BU-Abdeckung: „Flächendeckender Handlungsbedarf für die Branche“

Berater Top News von Michael Fiedler

Die Zahl der abgeschlossenen Berufsunfähigkeitsversicherungen steigt zwar, doch die Abdeckungsquote ist weiter gering. Doch woran liegt das? Und warum gibt es enormen Handlungsbedarf für die Branche? Drei Fragen an Premium-Circle-Chef Claus-Dieter Gorr.

Sieht die Versicherer vor einem Dilemma: Premium-Circle-Chef Claus Dieter Gorr

Sieht die Versicherer vor einem Dilemma: Premium-Circle-Chef Claus Dieter Gorr. Foto: procontra

Aufgrund einer kleinen Anfrage der Bundestagsfraktion der Grünen nahm die Bundesregierung jüngst Stellung zum Thema Berufsunfähigkeitsversicherung. Doch wie sind die Angaben seitens der Regierung zu bewerten? Und worüber geben Sie keine Auskunft? Zeit, einmal nachzuhaken.

procontra: Die Bundesregierung stützt sich – gefragt nach der Leistungsquote von BU-Versicherern – auf GDV-Angaben und spricht von 77 Prozent Annahmequote. Das klingt doch erfreulich?   

Claus-Dieter Gorr: Die im VVG und den GDV-Musterbedingungen manifestierte Fülle unbestimmter Begriffe und unverbindlicher Formulierungen lässt allen Anbietern einen enormen prozessualen Spielraum bei der Bewertung und Bescheidung von Leistungsanträgen. Die Veröffentlichungen zu den Analysen und Erhebungen vergangener Jahre beziehen sich daher immer auf das durchschnittliche Branchenergebnis. Viel spannender sind jedoch die unternehmensindividuellen Ausschläge nach oben und unten. Kein Kunde kauft den allgemeinen Durchschnitt, sondern immer den individuellen Prozess eines Versicherers. 

procontra: Weder zur Höhe der durchschnittlichen Rente der stattgegebenen Leistungsanträge, noch zur Zahlungsdauer von BU-Renten konnte die Bundesregierung Angaben machen. Sind bei den Ergebnissen Ihrer Befragung Angaben dazu zu finden?  

Gorr: Ja, diese Daten haben wir mit abgefragt und werden Sie auch am 28.03.2017 veröffentlichen. Interessant wird hierbei auch die Spiegelung mit der Bewertung vergangener und aktueller Ratings. 

procontra: Die Forderungen nach mehr Klarheit in den Bedingungen erreicht nun das Parlament. Wie schätzen Sie die Haltung der Versicherer ein? Wird die kommende Bundestagswahl abgewartet?   

Gorr: Die Betrachtung der BU-Problematik ist sehr facettenreich, interessenübergreifend und löst unterschiedliche Szenarien von Handlungsdruck aus. Die Politik sieht zunächst aufgrund der mit knapp 25 Prozent viel zu niedrigen BU-Abdeckungsquote in der Bevölkerung und die Gefahr, dass Menschen ohne BU-Schutz möglicherweise irgendwann die Solidargemeinschaft als Hartz-IV-Fall in Anspruch nehmen müssen. Hinzukommen vermehrt auftretende Beschwerdefälle über Vertragsrücktritte im Leistungsfall wegen fehlinterpretierter Erheblichkeit anzeigepflichtiger Krankheitsbilder oder Falschangaben bei Vertragsabschluss, unverständlicher Vertragswerke sowie langwieriger und intransparenter Regulierungsprozesse.    

Die Versicherer stehen zusätzlich vor dem Dilemma, dass es aufgrund Ihrer in den vergangenen Jahren weitgehend dürftigen Informationspolitik zur allgemeinen Notwendigkeit eines BU-Schutzes keinen impliziten Nachfragemarkt gibt. Die überwiegend nur auf Kundennachfrage reagierenden Vermittler scheiden aus unterschiedlichsten Gründen sukzessive aus dem Markt aus, andere wollen keine Haftung zur Auslegung unklarer Leistungsbeschreibungen der BU-Produkte übernehmen. Bleiben weitgehend die Vermittler, die das Produkt abstrahieren können und als mögliche Klageoption in Streitfällen bei ihren schutzbedürftigen Kunden platzieren können. Junger vertriebsorientierter akademischer Nachwuchs ist leider auch kaum in Sicht. Insofern besteht - unabhängig der nächsten Wahl - flächendeckender Handlungsbedarf für die Branche.

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