„Einige Versicherer täuschen ganz bewusst den Vertrieb“
08.10.2012 | Versicherungen von Matthias Hundt
Der Hamburger Maklerpool maxpool legt sich mit der Branche an, möchte man meinen, wenn man diese Aussage liest. Doch im Endeffekt will man die Maklerseite stärken und auf Missstände hinweisen, meint zumindest maxpool-Chef Oliver Drewes im Gespräch mit procontra.
procontra: Herr Drewes, warum stellen Sie sich als Maklerpool so provokant gegen die Versicherer?
Oliver Drewes: Es ist kein Gegeneinander. Wir wollen aufzeigen, dass gerade im Bereich der Altersversorgung gravierende Probleme existieren, die zwingend aufzuzeigen sind. Einige davon sind auf den ersten Blick so nicht erkennbar, stellen für Versicherungsmakler jedoch erhebliche Nachteilen dar. Wir wollen im Sinne unserer angeschlossenen Makler und der anzustrebenden Erhöhung der Markttransparenz agieren. Das werden wir in Zukunft sogar noch vertiefen. Und dazu gehört es dann auch mal unangenehme Themen offen anzusprechen.
procontra: Jetzt müssen Sie aber konkret werden.
Drewes: Da wären etwa die Garantieleistungen der Fondsprodukte, die besonders in der betrieblichen Altersvorsorge problematisch sein können. Hinsichtlich der Direktversicherung besteht bekanntlich die Verpflichtung, die eingezahlte Beitragssumme als Garantieleistung abzubilden. Andernfalls ist davon auszugehen, dass Arbeitgeber zumindest in Höhe dieser Beitragssumme in die Haftung genommen werden können und auch der beratende Makler ins Feuer der Kritik gerät. Zahlreiche, am Markt gängige Produkte sind mit einer „endfälligen“ Garantieleistung ausgestattet. In diesen Tarifen entfällt oftmals nach einer etwaigen Beitragsfreistellung oder vorzeitigen Auflösung des Vertrags das Garantieversprechen. Besonders deutlich wird das Problem auch im Falle einer Portierung des Vertrags nach einem erfolgten Arbeitgeberwechsel. Bei Portierungen wird das reine Vertragsguthaben übertragen und das Garantieversprechen somit zumeist hinfällig, was insbesondere kurz vor der Fälligkeit eines Vertrags zu enormen Unterdeckungen führen kann. Zumeist kein Thema im Beratungsgespräch. Einige Produktgeber verschweigen dieses Thema aus meiner Sicht sehr bewusst in ihren Verkaufsunterlagen. Das ist nicht nur für den Kunden nachteilig sondern bedeutet für den Makler auch ein Haftungsrisiko, welches schon aufgrund der lückenhaften Beratung an ihn weitergegeben werden kann.
procontra: Mit welchem Hintergrund wird das verschwiegen?
Drewes: Vermutlich um die Verkaufszahlen dieser Tarife nicht negativ zu beeinflussen.
procontra: Welche Anbieter verfahren so?
Drewes: Sie werden von mir keine Namen von Produktgebern erfahren. Es geht nicht darum Marktteilnehmer anzuschwärzen sondern viel mehr darum, bestehende Missstände anzusprechen in der Hoffnung, dass die jeweiligen Entscheider einen besseren Weg einschlagen. Und es geht darum, dass Makler aufmerksam sind. Es warnt ja kaum jemand mit deutlichen Worten am Maklermarkt.
procontra: In welchen Bereichen sehen Sie die Maklerwelt noch getäuscht?
Drewes: In der betrieblichen Altersvorsorge wären da noch die Provisionsrückbelastungen bei portierten Verträgen zu nennen. Wird eine Direktversicherung durch Arbeitgeberwechsel portiert, belastet der Versicherer dem ursprünglichen Abschlussvermittler anteilig dessen Abschlussprovision zurück. Der übernehmende Makler erhält diese jedoch nicht anteilig gutgeschrieben. Der abgebende Makler dürfte nur dann belastet werden, wenn die Beitragszahlung beendet wird, ansonsten müssten die Versicherer untereinander abrechnen. Der portierte Vertrag, und damit der Kunde, bekommt die anteilige Provision ebenfalls nicht gutgeschrieben, sodass die zurückbelastete Provision offenbar voll beim abgebenden Versicherer verbleibt. Aus unserer Sicht eine Benachteiligung des Vertriebs. Zudem ist es ein Missstand, dass im Bereich der betrieblichen Altersvorsorge die Bestandspflegeprovisionen oftmals reduziert oder gar ganz gestrichen sind. Hier sollte die Bestandspflege höher honoriert werden, gern auch zu Lasten der Abschlussprovision. Zumindest dann, wenn man vom Makler eine professionelle Vertragsbetreuung erwarten will.
procontra: Im Vorgespräch bemängelten Sie auch die Stornohaftung für biometrische Versicherungspolicen. Können Sie das bitte konkretisieren?
