„Zufriedenheit als Entwicklungsziel“

 

Die Finanzkrise hat deutlich gemacht, dass Wirtschaft auch eine ethische Dimension braucht. Trotz teilweise verheerender Auswüchse ist die zentrale Frage der Krise zu wenig gestellt worden: Kann ein Wirtschaftssystem entwickelt werden, das die Gesellschaft als Ganzes mit Zufriedenheit und Glück – statt nur mit Geld und individuellem Wohlstand – belohnt?

procontra: Herr Premierminister, der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy mahnte kürzlich Reformen für die Bemessung von Wirtschaftsleistung an. Faktoren wie Zufriedenheit und Umweltaspekte sollten mehr berücksichtigt werden. Ihr Land tut genau das schon länger …

Jigme Y. Thinley: Ich glaube, mehr und mehr Leute auf der Welt – speziell jetzt, nach der großen Finanzkrise – haben eingesehen, dass ihr momentanes Handeln insgesamt nicht nachhaltig genug ist. Dennoch be­misst sich Forschritt immer noch an einem in seiner Ausschließlichkeit gefährlich falschen Maß: Geld und Wachstum. Sarkozy bezieht sich nun klar auf Ideen, die menschliches Wohlbefinden in den Mittelpunkt von Entwicklung stellen. Und Bhutan tut dies mit seinem Wirtschaftskonzept des so genannten Bruttonationalglücks (GNH) schon seit Beginn der 1970er-Jahre. Man muss einfach verstehen, dass der durch das BIP ausgedrückte Lebensstil von materiellem Wachstum und materiellem Wohlstand auf Dauer nicht genügen kann. Mit unserem Ansatz des Bruttonationalglücks versuchen wir, zumindest erst mal in Bhutan den Fortschritt besser zu definieren. Es fordert dazu auf, auch persönlich zu überdenken, was Reichtum und Wohlstand sind und wie sie genau entstehen. Fußt unser Wohlstand viel auf Materiellem, häufen wir äußerliche Dinge an? Oder bilden wir auch innerlich eine reiche Welt von Verbindungen, die nachhaltig sind, die überdauern? Eine Welt eben, die uns langfristig Zufriedenheit bringt. Und vor allem: die uns auch emotional reich macht.

procontra: Stellt also das Bruttoinlandsprodukt als Gesamtkonzept einen falschen Ansatz dar?

Thinley: Na ja, sagen wir mal: teilweise. Auch wir in Bhutan brauchen natürlich Geld, aber es ist nicht das alleinige Ziel. Sehen Sie: Der enorme Einkommenszuwachs in den so genannten entwickelten Ländern während der letzten 50 Jahre hat dort ja nicht dieselbe Zunahme an Wohlbefinden und Glück gebracht. Solange die makroökonomische Struktur auf einer Ethik des totalen Konsums aufbaut, werden wir noch mehr und immer schneller Krisen und Katastrophen erleben.

procontra: Wie aber kann Bhutans Entwicklungskonzept des Bruttonationalglücks das Glück seiner Bürger, aber auch die nationale Wirtschaft wachsen lassen?

Thinley: Wir in Bhutan denken, dass es zunächst die Verantwortung einer Regierung ist, Bedingungen zu schaffen, damit der einzelne Bürger seine persönliche Zufriedenheit findet. Und bei uns wird das richtige Umfeld dafür von den so genannten „Vier Säulen” von GNH geschaffen: erstens eine nachhaltige sozio-ökonomische Entwicklung, zweitens die Promotion einer nachhaltigen Umwelt mit speziellem Blick auf unsere fragile Himalajaregion und ihre Ökologie, drittens die Bewahrung und Unterstützung unserer Kultur und viertens eine nachzuweisende „gute Regierungsführung”. Diese vier Säulen münden dann in insgesamt neun Themenfeldern, den so genannten Domains. Und die teilen sich dann noch mal in 72 variable Indikatoren auf, also alles sehr komplex. Einkommen ist sicher wichtig, um seine materiellen Bedürfnisse zu erfüllen. Gesundheit ist wichtig. Erziehung ebenso, denn die intellektuelle Fortentwicklung gehört dazu, den Menschen zufrieden zu machen. Aber auch alle menschlichen Beziehungen sind wichtig. Der Umgang mit Zeit gehört sehr zur Zufriedenheit. Also: Solche Kriterien und Indikatoren zu benennen und auch zu bemessen ist uns wichtig, um der wirklichen Zufriedenheit abseits vom Monetären näher zu kommen. Und das sind Fragen, die im traditionellen Messinstrument „Bruttoinlandsprodukt“ einfach keinen Niederschlag finden.

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