Zeitgemäße Garantien gesucht

Versicherungen Top News von Björn Wichert

Die Zinsen sind im Keller, die Überschussbeteiligung ist auf ein Rekordtief gesunken – und die Lebensversicherer diskutieren neue Garantiemodelle.

Am Ende eines jeden Jahres legen die Lebensversicherer ihre Überschussbeteiligung fest, mit der sie den Sparanteil der Policen ihrer Kunden verzinsen. Für das Jahr 2013 haben die Anbieter im Vergleich zum Vorjahr marktweit eine deutliche Absenkung der laufenden Verzinsung (Höchstrechnungszins und Zinsüberschuss) vorgenommen. Für den Beispielfall einer privaten Rentenversicherung gegen laufende Beitragszahlung, der anteilsmäßig größten Produktart im Neugeschäft, bieten die Gesellschaften im Schnitt nur noch 3,61 Prozent, wie der diesjährigen Untersuchung „Marktstudie 2013: Die Überschussbeteiligung in der Lebensversicherung“ der ASSEKURATA Assekuranz Rating-Agentur GmbH zu entnehmen ist, die auf den Angaben von knapp 70 Marktteilnehmern mit rund 94 Prozent Marktanteil beruht. Für ASSEKURATA-Geschäftsführer Dr. Reiner Will befindet sich die aktuelle durchschnittliche Verzinsungshöhe „im Wettbewerbsvergleich weiterhin auf hohem Niveau“. Im Vorjahr betrug die durchschnittliche Deklaration noch 3,91 Prozent – und lag Anfang des Jahrtausends sogar noch bei rund 7 Prozent.

Lediglich acht Gesellschaften haben ihre laufende Verzinsung für das laufende Jahr nicht abgesenkt. Die stärkste Reduzierung haben die Familienfürsorge (minus 0,75 Prozentpunkte), die ERGO (minus 0,6 Prozentpunkte) und die Öffentliche Oldenburg (minus 0,55 Prozentpunkte) vorgenommen. Bei ALTE LEIPZIGER, Basler, Saarland, Süddeutscher und SV Sparkassenversicherung gab es eine Reduzierung um einen halben Prozentpunkt.
Aktuell bietet mit rund einem Dutzend Gesellschaften nicht einmal mehr jeder fünfte Anbieter eine laufende Verzinsung von 4,0 Prozent und höher. Die höchsten Werte gibt es bei der TARGO (4,30 Prozent), der Landeslebenshilfe (4,25 Prozent) sowie der InterRisk und der myLife (jeweils 4,05 Prozent).

Niedrigzinsumfeld als Problemfeld.
Als Grund für die deutlichen Kürzungen wird durch die Bank das aktuelle Niedrigzinsumfeld angegeben. So auch beim Marktführer Allianz, der die laufende Verzinsung für 2013 um 0,4 Prozentpunkte auf 3,6 Prozent zurückgeschraubt hat. Vorstandschef Markus Faulhaber erklärte, dass die Branche „in der neuen Normalität nach der Finanzkrise akzeptieren“ müsse, „dass die in der Vergangenheit erzielten Renditen nicht als Maßstab für künftige Zinserträge gelten können“. Das ganze Ausmaß der Niedrigzinsproblematik wird bei einem Blick in die Bestände der Branche deutlich. Denn die Anbieter haben noch zahlreiche Policen aus Zeiten mit Garantiezinssätzen von bis zu 4,0 Prozent zu bedienen. Diese „Hochprozenter“ kommen nach Schätzungen von Branchenexperten auf einen Anteil von rund einem Viertel am Gesamtbestand. Marktweit liegt der durchschnittliche Garantiezins laut ASSEKURATA aktuell bei 3,15 Prozent. Dabei müssen fast zwei Drittel mit einem garantierten Zins von 3 Prozent und höher bedient werden, während der Anteil der Verträge mit 1,75 Prozent Garantiezins nicht einmal 2 Prozent ausmacht. Damit in der Niedrigzinsphase auch die 4-prozentigen Zinsversprechen langfristig erfüllt werden können, hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) die Versicherer zusätzlich zur Bildung einer sogenannten Zinszusatzreserve verpflichtet. Diese belief sich nach ASSEKURATA-Angaben 2011 branchenweit auf 1,5 Milliarden Euro und 2012 auf rund 5 Milliarden Euro – ein hübsches Sümmchen, das den Anbietern nicht mehr für die Verteilung an Neukunden zur Verfügung steht.
Da in der Fachwelt nicht einmal die größten Optimisten davon ausgehen, dass die Zinsen kurzfristig wieder anziehen werden, wird sich das Problem der Lebensversicherer weiter verschärfen. Denn es wird für die Kapitalanlageabteilungen der Anbieter zunehmend schwieriger, am heutigen Markt ausreichend Rendite zu erwirtschaften, um die hohen Zinsversprechen aus der Vergangenheit über einen jahrzehntelangen Zeitraum bedienen zu können.

