„Die Krise ist die neue Normalität“
Die Eurozone wird wohl nicht auseinanderbrechen. Aber in den Industriestaaten werden plötzlich auftretende Systemkrisen zur „neuen Normalität“. Chancen für Anleihen-Investoren sieht Andrew Bosomworth, Leiter des Portfoliomanagements bei PIMCO, in den Emerging Markets.
procontra: Trauen Sie griechischen Anleihen?
Andrew Bosomworth: Wir haben frühzeitig vor den Problemen in Griechenland gewarnt und uns entsprechend positioniert. Das Hilfspaket hat an unserer Einschätzung nichts geändert. Die Kredite von EU und IWF werden die akute Liquiditätskrise kurzfristig abwenden, die grundsätzliche Schuldenproblematik wird damit aber nicht gelöst.
procontra: Kommt Griechenland also nicht so schnell wieder auf die Beine?
Bosomworth: Die Ausgestaltung und Umsetzung eines erfolgversprechenden griechischen Anpassungsprogramms sind kompliziert. Das Land besitzt als Mitglied der Währungsunion nur ein einziges makroökonomisches Instrument, nämlich Haushaltsdisziplin. Und dieses Instrument kann die Wettbewerbsfähigkeit nur durch eine schmerzhafte Deflation wiederherstellen, welche Löhne und Gehälter umfasst.
procontra: Geht von Griechenland eine Ansteckungsgefahr für andere Euroländer aus?
Bosomworth: Das lässt sich nicht von der Hand weisen, wie auch die Bewegungen an den Märkten in den vergangenen Wochen zeigten. Das beschlossene Hilfspaket dürfte in seiner Dimension auch deshalb so groß ausgefallen sein, um der Gefahr einer Ansteckung frühzeitig zu begegnen.
procontra: Spaniens Zahlungsfähigkeit wurde diskutiert. Dennoch fallen die Ratings gut aus. Wie ist es um Spanien wirklich bestellt?
Bosomworth: Das Land hat immerhin rund 20 Prozent Arbeitslosigkeit und ein Leistungsbilanzdefizit von etwa 10 Prozent. Der Markt mag zu Übertreibungen neigen, doch er spricht hier eine eindeutige Sprache: Spanische Staatsanleihen notierten zeitweilig auf einem Niveau mit Baa-Anleihen.
procontra: Ist der Euro in Gefahr? Immerhin verliert er seit Wochen gegenüber dem US-Dollar an Wert.
Bosomworth: Es sind verschiedene Szenarien denkbar. Ein Auseinanderbrechen der Eurozone halte ich für sehr unrealistisch. Andererseits gehen wir nicht davon aus, dass die Krise rasch gelöst werden kann. Global betrachtet ist diese Krise ein Beispiel für das Phänomen, das wir bei PIMCO die „neue Normalität“ nennen, die neben geringerem Wachstum in den Industriestaaten unter anderem auch von solchen scheinbar plötzlich auftretenden Systemkrisen geprägt ist.
procontra: PIMCO hat jüngst davor gewarnt, zu viel Geld in Anleihen zu investieren. Für einen Anleihespezialisten ist das ungewöhnlich.
Bosomworth: Es gibt unserer Meinung nach noch immer gute Anlagemöglichkeiten, allerdings wird ein Umdenken im Anleihenmanagement immer wichtiger. Das zeigten nicht zuletzt die Ereignisse in der Eurozone. Die Frage sei also erlaubt, ob Schwellenländer-Anleihen tatsächlich riskanter sind als Staatsanleihen hoch verschuldeter Industriestaaten. Oder: Ist die Verwendung eines volumengewichteten Anleihenindex ideal oder führt dies dazu, dass noch mehr Geld in Anleihen der am höchsten verschuldeten Emittenten angelegt wird? Gerade in einem Umfeld steigender Staatsverschuldung spielt auch bei Staatsanleihen der Industriestaaten zunehmend der Faktor Bonität eine Rolle. Daneben besteht auch das Risiko steigender Renditen aufgrund steigender Inflationsprämien. Beide Faktoren, steigende Kredit- wie auch Inflationsrisiken, belasten die Anleihenmärkte. Hier sind aktives Management und eine eingehende Analyse entscheidend.
procontra: Heißt das, Schwellenländer sind jetzt attraktiver als die etablierten Industriestaaten?
