„PKV hat nichts mit billig zu tun“

Versicherungen Top News von Matthias Hundt

PKV-Experte Hagen Engelhard über Kennzahlen, die auf Beitragssteigerungen hinweisen, Anbieter, die ihm Bauchschmerzen machen und warum neue Kundenpotenziale fokussiert werden müssen.

Hagen Engelhard, MediKost

procontra: Die Beitragsanpassung der DKV gibt (mal wieder) Anlass das ganze System der Privaten Krankenversicherung zu hinterfragen. Wie bewerten Sie die aktuelle Diskussion?

Hagen Engelhard: Diese Anpassungen sind ungewöhnlich deutlich. Dennoch muss man sie relativieren. In dem am meisten betroffenen Tarif sind die Anpassungen auf 129,90 Euro pro Monat limitiert. Dadurch ergibt sich eine durchschnittliche Anpassung aller Versicherten innerhalb der DKV von etwa 7,8 Prozent in diesem Jahr. Die Schlagzeilen - ausgelöst durch einige Politiker und „Fliegenträger“ - der Presse sind unangebracht.

procontra: Knapp 8 Prozent Beitragssteigerung darf man aber schonmal kritisch hinterfragen, oder nicht?

Engelhard: Selbstverständlich. Nur die Pauschalität darin missfällt mir. In weiten Teilen vergleiche ich das mit den schwachsinnigen Äußerungen als Reaktion auf die Vorfälle in der Silvesternacht in Köln. Die gleichen Politiker, die dort zu Recht zur Besonnenheit mahnen und warnen „nicht alle über einen Kamm zu scheren“, geben sich ideologisch gefärbt Schwarzmalerei-Orgien gegen die gesamte PKV hin.

procontra: Was sagen denn die nüchternen Zahlen?

Engelhard: Betrachtet man die letzten Jahre mit Beitragsanpassungen von 2,3 und 1,1 Prozent, liegt die DKV mit den aktuellen Anpassungen in einem Drei-Jahresschnitt von 3,7 Prozent. Das können andere Anbieter momentan zwar besser, aber einen Untergang der PKV kann ich darin nicht erkennen.

procontra: Nach einer Feierstimmung sucht man aber auch vergeblich.

Engelhard: Wie alle Unternehmen, die in diesen Zeiten unter anderem davon abhängig sind, dass sich Geld durch Zinsen vermehrt, besteht auch für die PKV-Anbieter eine der größten Herausforderungen in der Bewältigung der Niedrigzinsphase. Daran ist momentan wenig zu ändern. Doch man sollte offensiv mit der Frage von notwendigen Beitragsanpassungen umgehen und da wo notwendig, nach Senkung des Rechnungszinses die Beiträge erhöhen. Dazu bedarf es einer grundsätzlichen Abkehr von der Beitragsbetrachtung der Tarife.

procontra: Wie meinen Sie das?

Engelhard: PKV hat nichts mit billig zu tun. Gern nutze ich immer den Vergleich mit der automobilen Welt. Ein Porsche, Jaguar oder Maserati sind nichts für Normalverdiener, sondern etwas für Menschen mit einem hohen Einkommen. Es ist daher notwendig, bei einem sich verändernden Markt auf neue Kundenpotenziale zu fokussieren. Nicht mehr der Klein- bzw. Kleinstselbstständige ist der Kunde der Zukunft, sondern der „intellektuelle Gutverdiener“. Das hat Auswirkungen auf Produkte und vor allem den Vertrieb. Wer hier eine beginnende Entwicklung verschläft wird vermutlich abgehängt.

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