Keine steuerliche Entlastung für Geringverdiener

Berater von Florian Burghardt

Wie viel Netto bleibt vom Brutto? In Deutschland eher wenig, wie jüngst die OECD belegte. Zwar soll die progressive Einkommensteuer Besserverdienende stärker belasten, doch auch Geringverdiener haben hohe Abgaben. Ein Posten macht ihnen besonders zu schaffen.

Bei einem monatlichen Bruttogehalt von 1.940 Euro übersteigt die bezahlte Mehrwertsteuer die Einkommensteuer deutlich, so die Berechnungen des IW Köln.

Bei einem monatlichen Bruttogehalt von 1.940 Euro übersteigt die bezahlte Mehrwertsteuer die Einkommensteuer deutlich, so die Berechnungen des IW Köln. Bild: IW Köln

Wie man es auch dreht und wendet: In Deutschland sind Arbeitnehmer mit verhältnismäßig hohen Abgaben ihres Arbeitsentgelts für Steuern und Sozialversicherungen konfrontiert. Das haben – trotz unterschiedlicher Herangehensweise – dieser Tage gleich zwei Studien bestätigt.

Zunächst hatte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vergangene Woche mit einem internationalen Vergleich ihrer 35 Mitgliedsstaaten verdeutlicht, dass der deutsche Fiskus in jedem sozialen Szenario zur Spitzengruppe gehört was die prozentualen Abgaben angelangt.

Demnach kommen hierzulande alleinstehende Durchschnittsverdiener auf Abzüge in Höhe von 49,4 Prozent (OECD-Durchschnitt: 36 Prozent). Aber auch vierköpfige Familien mit einem Voll- und einem Teilzeitverdiener haben rund 40 Prozent Abgaben. Als Basis diente hier der durchschnittliche Jahresbruttolohn inklusive dem Arbeitgeberanteil an den Sozialversicherungen (laut OECD 47.809 Euro und damit deutlich weniger als Versicherungsangestellte). Der Arbeitgeberanteil war dann auch wieder in den Gesamtabgaben enthalten.

Mehrwertsteuer als größte Belastung

Auch aus Sicht des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) ist die Belastung durch Steuern und Sozialabgaben hoch – erzielt laut IW-Finanzexperte Tobias Hentze aber die geplante Wirkung: „Starke Schultern tragen nicht nur bei der Einkommensteuer deutlich mehr als schwache – die gewünschte Umverteilung funktioniert also.“

Dies bekräftigt das Institut damit, dass die bestverdienenden 10 Prozent der Bevölkerung zwar rund 27 Prozent des Einkommens erhalten, aber auch für gut 37 Prozent der Steuerlast sorgen. Kombiniert wurden hier die staatlichen Einnahmequellen Einkommen- sowie Mehrwert- und Versicherungssteuer. Als Datenbasis dienten dem IW die repräsentativen Haushaltsdatensätze des sozioökonomischen Panels (SOEP, 2014) und der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS, 2013).

Zwar werden hierzulande durch das progressive Einkommensteuersystem Besserverdienende überproportional belastet, wodurch Geringverdiener prozentual kleinere Steuersätze bezahlen müssen. Allerdings leidet diese Gruppe wiederum beim Konsum unter den starren Mehrwertsteuersätzen. Laut den Studienautoren würde erst ab einem monatlichen Bruttogehalt von 2.700 Euro die Einkommensteuerbelastung die Belastung der Mehrwertsteuer übersteigen.

Derzeit knapp 50 Prozent Abzüge

Weiterhin weist die Untersuchung des IW Köln darauf hin, dass sich der Staat durch den Faktor Mehrwertsteuer (und Versicherungssteuer) auch bei Geringverdienern knapp die Hälfte des Einkommens holt. Zieht man nun auch den Arbeitnehmeranteil an den Sozialversicherungen hinzu, so betragen die Gesamtabgaben bei einem Alleinstehenden mit knapp 2.000 Euro monatlichem Bruttoeinkommen etwa 46 Prozent, so die Rechnung.

Laut einer anderen Studie des IW Köln wird sich dieser Wert in den nächsten Jahren noch deutlich erhöhen. Das Institut hatte kürzlich kalkuliert, dass allein die Beiträge zur Sozialversicherung im Jahr 2040 bereits die Hälfte des monatlichen Bruttoeinkommens ausmachen werden.

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