„Märkte sind übers Ziel hinausgeschossen“

| Investmentfonds von Christian Hilmes

Foto: © James Thew

Die Börsenwoche begann mit einem „Schwarzen Montag“. Die Lage hat sich zwar wieder entspannt. Doch wie geht es weiter an den weltweiten Aktienmärkten? Einen Ausblick wagt Steven Bell, Chefvolkswirt der Londoner BMO Global Asset Management.

procontra: Was ist an derzeit den Börsen los?

Steven Bell: Die jüngsten Turbulenzen in China, ganz generell in den Schwellenländern und an den Rohstoffmärkten haben die Volatilität rapide nach oben getrieben, die Aktienmärkte der Industrienationen empfindlich getroffen und eine Rallye an den Anleihenmärkten ausgelöst. Die Lage in China beurteilen wir weiterhin skeptisch, die Kursverluste in den Industriestaaten hingegen sehen wir als Kaufgelegenheit.

procontra: Wie bewerten Sie die Entwicklung in China?

Bell: China hat echte – strukturelle und konjunkturelle – Probleme, die durch einige der gut gemeinten Reformen in letzter Zeit noch verschärft wurden. Die jüngste Abwertung des Renminbi etwa ist ein moderater Schritt in Richtung mehr Flexibilität, doch endet damit eine Zeit der Stabilität, und das schürt die Angst vor ‚Währungskriegen‘. Überdies hat das Kreditproblem in der Region am Markt generell zu höherer Risikoaversion geführt. Mit den Kursverlusten geht es der Übertreibung am chinesischen Aktienmarkt an den Kragen: Seit dem Kurshöhepunkt im Juni sind die Aktienmärkte um 37 Prozent gefallen, sie liegen aber immer noch 56 Prozent über dem Durchschnitt der ersten sechs Monate des Jahres 2014.

procontra: Hat Sie die Schwäche des Rohstoffmarktes überrascht?

Bell: Dass die Rohstoffpreise sowie die regionalen Aktienmärkte und Währungen wie etwa der australische Dollar daraufhin gesunken sind, ist keine Überraschung. Beim Öl ist die Schwäche Ausdruck des aktuellen und erwarteten Angebots (die Nachfrage steigt deutlich). Ganz grundsätzlich trennen sich die Börsenteilnehmer aktuell von Risiken und liquidieren Positionen.

procontra: Welche Gründe gibt es für den Kurseinbruch in den Industriestaaten?

Bell: Die entwickelten Märkte sind nach unserem Dafürhalten mittlerweile über das Ziel hinausgeschossen. Es besteht keine Inflationsgefahr, und auch Deflation zumindest durch sinkende Rohstoffpreise ist nicht zu erwarten. Die Bewertungen sind nicht übertrieben hoch, und die Geldpolitik bleibt nach wie vor extrem expansiv. Die USA und Europa, die zwei größten Wirtschaftsblöcke der Welt, wachsen – nicht schnell, aber doch schnell genug, um auch weiterhin für sinkende Arbeitslosigkeit zu sorgen. Die US-Notenbank hat mehrfach angekündigt, dass sie in der zweiten Jahreshälfte die Zinsen erhöhen will, sich bei dieser Entscheidung aber von der Datenlage leiten lässt. Da in den USA kaum etwas auf Inflation hindeutet, erfolgt der Zinsschritt nur bei realwirtschaftlichen Verbesserungen. In Europa und Japan ist nur die Frage, ob die Geldpolitik noch weiter gelockert werden soll.

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Foto: Steven Bell, Chefvolkswirt von BMO Global Asset Management

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