja. Grundsätzlich ist es meiner Meinung nach immer ein Fehler, europäische Aktien außer Acht zu lassen. Auf dem Kontinent gibt es nämlich sehr viele gute Unternehmen.

procontra: Was spricht gerade jetzt für Investments in europäische Aktien – auch im Vergleich zu den USA oder Japan?

Winkelmann: In den vergangenen fünf bis sechs Jahren haben europäische Aktien immer wieder mal einen Hype erfahren. Jedoch konnten die Unternehmen in dieser Zeit im Durchschnitt kein Gewinnwachstum verzeichnen. Das lag vor allem an Finanzwerten und Aktien von Minenunternehmen, die jahrelang schwächelten und den Gesamtmarkt drückten. Das scheint sich nun zu ändern, die Werte stabilisieren sich allmählich. Es deutet sich an, dass 2017 tatsächlich das erste Jahr seit Langem sein wird, in dem europäische Unternehmen auf breiter Front steigende Gewinne melden können. Das macht den Markt natürlich wieder interessanter, denn letztlich sind Gewinnsteigerungen immer eine entscheidende Größe für die Entwicklung der Aktienkurse.

Risikoprämien für Europa-Aktien sinken

procontra: Gibt es weitere Argumente?

Winkelmann: Auch beim Blick auf die politische Agenda kommt wieder Hoffnung auf. So können Anleger hinter die Wahlen in den Niederlanden und Frankreich schon einmal einen Haken machen: Befürchtungen, dass populistische Kandidaten in den beiden Ländern siegen könnten, haben sich nicht bewahrheitet. Bei der für September anstehenden Bundestagswahl in Deutschland sieht es ebenfalls nicht nach einem großen Umbruch aus. Dadurch sinken die Risikoprämien für Europa-Aktien. Davon abgesehen spricht auch die positive Wirtschaftsentwicklung für Europa. Zwar haben auch Japan und die USA zuletzt jeweils ein recht ansehnliches Wachstum verzeichnet. Titel aus diesen Ländern sind allerdings im langfristigen Vergleich recht teuer, Europa ist da günstiger bewertet. Zusammengefasst sprechen also gleich drei Faktoren für Europa: die positive Konjunkturentwicklung, steigende Gewinne der Unternehmen und eine politische Lage, die wieder optimistisch stimmt.

Wir sind reine Stockpicker

procontra: Stichwort Politik: Diese machte in den vergangenen Monaten immer wieder Schlagzeilen. Neben den Bundestagswahlen stehen in diesem Jahr auch noch die Brexit-Verhandlungen an. Beeinflusst Sie das bei Anlageentscheidungen?

Winkelmann: Im Portfoliomanagement lasse ich mich wenig von politischen Entscheidungen beeinflussen. Wir setzen mit dem Allianz Europe Equity Growth auf die Analyse von Einzeltiteln, sind also reine Stockpicker. Aber natürlich helfen uns kurzfristige Effekte, die sich aus politischen Ereignissen ergeben. Da nehmen wir dann schon taktische Anpassungen vor. Beispiel Brexit: Wir hatten uns im Vorfeld des Referendums nicht auf einen bestimmten Ausgang eingestellt. Als dann die Nachricht vom Ja der Briten zum EU-Austritt kam, kam es zu irrationalen Börsenbewegungen. Die Aktie des britischen Versicherers Prudential etwa verlor zu Börsenbeginn am Tag danach fast 30 Prozent an Wert. Das sind die Momente, in denen man als Fondsmanager gezielt auf die abgewatschten Titel setzen kann. Dazu sei gesagt: Outperformance kann man nur erzielen, wenn man Ineffizienzen an den Märkten identifiziert und für das Portfolio nutzt.

procontra: Haben Anleger zu sehr auf politische Ereignisse und Entwicklungen geschaut?

Winkelmann: Das ist schwer zu sagen. Grundsätzlich möchte jeder, der sich mit dem Thema Vermögensanlage beschäftigt, möglichst viele Informationen verarbeiten und im Portfolio reflektieren. Heutzutage ist das mehr denn je der Fall, weil Informationen ständig überall verfügbar sind – man wird praktisch damit zugeschüttet. Da ist es dann schwierig, wichtige von unwichtigen Nachrichten zu unterscheiden. Ich habe den Eindruck, dass sowohl private als auch professionelle Anleger sich oft zu sehr von privaten Gesprächen beeinflussen lassen oder von dem, was in der Zeitung steht. Auf Seite eins geht es eben meist um politische Entwicklungen und nicht um Gewinnsteigerungen von DAX-Konzernen. Viele Anleger fühlen sich angesichts der Nachrichtenlage genötigt, schnell Entscheidungen zu treffen und auf die neuesten Entwicklungen zu reagieren. Das war auch nach dem Brexit-Referendum der Fall, um noch mal darauf zurückzukommen.

Italien im Fokus

procontra: Welche Risiken gibt es aus Anlegersicht noch im Jahr 2017?

Winkelmann: Kurzfristig haben die Brexit-Verhandlungen das größte Potenzial, Marktschwankungen zu verursachen. Die beiden Lager – also Großbritannien und die Europäische Union – wollen etwas komplett Unterschiedliches: Während die Briten einen sanften EU-Ausstieg anstreben, will die EU es ihnen so schmerzhaft wie möglich machen. Das könnte im Jahresverlauf noch für Spannungen und Volatilität sorgen. Ein weiteres Thema, das bislang nur wenige Anleger auf dem Schirm haben, ist Italien. Im Land gibt es seit Jahren einen Reformstau, und die lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank tut Italiens Finanzsystem gar nicht gut. Der Negativzins ist nicht förderlich für die Banken des Landes, die zum Teil schon wieder in einer Krise stecken. Es muss bald etwas passieren, sonst könnten die nächsten Monate für Italien sehr schmerzhaft werden.

Seite 1: Europäischer Aktienmarkt wird wieder interessant
Seite 2: "Die größten Unternehmen Deutschlands sind nicht immer die besten."
Seite 3: Keine reinen Bankaktien mehr

  • Facebook Kommentare
  • Disqus Kommentare