Versicherer: Vom Risikoträger zum Risikomanager

Versicherungen Top News von Michael Fiedler

Wie stellen sich Versicherer der Herausforderung „Digitalisierung“? Auf dem Vorlesungstag des Instituts für Versicherungswissenschaft an der Uni Leipzig stellten u.a. Markus Rieß (Vorstandvorsitzender Ergo), Marcus Nagel (Vorstand Zurich) und Daniel Bahr (Vorstand Allianz) ihre Herangehensweisen vor.

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Versicherer sind auf dem Weg vom Risikoträger zum Risikomanager, beobachtet Markus Rieß, Vorstandsvorsitzender der Ergo Group AG. Bild: procontra

Versicherer müssen sich an Amazon oder Google messen lassen. Denn der Kunde vergleicht sein „Service-Erlebnis“ nicht nur mit anderen Versicherern. Was Kunden in der digitalen Welt (und nicht nur dort) an Komfort und Einfachheit erleben, wollen sie auch bei ihrem Versicherer, zeigte sich Markus Rieß (Vorstandsvorsitzender der Ergo Group AG) überzeugt. Und dieser Kunde sei in jeder Altersgruppe zu finden.

Entscheidend für den Erfolg seien die Mitarbeiter, so der Ergo-Vorstand. Es bräuchte eine „neue Führungskultur“ und ein Denken in Netzwerken.
Wie „neue Führungskultur“ beispielsweise aussehen kann, berichtete Prof. Dr. Fred Wagner (IfVW): So würde sich Lloyd`s Chefin Inga Beale einmal wöchentlich als Trainee von eigenen Mitarbeitern neue Entwicklungen aus der digitalen Welt zeigen lassen. Ein Modell, wie es ähnlich auch bei Swiss Re Anwendung finde.

Echte Geschäftsmodelle statt Incubator

Beim Austesten neuer Geschäftsmodelle – etwa in den Bereichen Sharing Economy und Mobil-Technologie – erlaubt sich Ergo auch Fehlversuche. Wichtig ist Rieß, dass der Versuch unter echten Marktbedingungen stattfindet und nicht im geschützten Experimentierraum.
So soll der digitale Kfz-Versicherer Nexible (soll im 4. Quartal starten) bewusst in Konkurrenz zur Ergo stehen.
Im Cyber-Bereich will Ergo eher auf Service-Netzwerke setzen. So würde der Versicherer vom Risikoträger zum Risikomanager.

Ähnlich sieht es Daniel Bahr von der Allianz. Wenngleich er sicher die Überschrift „Vom Inkasso-Unternehmen zum Lebensbegleiter“ gewählt hätte. Der Ansatz bleibt vergleichbar: Von anderen Branchen lernen, nützliche Services erkennen und für das eigene Geschäftsmodell adaptieren oder den Service mit einbinden. So arbeitet die Allianz etwa mit Better.doc (Portal, um Zweitmeinung einzuholen) oder dem Anbieter Tinnitracks (App zur Behandlung von Tinnitus) zusammen.

Zurich: Dunkelverarbeitung im Sachbereich

Für Rieß ist klar: Je komplexer die Produkte, umso wichtiger die persönliche Beratung. Doch was, wenn die Komplexität abnimmt? Prof. Wagner verwies auf Entwicklungen bei schwedischen Versicherern. Dort gäbe es kaum noch komplexe Produkte – auch nicht im Biometrie-Bereich.
Beste Voraussetzungen für Dunkelverarbeitung und Direktvertrieb. Beides will auch die Zurich ausbauen. Deutschland-Chef Marcus Nagel kündigte die Dunkelverarbeitung im Sachbereich für Juni/Juli 2017 an und führte aus, den Direktvertrieb stärken zu wollen.
Zudem seien kurze Produktentwicklungszyklen wichtig, um sich schnell neuen Bedürfnissen anpassen zu können. So sei die in nur zwei Monaten entwickelte Hochzeitsversicherung der Zurich eher ein Testballon, mit dem herausgefunden werden sollte, wie schnell ein neues Produkt auf den Markt gebracht werden kann.

Prof. Wagner fasste für die Versicherer zusammen: „Der Kunde interessiert sich nicht für ihre Produkte. Der Kunde will Komfort und Sicherheit.“ Aus Sicht des Professors sind Rabatt-Systeme wie Vitality von Generali nur der erste Schritt. Jedes Versicherungsunternehmen müsse seine eigene Rolle in der digitalen Welt finden.

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