Ernüchterung mit „Pflege-Bahr“ ?

Berater procontra-Kolumnisten von Dr. Peter Schmidt

Tagtäglich schließen rund 1.000 Kunden eine staatlich geförderte Pflegezusatzversicherung ab. Wie kommt es dann aber, dass bei manchem Makler und Vermittler doch eher Ernüchterung im Geschäft mit den „Pflege-Bahr“-Produkten vorzuherrschen scheint?

Spricht man in diesen Tagen Makler auf  „Pflege-Bahr“ -Anträge an, so bekommt man häufiger ein Abwinken als erfolgreiche Mimik zu Gesicht. Auch bei den Versicherern sind die Anteile der „Pflege-Bahr“ - Umsätze im Vergleich zu den sonst eingehenden Pflegezusatzanträgen geringer. Branchenkenner sprechen von einem Verhältnis von etwa 1:10 zu „Ungunsten“ der Pflege-Bahr-Tarife. Woran liegt das?

Wieder einmal Gegenwind von den Verbraucherschützern statt Ermutigung
der Verbraucher

Bereits wenige Wochen nach dem Start der staatlich geförderten Pflegezusatzversicherungen kam Gegenwind von der Stiftung Warentest. Die Tarife rentierten sich nicht, die Finanzierungslücke würde nicht geschlossen und die Tarifbedingungen seien schlecht, wurde argumentiert. Und dies ging wohl nicht nur in die Ohren mancher Kunden sondern auch der Vermittler. Von der fragwürdigen Analyse und Auswertung der Verbraucherschützer in dieser Frage abgesehen, muss man betonen: Es war nie Ziel und Anspruch dieser Produkte eine Vollkasko für Alles und Jedes im Pflegefall zu sein. Es ging um den geförderten Einstieg in einen eigenverantwortlichen Teil der Pflegevorsorge.

„Pflege-Bahr“ mit Vorteilen für junge Menschen

Gerade für junge Leute ist der Start in die eigene Pflegevorsorge über ein Pflege-Bahr-Produkt vorteilhaft, da der frühe Einstieg zu einem geringen Beitrag meist gute und höhere Leistungen möglich macht.  Das hat sich aber eben noch nicht rumgesprochen. Gesundheitsminister Daniel Bahr wurde Anfang des Jahres mal gefragt, ob es mit dem großen Run solange wie bei „Riester“ dauern würde. Er formulierte treffend: „Ich weiß, dass es für junge Leute nicht sehr sexy ist, in der Disco zu erzählen, dass man gerade eine Pflegezusatzversicherung abgeschlossen hat.  Aber es gibt Tarifangebote, bei denen gerade Jüngere und Geringverdiener schon mit zehn Euro im Monat aus der eigenen Tasche plus fünf Euro staatlichem Zuschuss sehr viel
für die spätere Pflegeleistung erreichen können.“

Tarifqualität besonders bei älteren Menschen beachten

Inzwischen ist vielen Vermittlern klar geworden, dass bei älteren Menschen besonders zu prüfen ist, welche Absicherung geeignet ist. „Pflege-Bahr“ plus Aufbautarif kann eine Lösung sein. Häufig sind aber die nicht geförderten Pflegetagegeldtarife für diese Kunden die preis- und leistungsmäßig bessere Wahl. Es sei denn, der vorvertragliche Gesundheitszustand des Kunden macht es notwendig, den Kontrahierungszwang des Bahr-Tarifes zu nutzen.

Die Vorgabe des Kontrahierungszwangs für geförderte Bahr-Tarife hat der Gesetzgeber mit einem Spielraum für die Versicherer bei der Tarifgestaltung zum Beispiel bei Wartezeit, Dynamik oder dem Geltungsbereich verbunden. Für sachkundige Makler sind aber gerade diese Kriterien der Grund, warum man nicht die „Pflege-Teilkasko“ sondern die  „Vollkasko“ empfiehlt. Es werden den Kunden die höherwertige Tarife empfohlen - und das ist gut so. So kommen die Kunden auch in den leistungsmäßigen Genuss von Zusatzleistungen wie Inflationsschutz über Dynamikregelungen, Wegfall von Wartezeiten, erweiterten Geltungsbereich oder auch Beitragsbefreiung im Leistungsfall,  bei Arbeitslosigkeit oder bei Arbeitsunfähigkeit.

Fazit: Es ist gut, dass mit der Einführung der staatlich geförderten Pflegevorsorge das Thema Pflege ins Rampenlicht der Politik und des Alltages der Menschen gerückt wurde. Und es ist aus meiner Sicht egal, welche Pflegevorsorge die Verbraucher auswählen, Hauptsache sie tun es überhaupt, wenn sie es finanziell leisten können. Eigenvorsorge stärkt die Gemeinschaft, in dem die Versorge des Staates sich auf die wirklich Bedürftigen konzentrieren kann. In dem Sinne ist auch wenig Grund für „Ernüchterung“, wenn statt „Pflege-Bahr“ eine leistungsstarke Pflegetagegeld-Versicherung oder eine Pflege-Rente abgeschlossen wird.

Autor des Beitrages ist Dr. Peter Schmidt, Unternehmensberater im Bereich Versicherungen mit langjähriger Erfahrung als Führungskraft und Vorstand im Bereich Personenversicherung / Maklervertrieb bei deutschen Versicherern.

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