Drewes: Versicherer übertragen die fünfjährige Provisionsstornohaftung, die der Gesetzgeber dieses Jahr konkretisierte, auch auf Risikolebens- und Berufsunfähigkeitsversicherungen, da diese der Leben-Sparte zu zurechnen sind.
Das ist für die Kundenbetreuung jedoch wenig zielführend. Versicherungen im Bereich der Biometrie können oftmals aus ganz sachlichen Gründen in den ersten fünf Jahren umgedeckt oder umgestaltet werden müssen. Dies ist bei besseren Tarifleistungen und einem unbeeinträchtigtem Gesundheitszustand sogar im Sinne der konformen Kundenbetreuung erforderlich. Die verlängerte Provisionshaftung behindert Makler neuerdings bei dieser Arbeit und kann somit nicht im Sinne des Kunden sein. Mit der Ausdehnung der Haftungszeiten auf Biometrietarife, werden Kunden und Makler benachteiligt. Sicherlich war es nicht im Sinne des Gesetzgebers, eine Vertriebskostensenkung bei den Anbietern zu erzielen. Berufsunfähigkeitsversicherung oder auch die Risikolebensversicherung sind doch keine Sparten, die für wahr lose Umdeckungsaktionen zum Nachteil der Kunden bekannt sind.
procontra: Weiter wünschen Sie sich mehr Transparenz im Bereich der fondsgebundenden Produkte.
Drewes: Das stimmt. Angebote und Modellrechnungen sind zu großen Teilen in ihrer Darstellung irreführend. Einige Versicherer täuschen aus meiner Sicht ganz bewusst den Vertrieb und unterminieren damit die Beratungsleistungen des Maklers. So werden zwar die bekannten Renditeprognosen von 0 bis 9 Prozent dargestellt. Eine Simulation mit negativer Fondsentwicklung, die ja ebenfalls möglich ist, bleibt den Angeboten jedoch fern.
Zudem werden bestimmte Kostenblöcke außen vor gelassen. So wird die Fondsmanagement-Gebühr oftmals in der Hochrechnung unterschlagen, obwohl diese mit 1 bis 2 Prozent über die Laufzeit stark ins Gewicht fällt. Einige Versicherer führen sogenannte „Kick backs“ aus den Fondsanlagen zurück in den einzelnen Vertrag, andere vereinnahmen diese „Kick backs“ für den allgemeinen Deckungsstock. Auch hier wird die Vergleichbarkeit behindert, um nur einige Beispiele zu nennen. Ich verstehe nicht, warum Modellrechnungen nicht anbieterübergreifend in vergleichbarer Form dargestellt werden können, wenn die Branche doch das Thema Transparenz so mag. An dieser Stelle ist Transparenz wirklich sinnvoll.
Es ist aus meiner Sicht nahezu ein Skandal, in welchem Umfang einige Produktdarstellungen die Versicherungsmakler mit augenscheinlich guten Angeboten täuschen, die bei genauer Betrachtung des Kleingedruckten ganz erheblich an Attraktivität verlieren. Ich werte das als bewusste Täuschung des Marktes mit der Folge, dass für den Versicherungsmakler ein erhebliches Risiko entsteht, da dieser für nicht ausreichend erläuterte Kostennachteile haftungsseitig herangezogen werden könnte.
procontra: Haben Sie Sorge, sich mit einigen Marktteilnehmern zu streiten?
Drewes: Nein, habe ich nicht. Ich spreche nur aus, was aus unserer Sicht nicht in Ordnung oder gar falsch ist. Wenn sich jemand aus diesem Grund mit mir streiten möchte, dann scheue ich diesen Dialog nicht. Wir sind in erster Linie Partner des Maklers und wir legen Wert auf Qualität. Da können wir nicht über ein Erdbeermarmeladenbrot mit Honig sprechen.













Kommentare
Hut ab ... Endlich hat mal jemand den A... in der Hose und macht den Mund ganz klar und deutlich auf!!
Ich habe mich Anfang letzten Jahres aus dieser Branche verabschiedet nach über 30 Jahren im Versicherungsgeschäft, aufgrund vieler verschiedener Gründe.
Am meisten aber hatte mich immer wieder gewundert, wie "selbständig" die Makler arbeiten wollten und ja keiner bei dem anderen auf den Teller gucken sollte.
Somit hatten die Gesellschaften genau ihr Klientel im Griff mit "Teile und Herrsche"!
