Bewährungsprobe aus Brüssel

Versicherungen Top News von Stefan Terliesner

Ab 2016 gilt ein neues Aufsichtsrecht, welches die Welt der Lebensversicherer nachhaltig verändern wird. Welche Folgen die VAG-Novelle für Markt und Makler hat und welche Vorgaben erfüllt werden müssen

Am Dienstag war Stichtag für die Novellierung des Versicherungsaufsichtsgesetzes (VAG), das der Bundesrat vor einem Monat mit entscheidenden Änderungen verabschiedet hat. Für die Assekuranz ebenfalls von größter Bedeutung ist nun der 1. Januar 2016, wenn durch die VAG-Novelle die europäische Solvency-II-Richtlinie in deutsches Recht überführt wird.

Regulierung ist teuer
Die neuen Eigenkapital- und Aufsichtsregeln führen zu enormen Veränderungen in der deutschen Branche mit ihren immer noch 571 Kranken-, Lebens- und Schadens-/Unfallversicherern. Denn sie ist erst mal vor allem eines: teuer – und verschärft damit die aus dem Zinstief resultierenden Probleme der Anbieter. Nicht jeder Versicherer wird überleben. Peter Przybilla, Geschäftsführer bei Hengstenberg & Partner Versicherungsmakler, kann sich gut vorstellen, „dass es jetzt zu einer Konsolidierung kommt“.

Eine Bereinigung freilich hätte auch gravierende Auswirkungen auf die Art und Weise, wie Versicherungsverträge verkauft werden. Die Sparte Leben – und mit Abstrichen auch Kranken – ist besonders stark von Solvency II betroffen. Insbesondere weil Versicherer bei ihren Garantieversprechen künftig stärker selber ins Risiko gehen müssen. Das Leben- und Kranken-  ist aber das „Brot und Butter“-Geschäft der rund 240.000 registrierten Finanzdienstleister. Allein von Schadens- und Unfallpolicen können die wenigsten leben.

Lange Übergangsfrist
Glaubt man den Lobbyisten der Lebensversicherer, ging es aus deutscher Sicht lange Zeit ums nackte Überleben ihres Geschäftsmodells. Zwischenzeitlich hieß es, „Solvency II destabilisiert die Branche. Jeder zweite Lebensversicherer könnte pleitegehen.“ Entsprechend heftig wurde um jede Regel gerungen. Erst Ende 2013 einigten sich EU-Kommission, EU-Rat und Branchenvertreter auf einen Kompromiss, mit dem die deutsche Seite klarkommt. Im März 2014 stimmte das EU-Parlament dem Regelwerk zu. Für heimische Anbieter von „entscheidender Bedeutung“, so Felix Hufeld, bei der BaFin für die Assekuranz zuständig, war die Übergangsfrist von insgesamt 16 Jahren.

So rettet vor allem die Zinsübergangsbestimmung das Modell der Lebensversicherung mit fester Garantie über die gesamte Vertragslaufzeit. Um die Rückstellungen für langfristige Verbindlichkeiten berechnen zu können, müssen die Versicherer künftige Zinsen abschätzen können. Das Problem: Unter Solvency II müssen die Anbieter ihre Verbindlichkeiten (und Kapitalanlagen) zu Marktpreisen bewerten und mit entsprechend viel Eigenkapital unterlegen.

Ändert sich der Zins, ändert sich der Eigenkapitalbedarf. Unter diesen Bedingungen wären Zinsgarantien über Jahrzehnte kaum noch möglich gewesen. Um dieses Problem aufzufangen, sieht Solvency II eine Zinsstrukturkurve vor, die – ausgehend vom heutigen Zinsniveau – die künftigen Zinsen modelliert. Diese Kurve müssen die Versicherer nicht zwingend ab 2016 anwenden. Sie können sie schrittweise einführen und das erforderliche Eigenkapital sukzessiv aufbauen. Das Aufsichtsregime besteht aus drei Säulen.

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Illustration: Roman Kulon

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