Neue Wege für die Produktgestaltung. Auf dem diesjährigen BaFin-Neujahrsempfang forderte Präsidentin Dr. Elke König die Branche vor diesem Hintergrund zum Umdenken auf – und mahnte die Lebensversicherer, in der Produktgestaltung neue Wege zu gehen. Auch unter den Marktteilnehmern selbst mehren sich entsprechende Stimmen, die eine Abkehr vom Garantiezins für notwendig halten. Als alternative Garantieformen werden unter anderem ein zeitlich befristeter Garantiezins oder eine Garantie in maximaler Höhe eines Inflationsausgleichs ins Spiel gebracht – oder die Garantie könnte in verschiedene Zeitstrecken (Niveau 1 in Ansparphase, Niveau 2 in Auszahlungsphase o. ä.) zerlegt werden.

In eine ähnliche Richtung geht auch der Vorschlag der Deutschen Aktuarvereinigung e. V. (DAV). Diese hat letztes Jahr ein moduliertes Garantiesystem vorgestellt, bei dem die Garantieleistung derart ausgestaltet ist, „dass ihre Finanzierung möglichst wenig davon abhängt, welchen Zinssatz das Unternehmen auf Dauer zu erwirtschaften hofft, und möglichst stark davon abhängt, welche Erträge tatsächlich am Kapitalmarkt nachweisbar erzielt werden können“, stellen die Aktuare heraus. Das DAV-Modell basiert auf einem zweistufigen Höchstrechnungszins. Das Konzept sieht einen anfänglichen (initialen) und einen abschließenden (finalen) Wert vor, die beide bei Vertragsschluss endgültig festgelegt sind. Auf diese Weise könne man einem volatilen Zinsumfeld besser Rechnung tragen. Marktfertige Produktkonzeptionen liegen allerdings noch nicht auf dem Tisch.

Moderne Fondspolicen – der richtige Weg? Allerdings haben die Produktentwickler zahlreicher Gesellschaften in den letzten Jahren moderne Fondspolicen entwickelt, die Garantien über den klassischen Deckungsstock hinaus bieten und Sicherheit mit Renditechancen und Flexibilität kombinieren. Aktuell gehören die Policen meist in die Kategorie der sogenannten dynamischen Drei-Topf-Hybride, bei denen die Beiträge in drei Töpfe verteilt werden (in der Regel Deckungsstock, Wertsicherungsfonds und freie Fondsanlage). Je nach Marktlage können dann Umschichtungen vorgenommen werden, um das zugesagte, oft individuell wählbare Garantieniveau bedienen zu können. Die Zurich beispielsweise bietet bei ihrer Fondsprodukt-Familie „Premium“ eine Garantie, die nicht über den Deckungsstock abgebildet wird, sondern über ein aktives Management der Anlagen – und ist mit dem Absatz hoch zufrieden (siehe Interview).

Marktweit gibt es allerdings generell nur eine begrenzte Nachfrage nach Fondspolicen. Nach dem noch aktuellen „FLV-Update 2011“ der Unternehmensberatung Towers Watson aus dem Frühsommer 2012 entfiel im gesamten Lebensversicherungs-Neugeschäft zuletzt nur noch jeder siebte Beitrags-Euro auf eine fondsgebundene Lebensversicherung. Im Jahr zuvor war es noch rund jeder sechste, 2007 und 2008 hingegen beinahe jeder dritte Beitrags-Euro.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob sich die Produktanbieter mit der Entwicklung immer neuer Fondspolicen mit immer innovativeren Sicherheitsmechanismen nicht vergaloppieren. Denn ob die Sicherungskonzepte in immer volatiler werdenden Märk-ten langfristig bestehen können, wird erst die Zeit zeigen. Das Hauptziel bei der Altersvorsorge ist aus Kundensicht nämlich die Sicherheit der Bezüge im Ruhestand. Es bleibt abzuwarten, welche Antworten die Produktgeber in den nächsten Monaten finden werden auf die Frage, wie zeitgemäße Garantien aussehen.

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