Was bringt die jüngste Pflegereform den Menschen?

Pflegegeld von Oliver Lepold

Wenn die Pflegeversicherung gesetzlich reformiert wird, bedeutet das meist viel Aktionismus, aber kaum nachhaltige Effekte. Das seit Jahresbeginn geltende Zweite Pflegestärkungsgesetz brachte umfangreiche strukturelle Änderungen mit sich. Greift die Reform diesmal?

Fotoquelle: fotolia.com/Urheber: Robert Kneschke

Die Soziale Pflegeversicherung wurde 1995 in Deutschland als ein eigenständiger Zweig der Sozialversicherung eingeführt. Nun ist sie mittels dreier Pflegestärkungsgesetze (PSG) tiefgreifend erneuert worden.

  • PSG I (ab 2015): Die Leistungen der Pflegeversicherung wurden ausgeweitet und flexibilisiert. Ein neu eingerichteter Pflegefonds soll die Belastungen künftiger Generationen bei steigender der Zahl der Pflegebedürftigen abmildern.

  • PSG II (ab 2017): Ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff und ein neues Begutachtungsassessment ermöglicht erstmals eine Gleichstellung der körperlich Erkrankten mit den kognitiv und psychisch Erkrankten.

  • PSG III (ab 2017): Die Beratung der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen vor Ort wird durch Stärkung der Kommunen in den Mittelpunkt gestellt. Zudem wird die Pflegeversicherung an das Recht der Sozialhilfe angeglichen.

Besonders das PSG II ist in aller Munde. Seit 1. Januar 2017 gilt eine neue Definition für Pflegebedürftigkeit. Künftig kommt es darauf an, ob und wie der einzelne Mensch seinen Alltag alleine bewältigen kann. Zuvor entschieden in erster Linie körperliche Einschränkungen über die Einstufung. Dies wurde pflegebedürftigen Menschen mit kognitiven oder psychischen Beeinträchtigungen und Demenzkranken aber kaum gerecht.

Demenziell erkrankte Menschen etwa sind häufig körperlich kaum eingeschränkt und können dennoch ihren Alltag nicht selbstständig bewältigen. Viele Demenzkranke, deren Zahl von Jahr zu Jahr ansteigt, erhalten jetzt erstmals einen gleichberechtigten Zugang zu allen Leistungen der Pflegeversicherung.

Neue Bewertungskriterien für Pflegebedürftigkeit

Aus drei Pflegestufen sind fünf Pflegegrade geworden. Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung beziehungsweise Gutachter von Medicproof nehmen die Einstufung anhand eines neuen Begutachtungsverfahrens von sechs pflegerelevanten Lebensbereichen vor. Bereits anerkannte Pflegebedürftige sind in die neuen Pflegegrade überführt worden, ohne dass es zu neuen Untersuchungen kam und ohne dass jemand schlechter gestellt wurde. Viele Pflegebedürftige erhalten nun höhere Leistungen.

 

 

Mit der Einführung des neuen Pflegegrads 1 wächst zudem die Zahl derer, die erstmals Anspruch auf Leistungen der Pflegeversicherung haben – mittelfristig werden bis zu einer halben Million Menschen zusätzlich einen Anspruch auf Unterstützung haben.

Was bringt die Pflegereform den Versicherten im Detail?

Insgesamt steht mehr Geld für Pflegehilfsmittel und höhere Zuschüsse für Umbauten zur Verfügung. Bis zu 4.000 Euro können pro Maßnahme beantragt werden – etwa für Arbeiten zur Türverbreiterung. Weitere Erleichterung: Für Pflegebedürftige zu Hause wird es einfacher, Pflegehilfsmittel wie etwa Gehhilfen und Duschstühle zu erhalten. Wenn der Medizinische Dienst der Krankenversicherung diese empfiehlt, müssen sie nicht mehr extra beantragt werden.

Pflegerische Betreuung ist seit dem 1. Januar 2017 eine Regelleistung in der Pflegeversicherung. Die Leistungen für die Ersatzpflege bei Verhinderung der privaten Pflegeperson zum Beispiel durch Urlaub oder Krankheit sind verbessert worden. Pflegende Angehörige werden zudem entlastet. Sie erhalten höhere Leistungen und können Kurzzeitpflege, Tages- und Nachtpflege flexibler mit ambulanten Pflegesachleistungen kombinieren. Auch ihre soziale Sicherung wird verbessert: Mehr Pflegepersonen erhalten Anspruch auf Beitragszahlungen der Pflegekassen in die Rentenversicherung, und die Absicherung pflegender Angehöriger bei späterer Arbeitslosigkeit wird verbessert.

Fakt ist jedoch: Der größere Kreis der Leistungsempfänger und das angehobene Leistungsniveau kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die staatliche Pflegeversicherung weiterhin nur einen Zuschuss zu den tatsächlich anfallenden Kosten im Pflegefall bietet. An der Absicherung des Pflegerisikos über eine private Pflegevorsorge führt kein Weg vorbei. Der Vorteil für Berater: Das Thema ist nun durch Medienberichte in aller Munde und kann gut als Türöffner für eine ausführliche Beratung genutzt werden. Denn selbst der Gesetzgeber rät dazu, zusätzlich privat vorzusorgen!

  • Facebook Kommentare
  • Disqus Kommentare