„Bundesanleihen-Käufer sind Truthähne“

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Bert Flossbach, Chef der Investmentboutique Flossbach von Storch, erklärt, warum das Brexit-Votum nicht das größte Problem für die Eurozone ist und was mit sogenannten "Truthahn-Investoren" auf sich hat.

Hält das Brexit-Votum nicht für das größte Risiko der Euro-Zone: Bert Flossbach.

Hält das Brexit-Votum nicht für das größte Risiko der Euro-Zone: Bert Flossbach.

procontra: Herr Flossbach, Sie hatten im Vorfeld des britischen Referendums gesagt, ein Brexit sei kein Katastrophenszenario. Sind Sie immer noch dieser Meinung?

Bert Flossbach: Dabei bleibe ich, ja. Für sich genommen ist das Brexit-Votum, was die Weltwirtschaft betrifft, weit weniger relevant als seine langfristigen politische Auswirkungen und seine Folgen für die Politik der Notenbanken. 

procontra: Mit welchen politischen Auswirkungen rechnen Sie?

Flossbach: Die nationalistischen Kräfte in anderen Staaten hoffen, dass das britische Beispiel Schule macht. Ironischerweise könnte genau das Gegenteil passieren. Großbritannien steht eine Phase großer politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit bevor, der Brexit dürfte die Briten zunächst viel Schweiß und Tränen kosten. Auch wenn es zynisch klingt: Je schlechter es der britischen Wirtschaft geht, desto besser ist das für den Zusammenhalt in der EU. Das Brexit-Votum ist aber auch eine Warnung an alle ultraorthodoxen EU-Gläubigen, es nicht zu weit zu treiben mit der europäischen Integration.

procontra: Und was ist mit den Notenbanken?

Flossbach: Die werden tun, was sie immer tun, wenn irgendwo auf der Welt ein Krisenherd aufflammt: Sie werden eine noch aggressivere Geldpolitik fahren – nicht zuletzt, weil die Investoren mittlerweile von ihnen erwarten, genau das zu tun.

procontra: Für die Geldanlage ist der Brexit also keine Bedrohung?

Flossbach: Für die globale Konjunkturentwicklung ist er jedenfalls von untergeordneter Bedeutung. Für die EU, insbesondere die Eurozone, sind andere Entwicklungen gravierender, etwa jene in Italien. Die Banken dort sitzen auf faulen Krediten in Höhe von knapp 370 Milliarden Euro, das sind mehr als 18 Prozent ihres gesamten Kreditbestandes. Privatanleger haben rund 200 Milliarden Euro in Schuldverschreibungen der Finanzinstitute investiert, die bei einer Insolvenz auszufallen drohen. Bereits im vergangenen Jahr haben sich mehrere italienische Kleinsparer das Leben genommen, nachdem sie bei Bank-Insolvenzen ihre Ersparnisse verloren hatten. Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi versucht nun, die EU davon zu überzeugen, dass im Fall von Bankenpleiten doch der Staat geradestehen muss und nicht die privaten Gläubiger – entgegen der Bankenrettungsrichtlinie. Für die EU ist das eine größere Belastungsprobe als der Brexit. 

procontra: Sie warnen seit längerem vor einem Kollaps des Finanzsystems. Rückt er durch solche Entwicklungen näher?

Flossbach: Das Finanzsystem wird nicht kollabieren, aber die zu seiner Rettung erforderlichen Maßnahmen und die hohe weltweite Verschuldung werden langfristig das Geldsystem beziehungsweise den Geldwert gefährden. Die Kapitalmärkte sind völlig abhängig von der Liquiditätsflut der Notenbanken geworden, und viele Staaten kommen nur noch dank Tiefzinsen über die Runden. Die Notenbanken stecken in der Zwickmühle: Mit Dauertiefzinsen und Anleihekäufen sollen sie für stabile Finanzmärkte und günstige Staatsfinanzierung sorgen, gleichzeitig aber nicht die Geldwertstabilität gefährden. Das ist ein kaum aufzulösender Widerspruch. Es droht ein Vertrauensverlust breiter Bevölkerungsschichten in unser Geldsystem. Wann das passiert, lässt sich nicht genau vorhersagen. Die Welt ist aber deutlich fragiler geworden.

procontra: Noch scheint das Vertrauen in die Politik der Notenbanken intakt. Immerhin haben Anleger zuletzt wieder verstärkt Staatsanleihen gekauft, vor allem deutsche. War das ein Fehler?

Flossbach: Etwas ketzerisch könnte man diese Käufer mit Truthähnen vergleichen, die am Vorabend von Thanksgiving wie gewohnt zum Futtertrog laufen, um dann festzustellen, dass man ihnen nach dem Leben trachtet. Truthahn-Investoren denken kurzfristig und vernachlässigen die langfristigen Risiken. Sie leben im Vertrauen auf eine kontinuierliche Welt, blenden dabei die Gefahr von Strukturbrüchen aus. Eines Tages kommt das böse Erwachen. Ich glaube aber nicht, dass unter den Käufern derzeit viele Privatanleger sind. Das dürften im Wesentlichen institutionelle Investoren sein, denen die Anlagerichtlinien derartige Investments vorschreiben. Den Großteil der Papiere kauft ohnehin die EZB. 

Goldpreis und Mischfonds - Was Bert von Flossbach in Zukunft für den Goldpreis erwartet und warum Volatilität ein trügerischer Risiko-Indikator ist, lesen Sie in der kommenden Print-Ausgabe der procontra (ab 26.08.2016 erhältlich).

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