Entmachtung des Dreigestirns
Der Politik sind die großen Ratingagenturen zu mächtig. So wird in der EU der Ruf nach einer eigenen europäischen Agentur immer lauter. Doch damit wären die Probleme nicht gelöst.
Nach der Finanzkrise kam die Eurokrise, und wer ist (zumindest teilweise) daran schuld? Die Ratingagenturen. Der EU-Kommission sind die mächtigen Unternehmen ein Dorn im Auge. „Natürlich besteht berechtigte Kritik an den drei großen amerikanischen Ratingagenturen Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch, die Produkte geratet haben, die als Zertifikate oder Derivate kaum zu bewerten sind und eher den Charakter von Wetten haben“, stimmt Armin Jäger, Geschäftsführer des Bundesverbands der Rating¬analysten und Ratingadvisor (BdRA), in die Kritik mit ein. Doch als globaler Angriff auf die Agenturen, die fundierte Meinungen und Einschätzungen zur künftigen Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens abgeben, sei die pauschale Kritik völlig unberechtigt. So sollte nach Jäger auch eine mittelständische Ratingagentur, die sich beispielsweise auf das Lieferantenrating spezialisiert habe, nicht in einem Atemzug mit den drei global agierenden Ratingagenturen genannt werden.
EU legt vor. Die EU präsentierte im Juni Änderungen der Vorschriften für Ratingagenturen und hat eine öffentliche Konsultation zur Reform der Corporate Governance in Finanzinstituten eingeleitet. Dies soll der Verhütung künftiger Finanzkrisen und der Stärkung des Finanzsystems dienen. „Die Änderungen der Vorschriften zu Ratingagenturen erlauben eine bessere Aufsicht und mehr Transparenz in diesem zentralen Sektor. Sie sind jedoch nur ein erster Schritt. Wir untersuchen diesen Markt derzeit eingehender“, erläutert der für Binnenmarkt und Dienstleistungen zuständige EU-Kommissar Michel Barnier.
Die geplanten Reformen sehen unter anderem vor, dass die Ratingagenturen ab Januar 2011 unter die Kontrolle einer europäischen Aufsichtsbehörde gestellt werden. Die geplante europäische Wertpapier- und Börsenaufsicht ESMA (European Securities and Markets Authority) soll weitreichende Ermittlungsbefugnisse erhalten und via EU-Kommission sogar Strafen gegen die Agenturen bei Regelverstößen verhängen dürfen. Die derzeit zuständigen nationalen Aufsichtsbehörden wie die BaFin in Deutschland müssten ihre Kompetenzen an die ESMA übertragen. Die deutschen und britischen Behörden haben gleich verlauten lassen, dass sie dies nicht sonderlich begrüßen. Ratingexperte Dr. Oliver Everling hält diese Skepsis für angebracht: „Die politische Diskussion über die überfällige Herabstufung Griechenlands hat gezeigt, wie groß die Versuchung der Politik sein könnte, die Aufsicht zur Beseitigung oder Einflussnahme auf unbequeme Ratings zu instrumentalisieren.“ Eine europäische Aufsichtsbehörde müsse sich frei von Einflussnahmen aus der Tagespolitik auf die Pflege und Durchsetzung der finanzwirtschaftlichen Rahmenbedingungen konzentrieren können.
Das mächtige Dreigestirn. Seit langer Zeit wird über die Machtfülle der drei großen amerikanischen Ratingagenturen Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch geredet und geschrieben. Geändert hat sich an der oligopolistischen Stellung dieser drei bisher nichts. Der Wettbewerb im Markt der Ratingagenturen findet kaum statt. „Immer wieder wurde die Chance verpasst, eine Alternative zur angelsächsischen Sichtweise aufzubauen. Die US-Agenturen dienen primär US-amerikanischen Interessen. Die Administration unter Präsident George W. Bush hat zudem gezeigt, dass auch direkt auf die Ratings eingewirkt werden kann, um politische Ziele zu erreichen“, beklagt Everling. Werner Langen, Leiter der CDU/CSU-Gruppe im EU-Parlament, fordert zur Brechung der Marktmacht der drei Großen den Aufbau einer echten europäischen Konkurrenz. Ins gleiche Horn bläst auch der SPD-Europaabgeordnete Udo Bullmann. Dennoch besteht in dieser Frage noch Uneinigkeit, genauso wie bezüglich der möglichen Auswirkungen einer solchen neuen europäischen Agentur. „Europäische Ratingagenturen kommen zu anderen Schlussfolgerungen. Trotz Globalisierung der Wirtschaft kommt es auch auf das Verständnis nationaler Besonderheiten an, die nicht bloß in Sprachbarrieren, in Unterschieden der Rechnungslegungsvorschriften und sonstigen rechtlichen Rahmenbedingungen zu sehen sind“, so Everling. Die Wertschöpfung von Länderratings einer europäischen Agentur liege nicht nur darin, bessere Ratings zu erteilen, sondern auch frühzeitiger als die Amerikaner Entwicklungen richtig zu erkennen und Anlegern notwendige Warnsignale zu liefern.
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