"Das Maklerbüro um die Ecke wird zum Auslaufmodell"

Versicherungen Top News von Stefan Terliesner

Blockchain ermöglicht autonome Abläufe und schafft ungeahnte Möglichkeiten für Versicherer. Doch wo bleiben die Makler dabei. procontra sprach über das Thema Smart Contracts mit Manuel Lorenz, Partner in der Frankfurter Anwaltskanzlei Baker & McKenzie.

Hält Smart Contracts auch im Bereich der Versicherungen für möglich: Manuel Lorenz, Partner bei der Anwaltskanzlei Baker & McKenzie.

Hält Smart Contracts auch im Bereich der Versicherungen für möglich: Manuel Lorenz, Partner bei der Anwaltskanzlei Baker & McKenzie. Foto: Baker & McKenzie

procontra: Sind smarte Policen überhaupt möglich? 

Manuel Lorenz: Ein Smart Contract ist ein Softwarecode, der hinterlegte Regeln automatisch überwacht und definierte Aktionen bei Vorliegen eines Trigger-Events selbsttätig ausführen kann. Vorstellbar ist das auch im Versicherungsbereich. 

procontra: Zum Beispiel? 

Lorenz: Die Bedingungen der Teilkaskoversicherung eines Autovermieters könnten im Navigationssystem hinterlegt sein und den Mietwagen automatisch stoppen, wenn er die Grenze zu einem Land überqueren will, das nicht vom Versicherungsschutz gedeckt ist. Oder eine Software, die die Versicherungsprämie anhand des mehr oder weniger riskanten Fahrstils kalkuliert.

procontra: Smart Contracts basieren auf Distributed-Ledger-Technologien, die Finanzintermediäre überflüssig machen könnten. Welche Rolle spielen in Zukunft noch Versicherungsmakler?

Lorenz: Intermediäre werden auch in Zukunft eine Rolle beim Vertrieb von Versicherungen spielen. Indes wird der Vertrieb stärker digitalisiert werden. Das Maklerbüro um die Ecke wird zum Auslaufmodell.

procontra: Mit „Fund DLT“ gibt es neuerdings eine Distributed-Ledger-Plattform, die es Vermögensverwaltern gestattet, Fonds direkt an Anleger zu verkaufen. Sind Sie für Fondsvermittler pessimistischer?

Lorenz: Noch ist das nur ein Konzept. Vielleicht ist die Plattform eine Art Intermediär, der sich durch Smart Contracts gleich selber überflüssig macht. Je nach Ausgestaltung ist die Plattform womöglich als Anlagevermittler tätig und bräuchte somit eine Erlaubnis zum Beispiel nach MiFID II oder nach der Gewerbeordnung. Das gilt, wenn Kauf- oder Verkaufsorders weitergeleitet werden, und erst recht, wenn Einfluss auf die Kaufentscheidung eines Privatanlegers genommen wird. Der Regulator muss sich auf jeden Fall mit den neuen Strukturen auseinandersetzen. 

procontra: Ein Vertrag sollte eindeutig sein. Wie ließe sich ein Smart Contract einer Person zuordnen?

Lorenz: Das kann man technisch lösen. Rechtlich müsste es mindestens einen Erwerbsvorgang geben, bei dem eine menschliche Entscheidung zum Kauf, einschließlich einer Festlegung der Vertragsparameter, stehen muss. Das ist – jenseits dessen, was danach softwaretechnisch passiert – ein juristisch als Vertragsschluss zu interpretierender Vorgang.

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