„Lebensplanung und Finanzkompetenz sollten schon an Schulen gelehrt werden“

Themenseite Ratenkreditmarkt von Juliane Moghimi

Wie geraten Menschen in die Überschuldung? Wie kann man sich schützen, und ab wann braucht man professionelle Hilfe? Ein Gespräch mit Angela Maus, Schuldnerberaterin beim Abakus Schuldner- und Insolvenzberatung e.V. in Hannover.

Immer mehr Menschen in Deutschland gelten als überschuldet.

Immer mehr Menschen in Deutschland gelten als überschuldet. Foto: derneuemann - pixabay.de

procontra: Frau Maus, wir leben in einer Zeit des Überflusses. Alles, was das Herz begehrt, kann man scheinbar mühelos kaufen, notfalls eben auf Kredit. Wie ist Ihre Erfahrung: Nimmt die Zahl an Privatpersonen, die sich verschulden zu?  

Angela Maus: Insgesamt ist für uns eine Zunahme der verschuldeten Privatpersonen nur wenig spürbar, jedoch verändert sich unsere Klientel: Die Altersarmut steigt und in unserer Beratungsstelle haben wir zudem eine starke Zunahme an Hilfesuchenden mit Migrationshintergrund. Besonders Menschen aus Bulgarien und Rumänien, sowie Geflüchtete ohne oder mit wenig Deutschkenntnissen frequentieren unsere Geschäftsstelle zunehmend. Das hat zur Folge, dass wir häufig mit Dolmetschern arbeiten müssen.    

procontra: Gibt es Personengruppen, die besonders gefährdet sind?  

Maus: Besonders gefährdet sind Personen, die wenig Lebens- und Finanzkompetenz besitzen, und/oder die faktisch „arm“ sind. Unser System ist kompliziert, Verträge beinhalten Kleingedrucktes und haben umfassende Auswirkungen auf die Zukunft der betroffenen Personen. Junge Leute und Menschen aus anderen Kulturkreisen sowie Personen mit wenig Schulbildung sind deshalb besonders anfällig für finanzielle „Fallstricke“. Komplizierte Rückzahlungsvereinbarungen und unerwartet kostspielige Verträge oder problematisches Konsumverhalten, angeregt durch angeblich günstige Kreditangebote (heute kaufen, morgen zahlen), spielen dabei ebenfalls eine Rolle. Auch Mobilfunkanbieter locken mit geschenkten Geräten und angeblich günstigen Verträgen, die dann im Kleingedruckten Fallen bergen und teurer sind, als gedacht und den Schuldner in eine finanzielle Schieflage bringen können.    

procontra: Das Problem betrifft laut einer aktuellen Studie der Wirtschafts-auskunftei Creditreform zunehmend auch Alleinerziehende und ältere Menschen…  

Maus: Richtig. Alleinerziehende und Familien mit mehreren Kindern, die mit dem vom Jobcenter gezahlten Existenzminimum auskommen müssen, sowie die zunehmende Anzahl von alten Menschen, die nach Eintritt ins Rentenalter die Grundsicherung vom Sozialamt aufstocken müssen, sind ebenfalls besonders gefährdet, da sie bei steigenden Kosten mit extrem wenig Geld auskommen müssen. Der Arbeitslosengeld II-Satz für Kinder ist niedriger als für Erwachsene, obwohl Kinder mehr und häufiger beispielsweise neue Schuhe und Kleidung benötigen und auch weiterreichende Bedürfnisse haben. Unvorhergesehen Ausgaben, wie zum Beispiel Energiekostennachzahlungen erzeugen dabei schnell finanzielle Notlagen, da keine Rücklagen gebildet werden können. Rentner haben häufig Probleme, ihren Lebensstandard mit dem niedrigeren Einkommen im Alter radikal abzusenken. Gesundheitliche Probleme im höheren Alter werfen zudem neue Kosten auf.    

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