„Die Goldpolitik der Zentralbanken bleibt unkalkulierbar“

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Foto: Martin Siegel, © Stabilitas

Wie nachhaltig ist die Gold-Hausse seit Jahresbeginn? Angeblich kein Strohfeuer, obgleich Kursrückschläge drohen und Analysten einen wichtigen Faktor nicht einkalkulieren können. Das meint Martin Siegel, Edelmetallexperte der Investmentboutique Stabilitas.

procontra: Warum ist die derzeitige Kurserholung wirklich nachhaltig?

Martin Siegel:
Die Aufwärtsbewegung hat eine andere Qualität als die Erholungsversuche in den Jahren 2014 und 2015. Vor allem deutet der Umfang der Käufe in Standardgoldminenaktien und der ETFs darauf hin, dass sich die ganz großen Adressen in den Markt eingekauft haben. Eine Kapitalerhöhung der Franco-Nevada über 550 Millionen US-Dollar wurde so stark überzeichnet, dass sie auf 800 Millionen US-Dollar erweitert wurde. Hier haben keine Kleinanleger ihre Einstandskurse verbilligt.

procontra:
Im vergangenen Jahr vermissten Sie noch die notwendigen Informationen seitens der Notenbanken, um eine Goldprognose abgeben zu können. Nun sprechen Sie von einer Trendwende. Welche Informationen haben Sie inzwischen erhalten?

Siegel: Belastbare Zahlen über die Aktivitäten der Zentralbanken im Goldmarkt wird es wohl nie geben. Vor allem machen die Zentralbanken ein Geheimnis daraus, wie viel Gold sie an Investmentbanken ausgeliehen haben und welche Politik sie damit verfolgen. Dieser Faktor, der den Goldpreis jederzeit in beide Richtungen bewegen kann, bleibt für jeden Analysten unkalkulierbar.

procontra:
Aber trotzdem sehen Sie eine Trendwende. Anhand welcher Daten konkret?

Siegel:
Eine Trendwende am Goldmarkt kann an den verfügbaren Marktdaten abgeleitet werden. Zum einen konnten bereits im vierten Quartal 2015 auffällig umfangreiche Käufe von Standardgoldaktien beobachtet werden, die von extrem negativen Goldpreisprognosen der Investmentbanken begleitet wurden. Seit der Jahreswende folgten massive Käufe in Gold ETFs, die für den Anstieg des Goldpreises und der Goldminenaktien wesentlich verantwortlich sind. Beachtlich ist der Ausgleich der Unterbewertungen der Goldminenaktien und der Vorlauf der Silberminenaktien, die jetzt bereits einen Silberpreis von etwa 18 bis 20 US-Dollar je Unze vorwegnehmen. Unterstützt wird das Szenario von einer Befestigung der Basismetall- und Energiepreise.

procontra:
Stichwort Goldminenaktien: Wovon hängt deren Kursentwicklung noch ab, außer vom Goldpreis

Siegel:
Bei den Goldminenaktien spielen vor allem die Kursentwicklung der lokalen Währungen und die Energiekosten eine wesentliche Rolle. So konnten zuletzt die australischen und südafrikanischen Werte von der Schwäche ihrer Heimatwährungen profitieren. In südafrikanischen Rand notiert der Goldpreis beispielsweise auf einem Allzeithoch. Da die Energiekosten einen Anteil von etwa 30 bis 50 Prozent der Produktionskosten ausmachen, hat sich der fallende Ölpreis auf der Seite der Produktionskosten bemerkbar gemacht und bei vielen Gesellschaften dafür gesorgt, dass die Gewinnschwelle trotz des gedrückten Goldpreises überschritten werden konnte.




procontra:
Welche Risiken sehen Sie trotz derzeit steigender Kurse für Investoren?

Siegel:
Ob die Trendwende nachhaltig ist, hängt vor allem davon ab, ob die Käufe in den ETFs anhalten. Bei den Goldminenaktien wurde vor allem die fundamentale Unterbewertung ausgeglichen. Selbstverständlich beinhalten Kursanstiege von bis zu 100 Prozent innerhalb von vier Wochen eine gewisse Rückschlagsgefahr.

procontra:
Die Rückschlagsgefahr im Hinterkopf – welche Entwicklung des Goldpreises bis Jahresende halten Sie für realistisch?

Siegel:
Sollte die Fed die Zinsen nicht weiter anheben, dürfte sich der Goldpreisanstieg verflachen, so dass ein Preis zwischen 1.400 und 1.500 US-Dollar denkbar wäre. Sollte die Fed die Zinsen dagegen um mehrere Schritte weiter anheben, könnte der Goldpreis in die Nähe der Höchststände haussieren, da die Anleger in diesem Szenario aus der Anleiheblase flüchten würden. Ich halte das erste Szenario für wahrscheinlicher.

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