Ausserdem bin ich von verschiedenen Gesellschaften angegangen worden bei den "tollen" Info-Veranstaltungen, wenn das Thema Unfallversicherungen auf den Tisch kam. Sobald ich nur die Frage stellte nach dem Punkt 2.1.1.2 in den Bedingungen, wurde ich sofort mundtot gemacht, obwohl hier eine wahnsinnig wichtige Haftungsfrage im Raum stand ...
Seien sie bitte so nett und machen zukünftig den Mund wieder auf, sobald etwas wichtiges im Raum steht (wobei, dann müsste man den ganzen Tag den Mund aufmachen).
Ich wünsche allen ehemaligen Kollegen weiterhin viel Spaß bei der Arbeit! ;-)
Wenn die Makler sich einig wären, hätten sie eine ganz schön große Marktmacht. Aber die Einigkeit ist ja leider nur eine Ilusion.
Bravo , Herr Drewes.
Wenn Sie dann noch die nicht vorhandene Kundengeldsicherheit nach VVG ( §§153,163,169, und VAG § 89) und die ungeeigneten Altersvorsorgeprodukte wie Rürup-und Riester-R Enten angesprochen hätten, gäbe es eine 1 !
Denn wer hier als Makler den Kunden nicht auch die gravierenden Nachteile dieser Produkte mitteilt, gerät später in Erklärungsnot, oder gar in Haftung. Wie schreibt Herr Wirth, AFW hier: Die Einschläge kommen näher! Ja, sie kommen näher, weil die Politik (besser die Lobbyisten und Bankster) den Makler als Ziel auserkoren haben, sie müssen weg, zumindest stark reduziert werden. Siehe neue Regelungen zum § 34 F GewO.
Weil Verbraucherschutz einfach dem Profitstreben entgegensteht, wie faire Makler.
Die die Versicherer
seit 50 Jahren nicht
jucken - und die große
Mehrheit der Makler
nicht interessieren.
Trostlose Branche.
Alles "alte Hasen".
Ich habe allerdings auch schon mit vielen Maklern gesprochen, die um viele dieser Fakten (z.B. Kostenfallen in Fondspolicen) nicht wussten. Und damit den Kunden tatsächlich unwissend ins Messer laufen lassen.
Sie schreiben von 1-2 Prozent als Kostenblock bei Fonds, das wäre schön, wenn es nur so wenig wäre, oft finde ich mehr als 3%-Punkte Renditeminderung durch solche externen Kosten.
Ganz besonders sehe ich auch Risiken im Bereich der bAV, dort werden in 95% aller Fälle immer noch Versicherungslösungen verwendet, die zu einem immensen Risikofaktor für die Arbeitgeber und Unternehmen werden können und sicher zukünftig auch werden. Das kommt dann sicher auch als Bumerang auf den Makler (manchmal sogar den sog. "bAV-Spezialisten") zurück. BAV ist jedoch in erster Linie Arbeitsrecht, aber was weiß der Vermittler denn üblicherweise tatsächlich darüber? Was dürfen Versicherer dazu denn überhaupt an Unterlagen und Formularen bereitstellen und "beraten“? Es wird „verkauft“ und die Aus- und Weiterbildung wird von den Produktlieferanten in deren eigenem Interesse durchgeführt.
Aber was will man auch von Unternehmen erwarten, deren Unternehmenszweck es ist, Gewinne zu erwirtschaften. Für sich selbst und ihre Aktionäre natürlich. Transparenz ist auch nach 2008 erforderlich, die paar Angaben zu den Abschlussprovisionen täuschen über vieles hinweg. Die nicht genannten wirklichen Kosten, und damit die Risiken für den Makler, in Regress genommen zu werden, sind um ein Vielfaches höher. Damit muss endlich Schluss sein. Im Interesse des ehrlichen Maklers und damit im Interesse der Kunden. Denn dessen Zukunft ist es, was letztendlich auf dem Spiel steht.
Wir brauchen mehr Tacheles.
Allerdings bringt es überhaupt nichts, sich gegenseitig zu zerfleischen, WER mal wieder WAS falsch macht. Deshalb ist es vernünftig, dass Oliver Drewes darauf verzichtet, öffentlich Namen zu nennen. Ihm geht es darum, "bestehende Missstände anzusprechen in der Hoffnung, dass die jeweiligen Entscheider einen besseren Weg einschlagen."
Das muss nicht nur erlaubt sein, dass muss gefördert werden.
Es gibt genügend Besprechungsräume in den Versicherungstempeln. Die kann man auch dazu nutzen, mit Kollegen und Partnern echte Probleme zu besprechen und nicht nur die weißen Wände mit den neuesten Powerpoint-Ziel-Erfüllungs-Quoten vollzukleistern. Die werden dadurch auch nicht besser.
- Hans Steup, Berlin