Bosomworth: Im Gegensatz zur Mehrheit der Industriestaaten sind die meisten Schwellenländer in einer sehr guten Verfassung aus der globalen Finanzkrise hervorgegangen. Wir sehen die Schwellenländer insgesamt als Gewinner der Finanzkrise im Vergleich zu den Industriestaaten. Das schlägt sich natürlich auch auf den Anleihenmärkten nieder, wo wir gute Chancen in einem breiten Spektrum von Anleihen aus Emerging Markets sehen.
procontra: Wie beurteilen Sie den Faktor Währungen bei den Schwellenländern?
Bosomworth: Die Währungskomponente bringt immer Chancen und birgt Risiken. Insgesamt erwarten wir, dass die Wechselkursentwicklung die besseren Fundamentaldaten der Schwellenländer und ihre insgesamt besseren Wachstumsaussichten widerspiegeln wird.
procontra: Einige Schwellenländer wie etwa China koppeln ihre Währung an den US-Dollar. Erwarten Sie hier eine Flexibilisierung?
Bosomworth: Eine Aufwertung der chinesischen Währung wäre eine Möglichkeit, um die bestehenden globalen Ungleichgewichte abzubauen. China würde konsumorientierter und die USA wettbewerbsfähiger und damit exportlastiger. Die große Frage ist, wann es so weit sein wird.
procontra: Welche weiteren Währungen versprechen Aufwärtspotenzial?
Bosomworth: Wir sind vor allem für asiatische Währungen und den brasilianischen Real zuversichtlich. Den Euro sehen wir dagegen mittelfristig eher schwach. Hier dürfte sich die andauernde Krise in den Peripheriestaaten weiterhin negativ im Wechselkurs widerspiegeln.
procontra: Stellen Anleihen auf Unternehmen eine gute Alternative für Anleger dar, die den Staaten nicht mehr trauen?
Bosomworth: Unternehmensanleihen haben sich bereits sehr stark entwickelt. Auch hier ist sorgfältige Selektion entscheidend. Wir bevorzugen insgesamt Papiere aus dem Investment-Grade-Bereich. Zudem setzen wir angesichts unserer Konjunktureinschätzung vor allem auf Anleihen aus defensiven, konjunkturresistenten Branchen wie Versorger oder Telekom, aber auch ausgewählte Papiere aus dem Finanzbereich.
procontra: Die Kurse im Hochzinsbereich sind stark gestiegen. Gehören hier die großen Chancen der Vergangenheit an?
Bosomworth: Im High-Yield-Bereich sind wir eher untergewichtet. Das Segment hat natürlich großes Potenzial. Im derzeitigen Umfeld sehen wir jedoch noch deutliche Risiken für den Gesamtmarkt.
procontra: In den vergangenen zwölf Monaten gab es einen Emissionsboom bei Unternehmensanleihen. Worauf ist das zurückzuführen?
Bosomworth: Die Spreads sind deutlich gesunken und das gesamte Renditeniveau ebenfalls. Das Umfeld war nicht zuletzt auch aufgrund der geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen günstig für die Refinanzierung über den Kapitalmarkt. Zugleich waren die Banken noch immer zögerlich bei der Vergabe von Krediten. Solange die Konjunktursorgen nicht wieder Überhand nehmen, bleiben die Bedingungen am Primärmarkt noch günstig. Andernfalls würden sich die Zinsprämien wieder deutlich ausweiten.
procontra: Immer mehr Unternehmen platzieren Anleihen auch ohne Rating. Was ist davon aus Investorensicht zu halten?
Bosomworth: In der Tat kamen zuletzt auffallend viele Emittenten ohne Rating an den Markt. Ob dieser Trend anhält, bleibt abzuwarten. Wir verlassen uns aber ohnehin nicht auf die Einschätzungen der externen Ratingagenturen, sondern ganz wesentlich auf unsere eigenen internen Ratings, die unser Credit Research Team erstellt.
