GDV: „Wir müssen Überbürokratisierung verhindern“

Versicherungen Top News von Stefan Terliesner

Drohen mehr Übernahmen und Marktaustritte durch Solvency II? Um das zu verhindern, müssen die neuen Anforderungen und Pflichten auch von kleineren Versicherern erfüllt werden können, fordert Dr. Axel Wehling, Hauptgeschäftsführer beim GDV.

procontra: Noch knapp ein Dreivierteljahr bis Solvency II. Sehen Sie noch Änderungsbedarf an der VAG-Novelle? 

Dr. Axel Wehling: Durchaus. Der deutsche Gesetzgeber darf bei der Umsetzung nicht über die Anforderungen von Solvency II hinausgehen. Regelungen, die unnötigen Aufwand und damit Wettbewerbsnachteile mit sich bringen, müssen gestrichen werden. Ein Beispiel ist die Testierung der Solvabilitätsübersicht, für die es in der EU-Richtlinie keine Grundlage gibt. Wichtig ist zudem eine stimmige Anpassung der europäischen Regelungen zu langfristigen Garantien. 

procontra: Dann lägen der BaFin, je nach Anbieter, testierte und untestierte Berichte vor, was unterschiedliche Prüfungsgrundlagen zur Folge hätte. Zudem sehen vier Augen mehr als nur die zwei der BaFin. 

Wehling: Eine zusätzliche Testierung bringt keinen Mehrwert, der den Aufwand rechtfertigen würde. Die Unternehmen müssen ohnehin laufend überwachen, ob die von ihnen etablierten Systeme und Strukturen den Solvency-II-Anforderungen genügen. Alleine in den Unternehmen überprüfen mehr als vier Augen die Richtigkeit der Daten – und zusätzlich die Augen der Aufsicht. Hinzu kommt, dass die Solvabilitätsübersicht nach Solvency II kein Bestandteil des HGB-Jahresabschlusses ist. Eine Testierung würde daher eine separate, umfassende Prüfung mit erheblichen Zusatzkosten bedeuten. 

procontra: Ist Solvency II nicht ohnehin ein Katalysator für tiefgreifende Veränderungen? 

Wehling: Spätestens seit Ausbruch der Finanzkrise fokussieren die Unternehmen mögliche Marktrisiken. Damit haben sie ein wesentliches Prinzip von Solvency II bereits verinnerlicht. Wesentliche Governance-Anforderungen sind geübte Praxis, die quantitativen Anforderungen wurden mit vielen Studien getestet. Auf lange Sicht bringt Solvency II der Branche daher Stabilität. 

procontra: Wie realistisch sind die Szenarien verstärkter Übernahmen und Marktaustritte durch Solvency II? 

Wehling: Zwar sind die derzeit extrem niedrigen Zinsen für viele Unternehmen eine Herausforderung. Sowohl die BaFin-Vollerhebung als auch der Stresstest der EIOPA belegen jedoch, dass die Branche gut auf Solvency II vorbereitet ist. Verhindern müssen wir, dass ein Konsolidierungsdruck allein aufgrund einer Überbürokratisierung entsteht: Die Governance-Anforderungen und Berichtspflichten müssen so gestaltet werden, dass sie auch von kleineren Unternehmen erfüllt werden können. 

procontra: Gestaltet Solvency II die Kapitalanlage nicht flexibler? Und stellt damit eine Verbesserung dar? 

Wehling: In der Tat erhalten die Versicherer grundsätzlich mehr Freiraum. An die Stelle starrer Vorschriften tritt ein risikobasierter Ansatz, der eine den Risiken der jeweiligen Kapitalanlage angemessene Eigenmittelunterlegung vorsieht. Leider passt jedoch die Kalibrierung nicht bei allen Kapitalanlagen. So müssen etwa Investitionen in Infrastruktur derzeit mit ebenso viel Eigenkapital abgesichert werden wie Anlagen in Hedgefonds oder Private Equity, obwohl diese deutlich höhere finanzielle Risiken aufweisen. Auch bei Immobilien liegen die Eigenmittelanforderungen noch zu hoch. 

procontra: Was wären hier Ihre Forderungen? 

Wehling: Wenn für Investitionen in Infrastruktur genauso viel Kapital vorzuhalten ist wie für risikoreichere Anlagen, widerspricht dies nicht nur den tatsächlichen Risiken, sondern auch dem politischen Ziel einer weiteren Nutzung privaten Kapitals. Wir halten eine Eigenmittelunterlegung von 25 Prozent für angemessen. 

procontra: Andererseits werden für EU-Staatsanleihen 0 Prozent angesetzt, was auch nicht mehr dem tatsächlichen Risiko entspricht. 

Wehling: Ja, das heißt aber nicht, dass die Unternehmen die Risiken nicht aktiv managen. Über rein quantitative Vorgaben hinaus ist jedes Unternehmen – aufsichtsrechtlich sowie aus Eigeninteresse – angehalten, die eingegangenen Risiken zu bewerten und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Auch die Risiken von Staatsanleihen. Hierzu gehören insbesondere eine ausgewogene Mischung und Streuung der Kapitalanlagen. 

Foto: GDV

  • Facebook Kommentare
  • Disqus Kommentare