„Die Schmuckindustrie wappnet sich“
Ab September sind signifikante Preissteigerungen bei Gold und Silber zu erwarten. Ein Grund hierfür ist der saisonbedingte Nachfrageschub in der Schmuckindustrie. Robert Vitye, Geschäftsführer der Solit Kapital GmbH, spricht über Investmentchancen bei den Edelmetallen.
procontra: Silber oder Gold – in welchem Edelmetall steckt im aktuellen Marktumfeld mehr Potenzial?
Robert Vitye: Grundsätzlich sehen wir im aktuellen konjunkturellen Umfeld mit dauerhaften Niedrigzinsen sowie anhaltend notwendigen fiskalpolitischen Stimuli ein hervorragendes Umfeld für Investitionen sowohl in Gold als auch in Silber. Dabei ist Silber im Vergleich zu Gold nach unserer Einschätzung das volatilere, jedoch gleichzeitig auch attraktivere Metall. Dies liegt an seiner Doppelfunktion als Geldmetall sowie gleichzeitig als nicht substituierbares Industriemetall. Gegenwärtig ist Silber mit dem mehr als 60-fachen einer Unze Gold bewertet. Die einzigartigen Eigenschaften des Silbers (bester thermischer und elektrischer Leiter, hervorragendes Reflexionsvermögen, antiseptische Wirkung) begründen seine hohe realwirtschaftliche Bedeutung. Etwa 60 Prozent der jährlichen Fördermenge werden industriell verwendet. Gerade Zukunftstechnologien wie Photovoltaik sowie RFID-Technologie werden für einen weiteren starken Nachfrageanstieg sorgen. Der Silberpreis befindet sich seit einigen Monaten in einem Seitwärtstrend.
procontra: Lohnt sich ein Einstieg für Anleger noch?
Vitye: Silber befindet sich – wie auch Gold – bereits seit 2001 in einer strategischen
Hausse. Die Saisonalität spielt für den Einstiegszeitpunkt bei Silber-Investments eine große Rolle. Der Grund dafür sind jahreszeitlich bedingte Sondereffekte bei Angebot und Nachfrage. Einen sommerlichen Durchhänger haben die Edelmetalle Gold und Silber regelmäßig. Vor allem die im Sommer sehr schwache Nachfrage der Schmuckindustrie, die beim Gold über 40 Prozent der Gesamtnachfrage ausmacht, belastet von Ende März bis Ende August die Preise. In diesem Jahr wurde dieser Effekt bis Ende Juni durch die explodierende Investmentnachfrage im Zuge der europäischen Schuldenkrise überlagert.
Für Anleger macht es daher Sinn, die Sauregurkenzeit für den Auf- oder Ausbau von Edelmetallpositionen zu nutzen. Seit Beginn des Sommers haben die Gold- und Silberpreise auf Eurobasis bereits knapp 15 Prozent von ihren Höchstständen abgegeben. Erfahrungsgemäß liegt der beste Zeitraum für Gold- und Silberinvestments in den Monaten Juli und August. Ab September zieht die physische Nachfrage der verarbeitenden Industrie sukzessive an. Die Schmuckindustrie wappnet sich für die indische Hochzeitssaison, das christliche Weihnachtsfest, das russische Jolka-Fest, das chinesische Neujahrsfest und den arabischen Goldbasar. Dieser Nachfrageschub schlägt sich in signifikanten Preissteigerungen bei Gold und Silber zwischen September und Februar nieder. Da Silber zudem auch in vielen anderen industriellen Sektoren zum Einsatz kommt, steigt hier die Nachfrage zusätzlich durch das Ende der Werksferien und die saisonal ebenso typische konjunkturelle Herbstbelebung.
procontra: Wie wird sich der Silberpreis in den kommenden Monaten entwickeln?
Vitye: Der physische Silbermarkt ist sehr klein, so dass immer wieder starke Korrekturen auftreten können und somit kurzfristige Preisprognosen mit hohen Unsicherheiten behaftet sind. Einer aktuellen Studie der Unicredit zufolge ist im Jahre 2012 jedoch – ohne Investorennachfrage und Münzproduktion – lediglich ein Angebotsüberschuss von 44 Millionen Unzen zu erwarten, gegenüber rezessionsbedingt weit über 200 Millionen Unzen in 2009. Bedenkt man, dass bereits in 2009 der Angebotsüberschuss vollständig von der Investorennachfrage absorbiert worden ist und dass allein die Münzprägeanstalten heute schon über 78 Millionen Unzen pro Jahr benötigen, sehen wir gewaltiges Preissteigerungspotential. Naturgemäß müssen bei Silber auch die konjunkturellen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. Ein wirklicher deflationärer Schock vergleichbar zu 2008 mit Vermögenspreis- Einbrüchen, weltweiter tiefer Rezession und Exporteinbrüchen würde zu starkenRückgängen auf der industriellen Nachfrageseite führen, was sich kurzfristig belastend auf die Kurse niederschlagen würde. Dieses Szenario halten wir jedoch für sehr unwahrscheinlich, wenn man die dauerhaften fiskalpolitischen Maßnahmen und geldpolitischen Stimuli berücksichtigt – insbesondere sind die starken Nachfrageeffekte aus den Schwellenländern zu berücksichtigen.
procontra: Wie hoch sollte der Silberanteil im Portfolio eines Anlegers aktuell sein?
Vitye: Das ist natürlich abhängig von der gesamten Vermögenssituation, Alter und Anlagehorizont des Investors. Schaut man auf die weltweite Kapitalisierung aller Assetklassen, stellt man zunächst fest, dass physische Edelmetallinvestments absolut unterrepräsentiert in den Portfolios der Anleger sind. Unter Berücksichtigung des hochattraktiven Chancen-/Risikoprofils zuerst einmal wichtig, überhaupt in der Anlageklasse physisches Gold und Silber investiert zu sein. Ich persönlich halte eine Edelmetallquote von 10-25 Prozent für sinnvoll, wobei Silber hiervon den Löwenanteil bilden sollte.
procontra: Auf welche Anlageform sollten Anleger setzen, die jetzt in Silber investieren möchten und weshalb?
Vitye: Aufgrund der natürlichen Knappheit von Silber sollten Anleger in das physische Edelmetall investieren. Anleger, die sich ultimativ gegen systemische Risiken absichern möchten, können einen Handbestand an Silbermünzen in unmittelbarer Umgebung halten. Am Markt kann entweder direkt in physischer Form wie Barren und Münzen oder über
Investmentprodukte wie beispielsweise ETFs und ETCs investiert werden.
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