Kfz-Versicherung: Wann haftet der Hersteller?

Versicherungen von Florian Burghardt

Vernetzte Fahrzeuge, Fahrerassistenzsysteme, selbstfahrende Autos – die Zukunft auf Deutschlands Straßen ist vorgezeichnet. Mit ihr verändert sich auch die Kfz-Versicherung. Doch wie genau? Drei Fragen an den Kfz-Experten Dr. Sebastian Madeja.

Prophezeit der Kfz-Versicherung einen Wandel mit vielen neuen Herausforderungen: Dr. Sebastian Madeja.

Prophezeit der Kfz-Versicherung einen Wandel mit vielen neuen Herausforderungen: Dr. Sebastian Madeja. Bild: procontra

Immer wieder wird über die Zukunft der Kfz-Versicherung diskutiert. Zentrales Thema ist dabei die Entwicklung der Haftungsfrage. "Wenn der Computer fährt, dann haftet am Schluss der Hersteller", sagte Verkehrsminister Alexander Dobrindt laut einem Bericht der Tagesschau kürzlich im Bundestag. Aber ist es so einfach, wie der Minister behauptet? Und wie ließe sich eine Herstellerhaftung umsetzen?

Mit diesen Themen hat sich Dr. Sebastian Madeja, Leiter Operations Fach-Services bei der Nürnberger Versicherung in seiner Masterarbeit „Automatisiertes Fahren – rechtliche und produkttechnische Herausforderungen im Versicherungsgeschäft“ befasst. procontra hat bei ihm nachgefragt.

procontra: Halter oder Hersteller – in welche Richtung wird sich die Kfz-Versicherung bei der Haftungsfrage Ihrer Ansicht nach entwickeln?

Sebastian Madeja: Die Haftungsfrage wird sich – sofern keine gesetzlichen Änderungen vorgenommen werden – weiterhin grundlegend in die Fahrer- und Halterhaftung unterteilen. Im Zuge der gesetzlichen Haftpflichtversicherung übernimmt der Versicherer für alle möglichen Szenarien, zum Beispiel den Ausfall eines Satelliten, der Fahrzeug-Sensorik oder Infrastrukturdefizite die Haftung. Diesbezüglich kann man sich durchaus die Frage stellen, ob infolge der Vielzahl an Automatisierungsrisiken eine verschuldensunabhängige Haftung des Versicherers in diesem Umfang noch sachgerecht ist. Zumal diese Risiken in ihrer Vielzahl nahezu nicht beherrschbar sind.

procontra: Wo liegen die Schwierigkeiten, um die Hersteller in die Haftung zu nehmen?

Madeja: Eine Herausforderung liegt im Nachweis eines etwaigen Fahr- oder Systemfehlers, insbesondere vor dem Hintergrund der Überlagerung mehrerer Systeme. Dies wird grundsätzlich nur über eine „Black Box“ gelingen, mit deren Hilfe der Nachweis vorgenommen wird, wann der Fahrer und wann das System die Führung des Fahrzeugs innehatte.  Aus Sicht des Versicherers wird dies eine neue Herausforderung in der Datenauswertung und in der erweiterten Prüfung des Regresses mit sich bringen.

procontra: Die Branche ist sich einig: Je autonomer das Auto fährt, desto weniger Schäden wird es geben. Häufig wird auch von deutlich sinkenden Prämien gesprochen. Aber wird der Schadenaufwand bei immer hochwertigeren Ersatzteilen wirklich so stark zurückgehen, dass ein deutlicher Prämienrückgang realistisch wird?

Madeja: Es ist sicherlich eine Folge der Vielzahl an Assistenzsystemen, dass die Anzahl an Schäden zurückgeht. Dies sollte grundsätzlich zugleich zu sinkenden Prämien führen. Allerdings ist die umfangreiche Ausstattung der Fahrzeuge mit kostspieligen Sensoren, Kameras et cetera in Karosserie und Autoscheiben nicht zu vernachlässigen. Der vermehrte Einbau von Technik dürfte daher im Gegenzug zu einem erhöhten Schadenaufwand im Einzelfall führen.

Ebenso würde zum Beispiel der Bedarf an einer Teilkaskodeckung unter bisherigem Prämienniveau bestehen bleiben, da Schäden infolge von Hagel, Sturm, Diebstahl et cetera trotz der Automatisierung weiterhin auftreten. Allenfalls die verbesserten Möglichkeiten, das Fahrzeug zu verfolgen und zu orten, könnten den Prämienbedarf für Diebstahl verringern. Es sind also viele Konstellationen denkbar.

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