„Mit Afrika tun wir uns relativ schwer“
procontra: Schwellenländer zeigten sich gegenüber den Industrienationen vor allem in den vergangenen drei Jahren enorm stark. Wie groß schätzen Sie die Gefahr einer Blasenbildung ein?
Jürgen Maier: Eine Blasenbildung sehen wir momentan überhaupt nicht. Man kann zwar in einzelnen Bereichen, wie etwa dem chinesischen Immobilienmarkt, von einer Überhitzung sprechen. Doch übergreifend für alle Emerging Markets gesprochen ist keine Blase in Sicht. Zudem bestätigt auch ein durchschnittliches Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa elf, dass wir meilenweit von einer Blase entfernt sind.
procontra: Das BRIC-Quartett ist mittlerweile jedem bekannt. Welche Schwellenländer gehören noch zu den etablierteren?
Maier: Neben Brasilien, Russland, Indien und China zählen sicher Südkorea und Taiwan bereits mit zu den weiterentwickelten Emerging Markets. Sprich, da könnte man schon diskutieren, ob sie überhaupt noch zu den Schwellenländern oder bereits zu den entwickelten Märkten gehören.
procontra: Sie managen den Fonds Raiffeisen-EmergingMarkets-Aktien. Wie sieht die aktuelle Gewichtung im Fonds aus?
Maier: In Südkorea, Russland, Türkei und Thailand sind wir derzeit übergewichtet. Auf der anderen Seite gewichten wir Taiwan, China und Indien aktuell unter.
procontra: Auch Südafrika ist mit rund 10 Prozent vertreten. Wie sieht es mit dem restlichen Kontinent aus?
Maier: Mit Afrika tun wir uns relativ schwer. Sicherlich ist der gesamte Kontinent langfristig interessant und es gibt einzelne Märkte wie Südafrika oder Ägypten, in die man bereits investieren kann. Allerdings haben wir auch eine Reihe anderer Märkte wie Kenia oder Nigeria beobachtet. Da ist es für ausländische Investoren immer noch recht schwierig, gut aufbereitete Unternehmens- und Bilanzdaten zu bekommen. Hier fehlt es also an Transparenz. Der Großteil der Länder fällt noch immer unter die Frontier Markets, die Vorstufe zu den Emerging Markets.
procontra: Warum werden sich die Emerging Markets unaufhaltsam von einer Depotbeimischung zu einem Kerninvestment entwickeln?
Maier: Dafür gibt es drei elementare Gründe. Zum einen die enorme Wirtschaftskraft. China wächst um rund 10, Indien wird in diesem Jahr um 8 Prozent wachsen. Auch Russlands und Brasiliens Volkswirtschaften werden um 5 bis 6 Prozent wachsen. Das geht in Asien mit Thailand und Indonesien weiter. Und dieser Wachstumsprozess wird noch die nächsten 10 bis 20 Jahre anhalten. Der zweite Punkt ist die Verschuldungssituation. Alle Emerging Markets zusammengenommen liegen im Schnitt bei einer Verschuldung von 40 Prozent. Die entwickelten Länder – mit steigender Tendenz – dagegen bei über 100 Prozent. Und der dritte Grund ist die lokale Konsumnachfrage. Man darf den Effekt nicht unterschätzen, wenn die Menschen zum ersten Mal ein Auto oder ein Handy kaufen. China löste die USA im vergangenen Jahr als größter Automarkt der Welt ab. Und dennoch ist die Verbreitung noch sehr rückständig. Gleiches gilt für den Mobilfunk in Indien. Jeden Monat kommen hier zehn Millionen Neukunden hinzu. Zehn Millionen! Und dabei haben erst vier von zehn Indern ein Handy. Investoren, die auf Wachstum setzen wollen, werden an den Emerging Markets also nicht vorbeikommen.
