Ist Schwangerschaft doch eine Krankheit?

Berater Top News von Frank Dietrich

Privatversicherte, selbstständige Frauen im Mutterschutz können Krankentagegeld-Leistungen erhalten. Aus Sicht von Makler Frank Dietrich wirft das grundsätzliche Fragen auf. Welche das sind und was echter Verbraucherschutz bedeutet, erläutert Dietrich im Gastbeitrag.

Fachmakler Frank Dietrich

Fachmakler Frank Dietrich fordert die Verwendung klarer Begriffe in den Versicherungsbedingungen. Bild: procontra

„Am Anfang war das Wort“, heißt es in der Bibel. Der Logos, aus dem Altgriechischen stammend, bezeichnet die Begriffe „Wort/Rede“. Aber auch den damit verbundenen Sinn, der zum Ausdruck kommen soll. Sind die Bausteine unserer Sprache aber auch einheitlich für jeden verständlich?

Definition gegenüber Sinn und möglicher Auslegung

Vor gut einem Jahr wurde mir von einer Krankenversicherungsgesellschaft mitgeteilt, dass man die Erkenntnisse eines prädiktiven Gentests nicht grundsätzlich verwenden dürfte (Ausnahme ab 300.000,- € Versicherungssumme). Die Angaben des Tests selbst, denn es handelt sich um anzeigepflichtige "Krankheiten", müssten sich im Antrag wiederfinden. Widerspruch?
Zum Vorgang selbst: Eine junge Dame hatte auf die Bitte ihrer Mutter hin einen solchen Test vornehmen lassen. Die Familie wollte in Erfahrung bringen, ob sie erblich vorbelastet sei. Der Test war positiv. Das Mutationsgen wurde nachgewiesen. Die Gefahr der Thrombosebildung war erhöht, die Ausprägung selbst hingegen sehr gering.

Der Krankheits-Begriff

Im Versicherungsvertragsgesetz wird von der Angabepflicht gesprochen, wenn Beschwerden oder Erkrankungen vorliegen. Also ist die Gretchenfrage, was macht eine Krankheit aus und gibt es Beschwerden? Ist eine genetische Disposition schon eine Krankheit? Wo verläuft die Grenze zwischen Veranlagung und Krankheit? In der Rechtsprechung definiert sich die Erkrankung als Gegensatz von gesund. Das hilft uns nicht wirklich weiter. Eine andere Definition verspricht mehr: Krankheit ist die Störung des Wohlbefindens und der Zustand selbst muss in der Regel medikamentös behandelt werden.

Die Dame fühlt sich wohl. Beschwerden oder einen Behandlungsbedarf gab es noch nie. Der PKV-Verband begründete die Angabepflicht mit der Überlegung der erhöhten Vorsorge eines solchen Kunden. In diesem Fall war auch dieses nicht gegeben. Die Mutter selbst hatte niemals eine Thrombose.

„Gesetz zur Stärkung der Heil- und Hilfsmittelversorgung“

Die neue Gesetzesvorlage bestimmt im Inhalt die Möglichkeit, dass Privatversicherte, selbstständige Frauen im Mutterschutz, beim Versicherer nun über ihr Krankentagegeld eine Leistung beziehen können.
Krankentagegeldleistungen basieren auf einer Krankschrift, also der Arbeitsunfähigkeit. Arbeitsunfähigkeit ist die Abweichung von einem Normzustand, der Störung des Wohlbefindens und meist einer medikamentösen Behandlung.
Viele Frauen beklagen den Verlust ihres Wohlbefindens innerhalb der Schwangerschaft, haben Beschwerden und müssen sehr oft auch medikamentös behandelt werden. Ist Schwangerschaft dann doch eine Krankheit oder ein auf anderes im Vertrag genanntes Ereignis?

Weitergedacht stellt sich die Frage nach der Angabepflicht von Beschwerden schwangerer Frauen im Antrag der privaten Krankenversicherung. Warum stelle ich die Frage? Ich denke an den Gleichbehandlungsgrundsatz. Männer kommen nicht in die Verlegenheit, eine solche Frage beantworten zu müssen. Aus diesem Grunde müsste die Frau eine Erlaubnis haben, Medikamente und Beschwerden, die mit Schwangerschaft zusammenhängen, nicht erwähnen zu müssen. Richtig? Abgrenzbarkeit?

Wozu dieser Artikel?

Immer wieder fordern unklare Begriffe und Begrifflichkeiten in Versicherungsverträgen den Vermittler, die Dinge zu erklären. Die Rechtsprechung hat mitgeteilt, dass er auf unklare Bestimmungen aufmerksam machen muss. Es stellt sich nun die grundsätzliche Frage, welche Begriffe noch im Vertragstext verbleiben würden, wenn man sich auf klare Begriffe beschränkt? Welche Erklärung findet/wählt der Vermittler gegenüber seinem Kunden für einen Sachverhalt in Bezug auf die möglichen Auslegungen des Vertragstextes durch den Anbieter?

Die Gesetzgebung baut auf schwammigen Definitionen auf. Anwälte und Richter bestreiten ihr Einkommen mit der Interpretation der Gesetze. Wir Makler hingegen, die sich mit diesen Dingen auseinander zu setzen haben und dieses auch in hoher Qualität realisieren, werden pauschal abgestraft. Wer verdient sein Geld erst in fünf Jahren? Wer sich von einem Anwalt beraten lässt, erwartet grundsätzlich eine Rechnung. Wer sich von einem Makler beraten lässt, erwartet hingegen einen kostenfreien Dienst.
Schlussendlich zeigt die Vorlage der IDD rechtliche Widersprüche zu bereits bestehenden gesetzlichen Regelungen auf. Wieder ein Beleg für staatliches Versagen! Niemand baut ein Haus auf sumpfigen Boden, niemand kann soliden Versicherungsschutz auf wackligen Vertragstexten begründen. Der erste Schritt zu mehr Verbraucherschutz wären klare Definitionen einzelner Sachverhalte.

  • Facebook Kommentare
  • Disqus Kommentare