„Die Heftigkeit der Korrektur hat uns überrascht“

Investment-Talk Top News von Julia Groth

Yves Longchamp, Research-Chef des Fondsanbieters Ethenea, spricht über die größten Risiken für die Aktienmärkte. Und darüber, warum die Ethna-Fonds erst einmal defensiv positioniert bleiben.

Yves Longchamp, Head of Research bei ETHENEA Independent Investors (Schweiz) AG

procontra: Herr Longchamp, werden Sie nervös, wenn Sie sich derzeit die Märkte anschauen?

Yves Longchamp: Ich bin nervöser, wenn die Märkte fallen, als wenn sie steigen. Die Heftigkeit der jüngsten Korrektur hat uns überrascht. Der 24. August, an dem die Aktienmärkte weltweit um mehr als fünf Prozent absackten, war ein ziemlich anstrengender Tag. Zum Glück waren wir aus anderen Gründen bereits defensiv positioniert.

procontra: Was für Gründe waren das?

Longchamp: Die Aktienkurse waren stark gestiegen, die Liquidität am Markt hatte abgenommen. Wir hatten deshalb die Aktienquote gesenkt.

procontra: Was ist zurzeit das größte Risiko für den Aktienmarkt?

Longchamp: Für uns ist das ganz klar China. Es herrscht extreme Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung des Landes, die offiziellen Daten sind nicht verlässlich. Darüber hinaus sind die Schulden der chinesischen Privathaushalte gestiegen. Möglich, dass das Land am Ende eines Kreditzyklus‘ steht und nun ein Deleveraging einsetzt. Das würde die Wirtschaft belasten.

procontra: Wie wird es Ihrer Meinung nach weitergehen?

Longchamp: Das Wachstum in China wird sich wahrscheinlich verlangsamen. Das wird die anderen Schwellenländer, vor allem in Asien, unter Druck setzen. Asien hat mittlerweile einen Anteil von rund 25 Prozent am globalen Bruttoinlandsprodukt, deshalb sollte man dortige Krisen nicht unterschätzen. Die direkte Ansteckungsgefahr für Europa und die USA schätzen wir aber als gering ein.

procontra: In Europa und den USA gibt es dafür andere Risiken.

Longchamp: Die halten sich in Grenzen. Aus den USA kommen hauptsächlich gute Nachrichten. Die Wirtschaft wächst, der Arbeitsmarkt erholt sich. Die US-Notenbank wird deshalb unserer Ansicht nach im September den Leitzins anheben. Das wäre ein Zeichen dafür, dass das Kapitel Finanzkrise abgeschlossen ist und allmählich wieder Normalität einkehrt. Auch in Europa sieht es gut aus. Die Kreditnachfrage steigt, Konsumindikatoren sind positiv.

procontra: Spiegelt sich das in der Positionierung der Ethna-Fonds wider?

Longchamp: Wir sind immer noch defensiv aufgestellt und halten viel Liquidität. Die Aktienquote in unseren Fonds lag Ende August bei zwischen 6 und 36 Prozent. Wir warten ab, bis es Klarheit über den Kurs der Fed gibt. Es ist gar nicht mal so wichtig, ob sie im September tatsächlich die Zinsen anhebt. Wichtig ist, wie sie ihre Entscheidung begründet, ob sie sich etwa wegen der Wachstumsschwäche in China zurückhaltend zeigt. Die Aktienmärkte werden gerade stark von psychologischen Faktoren beeinflusst. Noch ist unklar, was der Auslöser für eine Erholung sein wird – China oder die Fed.

procontra: Die Anleiheseite ist zurzeit ebenfalls nicht leicht zu managen. Wie gehen Sie dort vor?

Longchamp: Auch dort sind wir defensiv positioniert. Die Frage ist, wann die langfristigen Zinsen wieder steigen werden. Es könnte so weit sein, wenn der Ölpreis und mit ihm die Inflation steigt. Das wäre ein gutes Zeichen.

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