Rendite zehnjähriger Bundesanleihen erstmals negativ

Investmentfonds Top News von Stefan Terliesner

Den 14. Juni werden Investoren im Gedächtnis behalten. Wer dem deutschen Staat zehn Jahre lang Geld leihen will, muss dafür bezahlen. Auch für normale Sparer ist das ein historisches Ereignis.

Staatsanleihen

Negativ-Zins bei langlaufenden deutschen Staatsanleihen. Das will man nicht einmal geschenkt. (Symbolbild) Fotolia/pathdoc

Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschlands ist die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe unter null Prozent gefallen. Damit müssen Anleger dem Bund Geld geben, wenn sie ihm Geld leihen möchten. Nachrichtendiensten zufolge rentierte das Papier gegen 9.30 Uhr bei minus 0,003 Prozent. Bei Bundesanleihen kürzerer Laufzeit ist der Negativzins längst Alltag. In der vergangenen Woche wies die so genannte Bundkurve bei Papieren von zwei bis neun Jahren Fälligkeit überall ein Minus auf. Jetzt aber hat die Entwicklung einen neuen Höhepunkt erreicht.

Hinter dem Renditeabstieg steht das Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB), die immer mehr zurückgenommenen Erwartungen der Marktteilnehmer an eine Zinswende in den USA sowie die stärker werdenden Sorgen der Investoren vor einem Austritt Großbritanniens aus der EU (Brexit). Das Votum der Briten findet am 23. Juni statt. Angesichts der möglichen Turbulenzen, die ein Austritt zur Folge hätte, wollen die Marktteilnehmer sich offenbar derzeit nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Umfragen zeigen ein Kopf-an-Kopf-Rennen von Brexit-Befürwortern und -Gegnern.

Die deutsche zehnjährige Staatsanleihe ist der entscheidende Maßstab für die langfristigen Zinsen am Kapitalmarkt im Euroraum. Zudem bezieht sich der wichtigste Terminkontrakt am europäischen Anleihemarkt, der Bund-Future, auf diese Bundesanleihe.

Versicherer warnen vor Stabilitätsrisiken

Zur Entwicklung am Anleihemarkt erklärt in einer Pressemitteilung der Chefvolkswirt des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Klaus Wiener: „Der Rückgang der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen unter die Nulllinie markiert ein neues trauriges Kapitel in einem von der Geldpolitik verzerrten europäischen Anleihemarkt. Nach der Ankündigung der EZB im März, ihren ohnehin bereits extrem expansiven Kurs noch einmal zu lockern, ist das allgemeine Zinsniveau im Euro-Raum weiter gefallen. Im Zusammenspiel mit den wachsenden Sorgen über einen Austritt Großbritanniens aus der EU wurden die richtungsweisenden Kapitalmarktzinsen in Deutschland zum ersten Mal in ihrer Geschichte negativ. Mittlerweile sind die stark gefallenen Renditen eines der größten Stabilitätsrisiken, denn mit der früher oder später zu erwartenden Normalisierung des Zinsniveaus drohen massive Belastungen für die Konjunktur und die Finanzmärkte.“

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