Nach US-Wahl droht Stillstand

Investmentfonds von Stefan Terliesner

Marktkommentar: Für Investoren ist es nicht so relevant, wer im Weißen Haus regiert. Am 8. November werden auch viele Senatoren und alle Abgeordneten gewählt. Sie bestimmen die Politik.

Björn Jesch, Union Investment

Aus Investorensicht sei es gar nicht so relevant, wer im Weißen Haus regiert, glaubt Björn Jesch, Leiter Portfoliomanagement bei Union Investment

Am 8. November schaut die Welt auf die USA, denn dann wird dort der neue Präsident – oder die neue Präsidentin – gewählt. Auch Björn Jesch, Leiter Portfoliomanagement bei Union Investment, erwartet mit einer gewissen Grundspannung das Ereignis. Wer gewinnt die Wahl, und was heißt eine Präsidentschaft von Donald Trump oder Hillary Clinton für die Kapitalmärkte?

Kongress bestimmt die Politik

In seinem aktuellen Marktkommentar beschreibt Jesch aber auch ein Paradoxon: Aus Investorensicht sei es gar nicht so relevant, wer im Weißen Haus regiert. Denn obwohl sich die Programme der Kandidaten stark unterscheiden, spiele die Präsidentschaft für die Wirtschaftspolitik kaum eine Rolle. „In Washington wird die Politik im Kongress gemacht“, betont der Anlagestratege. (Der Kongress besteht aus zwei Kammern: das Repräsentantenhaus mit 435 Abgeordneten und dem Senat mit 100 Senatoren; Anmerk. des Autors) Auch „der mächtigste Mensch der Welt“ brauche also Unterstützung im Parlament.

Trump-Effekt nicht nachhaltig

Vor diesem Hintergrund gewinne der Wahltag an Bedeutung: Es werde nämlich – neben der Nachfolge von Barack Obama – auch über ein Drittel des Senats und das gesamte Repräsentantenhaus abgestimmt. Das Entscheidungsgefüge der Supermacht werde also neu kalibriert. Jesch rechnet nun mit folgender Entwicklung:

* Trump-Effekt nur vorübergehend: Sein Team sehe nur eine geringe Wahrscheinlichkeit für einen Wahlsieg von Donald Trump. Sollte er dennoch gewinnen, würden die Märkte vermutlich zunächst nervös reagieren. Aber auch eine Trump-Administration könnte nicht ohne den Kongress regieren. Insofern sei sehr fraglich, wie nachhaltig ein negativer Trump-Effekt am Kapitalmarkt wäre.

* Blockade droht: Weitaus wahrscheinlicher sei eine Fortsetzung des Status Quo – die Demokraten stellen die Präsidentin, die Republikaner dominieren zumindest eine Kammer im Kongress. Politischer Stillstand wäre das Resultat. „Wir halten dieses Blockade-Szenario für das realistischste Ergebnis“, sagt Jesch.

* Fiskalstreit nach Wahlzeit: Anfang 2017 komme die US-Schuldenobergrenze wieder in Sichtweite. Bislang gebe es aber weder ein Budget für das laufende Fiskaljahr, noch sei eine Anhebung der „debt ceiling“ debattiert worden. Endet der Super-Wahltag im Patt, rücke eine Neuauflage des Streits von 2015 auf die politische Agenda – und dürfte bald auch die Kapitalmärkte erreichen.

Angesichts des sich abzeichnenden Stillstands seien fiskalpolitische Impulse kein Thema. Auch die geplanten beziehungsweise bereits unterzeichneten Handelsabkommen (wie TTP oder TTIP) dürften von den Republikanern verhindert werden.

Zinsen und Wachstum bleiben niedrig

Für die Kapitalmärkte bedeute das: Der Wachstumspfad in den USA bleibe flach. Jesch und sein Team erwarten für 2017 ein BIP-Plus von nur noch 1,1 Prozent. In diesem Umfeld werde die Federal Reserve keine oder maximal eine kleine Leitzinserhöhung vornehmen. Für Staatsanleihen sei daher mit sinkenden Renditen zu rechnen. Zur Jahresmitte 2017 sollten 10-jährige US-Treasuries noch mit rund 1,5 Prozent rentieren, sagt Jesch voraus. Im Ergebnis schrumpfe der Zinsunterschied gegenüber dem Rest der Welt, was den US-Dollar schwäche. Für die amerikanischen Konzerne und damit auch für US-Aktien und Unternehmensanleihen sei ein billiger „Greenback“ gut, da die internationale Wettbewerbsfähigkeit steige. Gleichzeitig sehe sich „Corporate America“ aber mit weniger Wachstum auf dem Heimatmarkt konfrontiert.

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