Ade, heile PKV-Welt

| Versicherungen | Top News von Stefan Terliesner

Lange hat die Branche das Zinstief am Kapitalmarkt ignoriert. Jetzt müssen die Anbieter ihren Rechnungszins senken und die Beiträge erhöhen.

Makler sollten sich genauer mit der Tarifkalkulation in der PKV befassen. Der Grund: Wer hier nicht hinschaut, vermittelt in Zukunft rasch einen Tarif, der für die Versicherten schon bald deutlich teurer wird. Der Ärger fiele auch auf den Makler zurück. Hintergrund ist das Verfahren „aktuarieller Unternehmenszins“ (AUZ). Es zwingt Anbieter zur Absenkung des Höchstrechnungszinses von 3,5 Prozent, wenn sie perspektivisch diese Verzinsung nicht erreichen. Und genau das ist wegen des Zinstiefs am Kapitalmarkt kaum noch zu verhindern.
Folge: Für den Neuzugang steigen die Beiträge eventuell sofort und für den Bestand mit der nächsten Beitragsanpassung. Damit würden die PKV-Anbieter nur individuell nachholen, was die Lebensversicherer auf Anordnung der Finanzaufsicht (BaFin) längst einheitlich vollzogen haben. Bekanntlich beträgt der Rechnungszins in der Lebensversicherung nur noch 1,75 Prozent.

Im Visier der Aufsicht
In der PKV senken etwa ARAG und Central Kranken ab 2013 für das Neugeschäft den Rechnungszins auf 2,75 Prozent. Eigenen Angaben zufolge schließt sich ARAG einer Empfehlung der DAV an und sieht hierin „eine Inves­tition zugunsten der Beitragstabilität“. Zunächst aber steigen die Beiträge. Laut Ronald Voigt von Central Kranken wird die „Mehrprämie in der Vollversicherung 6 bis 8 Prozent betragen“. Voigt begründet die Maßnahme mit einem „Verlust von Glaubwürdigkeit, würden wir einem Kunden, der ab Januar neu abschließt, bereits in wenigen Jahren eine zinssatzbedingte Anpassung zumuten“. Für den Bestand sieht Central Kranken keine Notwendigkeit, den Rechnungszins abzusenken. Voigts Angaben zufolge erzielt Central Kranken in der Kapitalanlage eine Nettoverzinsung von 4 Prozent und liegt damit im Durchschnitt aller Versicherer.

Entscheidend ist also die Nettoverzinsung. Sie darf nicht längere Zeit unter dem Rechnungszins liegen. Die BaFin achtet darauf. Einigen hat sie bereits eine vorsichtigere Tarifkalkulation auferlegt. Sie müssen ihren Rechnungszins senken. Wie in der Branche zu hören ist, dürften zum Jahreswechsel scharenweise Versicherer ihren Rechnungszins absenken – mehr oder weniger freiwillig.  

Tarifchaos zum Jahreswechsel
Aus Sicht der Anbieter ist die Gelegenheit günstig. Denn zum 21. Dezember müssen die Versicherer sowieso alle Tarife auf Unisex umstellen. Und die Unisex-Welt wird teurer. Hierauf hat die Branche die Versicherungsnehmer immer wieder hingewiesen. In dieser Tarifumstellung freilich könnte man auch gut die Beitragserhöhung aus einer Absenkung des Rechnungszinses verstecken, so vielleicht das Kalkül einiger Versicherungsvorstände.

Eine weitere Neuerung kommt hinzu: Der PKV-Verband registriert bei seinen Mitgliedern den Drang, bestimmte Leistungen in ihre Tarife aufzunehmen, um in Zukunft den Vorwurf kontern zu können, weniger Leistungen als die GKV anzubieten. Stichworte sind: erweiterter Hilfsmittelkatalog und ambulante Psychotherapie. Damit allerdings ist das Durcheinander perfekt. Warum der Beitrag eines Tarifs in welcher Höhe steigt, dürften wohl nur noch die Mathematiker bei den Anbietern selbst durchschauen. Dennoch sollten Makler hier im Sinne insbesondere ihrer Neukunden für möglichst viel Transparenz sorgen. Vielleicht einfach mal die Versicherer jeweils nach der Höhe ihrer Nettoverzinsung und ihres Höchstrechnungszinses fragen …
 
Ausnahme für Krankenversicherer

Das AUZ-Verfahren ist eine großzügige Regelung für die PKV. Als es 2004 eingeführt wurde, hat es den seit rund 50 Jahren geltenden Höchstrechnungszins von 3,5 Prozent gerettet. Denn in der ersten Finanzmarktkrise vor gut zehn Jahren wurde erstmals bei vielen Krankenversicherern eine Nettoverzinsung unterhalb des Rechnungszinses beobachtet, berichtet die DAV. Gleichzeitig fielen die Marktzinsen deutlich ab. Doch während die Lebensversicherer damals den Rechnungszins senken mussten, blieben die Krankenversicherer von einer generellen Absenkung verschont. Im  Gegenzug mussten sie das AUZ-Verfahren akzeptieren. Dabei muss jeder Anbieter den im übernächsten Jahr mit 90-prozentiger Sicherheit zu erzielenden Zins prognostizieren.

Um den Wert zu berechnen, wird der Kapitalanlagebestand in Altanlagen und Neu-/Wiederanlagen aufgeteilt. Anschließend erfolgt eine Risikobewertung. Dabei ergibt sich der Ertrag des Altbestands aus der laufenden Durchschnittsverzinsung. Der Ertrag der Neuanlage wird aus Zeitreihen unter Berücksichtigung einer möglichen Verringerung des Zinsniveaus ermittelt. Wenn der so errechnete AUZ-Wert unter 3,5 Prozent liegt, bildet er den neuen Höchstrechnungszins des betreffenden Anbieters. Den AUZ-Wert fragt die BaFin jährlich im April ab. Das AUZ-Verfahren zeigt auch: Anbieter, deren Neugeschäft in den vergangenen Niedrigzins-Jahren boomte, müssen tendenziell eher ihren Rechnungszins senken respektive die Beiträge erhöhen.

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