Armutsbericht 2017: „Ein sozialpolitischer Skandal“

Berater Meistgeklickt von Florian Burghardt

Wer arm ist, finanziert "die Reichen" mit. Diese Formel gilt in der gesetzlichen Rentenversicherung. Zumindest legt der Armutsbericht des Paritätischen diesen Schluss nahe. Was der Sozialverband von der Bundesregierung fordert.

Arme Menschen haben nicht nur eine geringere Lebenserwartung als wohlhabende - sie haben auch mehr "kranke" Jahre vor sich.

Arme Menschen haben nicht nur eine geringere Lebenserwartung als wohlhabende - sie haben auch mehr "kranke" Jahre vor sich.

"Die armen Menschen, die ihr Leben lang Beiträge zur Rentenversicherung bezahlt haben und dann im Durchschnitt vielleicht noch vier oder fünf Jahre die Rente genießen können, finanzieren im Grunde genommen die Rente der Wohlhabenderen, länger Lebenden mit. Und das ist, wenn man genau hinguckt, natürlich ein sozialpolitischer Skandal erster Güte."

So echauffiert sich Professor Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, gegenüber der ARD-Sendung Panorama über die soziale Ungleichheit in Deutschland. Die Sendung wird erst am heutigen Abend ausgestrahlt, die Tagesschau hatte aber in ihrer Online-Berichterstattung bereits einige Inhalte der Sendung veröffentlicht.

Mit seiner Aussage stützt sich Rosenbrock auf die Ergebnisse des heute vorgestellten Armutsberichts 2017, den sein Verband in Zusammenarbeit mit neun weiteren Institutionen erstellt hat. Unter Anwendung des Mikrozensus, einer gesetzlich verpflichtenden Mini-Volkszählung, wurden umfangreiche Daten von rund 342.000 Haushalten mit etwa 691.000 Personen erhoben.

Arme Männer sterben elf Jahre früher, Frauen acht

Eine, im Armutsbericht integrierte, Studie des Robert Koch Instituts zeigt, um wie viel höher die Lebenserwartung von wohlhabenden Menschen im Vergleich zu armutsgefährdeten Menschen liegt.

So sterben Männer, die über einen Zeitraum von zehn Jahren in Haushalten leben, denen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung stehen, rund elf Jahre früher als Männer, die 150 Prozent und mehr des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Bei Frauen beträgt der Unterschied rund acht Jahre.

Als Gründe für die verkürzte Lebenserwartung armer Menschen werden unter anderem eine erhöhte psychische und physische Belastung im Erwerbsleben sowie geringere materielle, kulturelle und soziale Ressourcen angegeben.

Die Studie gibt auch Auskunft über die Anzahl der Lebensjahre, die die Menschen verschiedener Einkommensklassen bei guter oder sehr guter Gesundheit verbringen.

Wie sich zeigt, leben wohlhabende Männer nicht nur elf Jahre länger, sie haben sogar 14 „gute“ Jahre mehr als ihre vom Armutsrisiko bedrohten Geschlechtsgenossen. Bei Frauen beträgt der Unterschied rund zehn gesunde Jahre.

Aufruf an die Politik

Wie der Paritätische Wohlfahrtsverband mitteilt, fordern er und die am Armutsbericht mitwirkenden Organisationen einen sozial- und steuerpolitischen Kurswechsel von der Regierung. Die Politik müsse entschlossenes Handeln und eine Sozialpolitik an den Tag legen, die alle Menschen mitnimmt.

Dass ein geringes Einkommen im Erwerbsleben auch ein geringes Einkommen im Alter mit sich bringt und vielen Deutschen Altersarmut droht, wurde auch schon in anderen Studien festgestellt. Dass geringes Einkommen aber einen merklich früheren Tod herbeiführt, wurde in dieser Deutlichkeit bislang kaum dargestellt.

Wer arm lebt, bleibt arm und stirbt früher. Diese Entwicklung zeichnet auch ein düsteres Szenario für die Zukunft der jüngsten Mitglieder der Gesellschaft. So hatte Bundesarbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles auf einer Veranstaltung kürzlich darauf hingewiesen, dass hierzulande immer mehr Kinder in armen Verhältnissen aufwachsen

Fazit

Auch wenn viele Geringverdiener zusätzliche Ausgaben scheuen, so zeigen die Ergebnisse der Studie doch, dass eine private Altersvorsorge ein sinnvolles Mittel ist, um Altersarmut entgegenzuwirken. Wer frühzeitig damit anfängt, kann auch schon mit kleinen monatlichen Beiträgen Vermögensaufbau betreiben. Staatlich geförderte Produkte wie Riester- und Basisrenten oder eine betriebliche Altersversorgung sind hier sicher adäquate Vermittlerempfehlungen. 

Mit Blick auf die geringere Anzahl von gesunden Lebensjahren bei ärmeren Menschen gewinnt für diese auch das Thema Pflegeabsicherung an Relevanz. Auch hier gibt es mit dem "Pflege-Bahr" ein staatlich bezuschusstes Produkt. Zwar muss sich dieses seit seiner Einführung auch immer wieder Kritik gefallen lassen, die Absatzzahlen sprechen aber eine andere Sprache

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