Das starre Rentenalter ist out

Berater Top News von Markus Rieksmeier

Die Mehrheit der Deutschen hat sich mit einer längeren Lebensarbeitszeit abgefunden. Zugleich wünschen die Menschen aber mehr Flexibilität beim Übergang in die Rente, weil ein Teil von ihnen gerne länger arbeiten möchte.

Statt einer starren Altersgrenze wünschen sich mehr als zwei Drittel der Menschen eine Art Alterskorridor, wenn es um den Wechsel von der Arbeit in den Ruhestand geht. Das geht aus einer Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) hervor, das von der Deutschen Bank-Gruppe getragen wird. Zwar möchte ein Teil der arbeitenden Bevölkerung gerne früher in die Rente gehen. Diesen Menschen kommt zum Beispiel die Bundesregierung mit der vorgesehenen abschlagsfreien Rente mit 63 entgegen, wenn sie 45 Beitragsjahre nachweisen können. Mit dem entsprechenden Gesetz ist in dieser Regierungsperiode zu rechnen.

Andererseits möchten viele Menschen auch länger arbeiten. Laut DIA sind inzwischen 56 Prozent der für die Studie befragten Menschen mit einer längeren Lebensarbeitszeit einverstanden. 70 Prozent der Werktätigen würde ein Renten-Mindestalter genügen, weil sie selbst über ein eventuell späteres Rentenalter entscheiden möchten. Wie hinderlich starre Rentenalter sein können, das DIA spricht von einem Relikt, zeigt ein Arbeitsgerichtsprozess bei Volkswagen. 

Relikt Regelaltersgrenze
Bis vor das Bundesarbeitsgericht (BAG) klagten zwei ehemalige VW-Arbeitnehmer, weil sie mit 65 quasi automatisch in Rente geschickt worden waren. Sie wollten gern, durften aber nicht länger arbeiten, obwohl ihr Arbeitsvertrag keine Altersgrenze enthielt. Diese Grenze stand dafür in der Betriebsvereinbarung zwischen dem VW-Betriebsrat und dem Vorstand. Für die beiden Kläger galt: Mit 65 ist Schluss. Dies bestätigte dem DIA zufolge auch das BAG, weil eine Betriebsvereinbarung Vorrang vor dem individuellen Arbeitsvertrag hat.

Die Entscheidung des BAG beruhte auf den gegebenen Rechtsgrundlagen. Richter sprechen Recht und machen keine Sozialpolitik. Das ist auch nicht ihre Aufgabe. Es sind Demografen und Arbeitswissenschaftler, die starre, strenge Rentenalter immer mehr in Frage stellen. So hat sich auch das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (BIBE) mit Altersregelungen zur Rente befasst. Ausgehend von einer Demografie-Studie, bei der die Lebensarbeitszeit ebenfalls Forschungs-Gegenstand ist, hat das BIBE nun untersucht, was Renten-Ökonomen und Politik von anderen Ländern lernen können.

Keine Zwangsverrentungen mehr
Unter dem Titel „Produktiv im Alter“ hat das BIBE nun die Erfahrungen mit Renten-Regelungen in anderen Ländern zusammengefasst. Als Beispiele werden Finnland, Norwegen und Großbritannien aufgeführt. Demnach gilt in Finnland seit 2005 ein flexibles Rentenalter in der Spanne von 63 bis 68 Jahren. Wer vor 63 in Rente will, der kann auch das, aber mit deutlichen Abschlägen. Einen ähnlichen Rentenkorridor führte Norwegen im Jahr 2011 ein. Dort gilt eine Altersspanne von 62 bis 75 Jahren.

Großbritannien regelt den Rentenübergang pragmatisch und setzt nur eine Untergrenze von 65 Jahren, die demnächst schrittweise auf 68 steigt. Eine feste Obergrenze für das Arbeitsleben gibt nicht. Dementsprechend sind Kündigungen oder Zwangs-Verrentungen wegen des Alters nicht mehr möglich. Laut der BIBE-Studie „Produktiv im Alter“ hätte eine reine Alters-Untergrenze zugleich eine symbolische Wirkung, weil damit auch in den Köpfen der Menschen die strikte Trennung von Arbeit und unproduktiven Ruhestand aufgehoben werde.

Foto: © bluedesign - Fotolia.com

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