Der GDV-Kodex wirkt nicht!

Berater Versicherungen Top News von Markus Rieksmeier

Zur Wirksamkeit seines Vertriebskodex lässt sich der GDV-Verband nicht beim Wort nehmen – und schweigt. Demnächst sollen Wirtschaftsprüfer die Einhaltung des Kodex testieren - auch direkte Eingaben von Kunden könnten dabei eine Rolle spielen.

Papier ist geduldig. Die Versicherer geben sich mit dem "verschäften" GDV-Kodex hohe „Verhaltensmaßstäbe“ für den Vertrieb. Wirkt der Kodex? Aller Voraussicht nach nicht. Zumindest nicht zwingend, weil die Versicherer ihren hohen, selbst gesetzten ethischen Pflichten im Zweifel nicht nachkommen müssen. Dies lässt sich begründen:

Im Regelungspunkt 11 des GDV-Kodex verpflichten sich die Versicherer, sich alle zwei Jahre von einem Wirtschaftsprüfer ein Testat, also ein Siegel zur Einhaltung des Kodex einzuholen - wie bei der jährlichen Bilanz, die ja auch von einem gestrengen Wirtschaftsprüfer testiert wird.

Wahlrecht entwertet echte Wirksamkeit
Hohe Erwartungen hierzu könnten enttäuscht werden. Für ihr Testat zum GDV-Kodex haben die Versicherer nämlich ein Wahlrecht: Sie können sich vom Wirtschaftsprüfer lediglich die „Angemessenheit“ des Kodex testieren lassen, oder dessen konkrete „Wirksamkeit“ im Unternehmen.

Nur bei der „Wirksamkeitsprüfung“ macht der Wirtschaftsprüfer, stark verkürzt gesagt, einen echten Soll-Ist-Abgleich und testiert sozusagen: „Kodex eingehalten“. Aber wegen des laut Kodex Nr. 11 bestehenden Wahlrechts ist kein Versicherer zu einer Wirksamkeitsprüfung gezwungen.

Ausflucht „Angemessenheit“
Bei der einfacheren Variante „Angemessenheitsprüfung“ spielen Tatsachen-Vorgänge keine Rolle! Ob der Kodex vom betreffenden Versicherer gut oder schlecht eingehalten wurde, das wird gar nicht geprüft. Laut Nr. 11 des Kodex wird beim Kriterium Angemessenheit nur geprüft, „ob das Versicherungs-Unternehmen die Regelungen des Kodex in seine eigenen Vorschriften aufgenommen hat“.

Kodex muss nur da stehen
Der Kodex muss – vereinfacht gesagt - also nur dort hingeschrieben werden, wo er gemäß Prozessbeschreibungen oder definierten Arbeitsabläufen der Versicherer hingehört. Fertig. Diesen wirkungslosen nun als Kodex zu bezeichnen, wie der GDV es tut, wirkt im Zusammenhang mit der laschen Angemessenheits-Prüfung unangemessen zynisch.

Verschärft oder wirkungslos?
Steht der Kodex überall dort, wo er hin soll, dann testiert der Wirtschaftsprüfer künftig: „Kodex angemessen“. Dr. Thomas Kagermeier, Wirtschaftsprüfer und Partner des Beratungsunternehmens KPMG, bestätigt gegenüber procontra, dass die Versicherer das beschriebene Wahlrecht tatsächlich haben. Aus dem Text des Kodex lässt sich das Wahlrecht nur nur schwer ablesen. Dagegen nimmt der GDV für sich und den Kodex Transparenz in Anspruch: „Dieser Verhaltenskodex stellt die Verhaltensmaßstäbe für den Vertrieb (…) transparent dar“, steht im Vorwort.

Kodex nicht transparent
Transparent? Verklausuliert. Zum Testat der Wirtschaftsprüfer steht im Kodex: „Die Prüfung kann sich auf die Angemessenheit oder auf die Wirksamkeit beziehen. Gegenstand der Prüfung ist somit die Feststellung, ob das Versicherungs-Unternehmen die Regelungen des Kodex in seine eigenen Vorschriften aufgenommen hat und diese – im Fall der Wirksamkeitsprüfung – auch praktiziert“. Für den Fall, dass der Kodex auch von Kunden gelesen und verstanden werden soll, abwegig ist das nicht, würde es der durchschnittliche Adressat, der Bürger, kaum verstehen.

GDV will nicht vorgreifen
Ähnlich verhielte es sich mit dem nicht erklärten Begriff „Compliance-Vorschriften“, dem Regelungspunkt Nr. 3 des Textes. Wie funktioniert die Prüfung der Einhaltung des Kodex durch die Wirtschaftsprüfer genau? procontra hat beim GDV-Verband angefragt, welches weitere Regelwerk hierfür gilt. Hierzu verwies eine Sprecherin des Verbands lediglich darauf, dass die entsprechenden Prüfberichte demnächst veröffentlicht werden und bittet für den GDV um Verständnis, „dass wir dem nicht vorgreifen wollen“.

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Foto: © ivan kmit - Fotolia.com

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