Grün, grün, grün …

Das Angebot an nachhaltig etikettierten Investmentfonds ist groß. Doch oftmals steckt mehr Schein als Sein dahinter.
Institutionelle Investoren wie Kirchen, Stiftungen und Universitäten sowie High Net Worth Individuals (HNWI), also vermögende Privatpersonen, sind die treibenden Kräfte für nachhaltige Investments. Laut European Sustainable Investment Forum (Eurosif) werden 90 Prozent der Anlagen von Großanlegern getätigt. Im breiten Privatkundensegment spielen nachhaltige Geldanlagen bisher eine noch untergeordnete Rolle. „Die Berücksichtigung extra-finanzieller Aspekte ist in der Regel kein fester Bestandteil der Anlageberatung im Retailgeschäft“, erklärt Christian Weistroffer. Ähnlich sieht es Claudia Tober, Geschäftsführerin des Forums Nachhaltige Geldanlagen: „Bei der Ausbildung der Finanzberater spielen nachhaltige Geldanlagen bisher keine Rolle.“ Hartnäckig hält sich bei Anlegern auch weiterhin das Vorurteil „Nachhaltigkeit und Rendite beißen sich.“ Die Branche versucht seit Jahren, dieses Denken durch Statistiken zu widerlegen.
Nachhaltige Fonds können bezüglich Rendite in der Regel gut mithalten, wenngleich die Spitzenrenditen oftmals von anderen Investmentfonds erzielt werden. Das verwaltete Vermögen nachhaltiger Publikumsfonds stieg bis Ende 2009 trotz „Rendite-Vorurteil und Begriffsproblemen“ auf rund 30 Milliarden Euro im deutschsprachigen Raum, dies sind aber nur 2 bis 3 Prozent des gesamten Investmentfondsmarktes. Tendenz allerdings steigend. „Die positive Entwicklung der Anlagevolumina nachhaltiger Publikumsfonds deutet darauf hin, dass es ein gesteigertes Interesse privater Kunden an nachhaltigen Anlageprodukten gibt“, so Weistroffer.
Laut Sustainable Business Institute waren per Ende Dezember 2009 allein im deutschsprachigen Raum 313 Aktien-, Renten-, Misch-, Dach-, Mikrofinanz-Fonds sowie Exchange Traded Funds (ETFs) zum Vertrieb zugelassen. Aktienfonds haben mit 71 Prozent dabei den größten Anteil. Rentenfonds machen 15 und Mischfonds 10 Prozent aus. Vor fünf Jahren lag die Anzahl noch bei nur 112 nachhaltig veranlagten Fonds.

Negativ- und Positiv-Screening. Um herauszufinden, wie nachhaltig die Produkte wirklich sind, sind die zugrunde liegenden Investmentstrategien genau zu betrachten. Im Laufe der Entwicklung haben sich fünf Strategien herausgebildet. Beim Negativ-Screening wird mit Ausschlüssen gearbeitet. So sind beispielsweise Unternehmen, die ihr Geld komplett oder zum Teil mit Waffen, Pornografie, Glücksspiel, Kinderarbeit oder Tierversuchen verdienen, in Nachhaltigkeitsfonds nicht gern gesehen. Allerdings kommt es hier gleich zum Problem. „Gerade bei Großkonzernen ist es beispielsweise nicht immer möglich, Umsätze aus Rüstungsgeschäften zu identifizieren. Wer sagt, er könne dies 100-prozentig, agiert unseriös“, gibt François Vetri von der sam group zu bedenken. Die zweite Investmentstrategie ist das Positiv-Screening. Dabei können sich Unternehmen und Branchen aufgrund ihres sozial und ökologisch orientierten Geschäftsinteresses für das Portfolio eines Nachhaltigkeitsfonds qualifizieren. Für Ralph Prudent, Vertriebsgeschäftsführer der Ökoworld Lux S.A., ergibt nur eine Kombination aus Positiv- und Negativ-Screening bei der Titelauswahl Sinn.
Klassenbester, Engagement und Integration. Von Nachhaltigkeitsfonds gern genutzt wird der Best-in-Class-Ansatz. Hier liegt der Schwerpunkt auf der relativen Performance eines Unternehmens. Die Unternehmen werden am Branchenstandard gemessen und nur die jeweils nachhaltigsten finden Aufnahme. So landet auch schon mal eine BP wegen ihres Umwelt- und Risikomanagements in Best-in-Class-Portfolios. Wie fatal dies ist, zeigt die Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko. „Das ist die größte von Menschenhand verursachte Umweltkatastrophe außerhalb eines Krieges“, erklärt Prudent. „Bei Ökoworld ist ausgeschlossen, dass eine BP im Depot landet. Wir investieren in Unternehmen, die Lösungen für die künftigen Herausforderungen bieten, und suchen nicht den Einäugigen unter den Blinden.“ Der Best-in-Class-Ansatz ist auch der Grund, warum sich Unternehmen wie Lufthansa, BMW oder Energiekonzerne, die im Bereich Kernenergie tätig sind, in Nachhaltigkeitsfonds wiederfinden. Luftfahrt, Automobilität und Atomenergie passen nicht sonderlich gut unter einen grünen Mantel. „Wenn eine Lufthansa flächendeckend versucht nachhaltiger zu wirtschaften, dann ist doch die Wirkung insgesamt viel größer, als wenn ein kleines Luftfahrtunternehmen solche Anstrengungen unternimmt. Deshalb haben auch die großen Konzerne ihre Berechtigung in solchen Portfolios“, entgegnet Tober. Eine Ansicht, die Andrew Murphy von der Umwelt-Consulting Firma Murphy & Spitz nicht teilt: „Der Anteil der nachhaltigen Fonds am Gesamtmarkt ist doch
äußerst gering und daher der Einfluss von solchen Fonds auf die Großkonzerne ebenso. Ich finde nicht, dass solche Großkonzerne ins Portfolio gehören.“ Vetri macht deutlich, dass der Anleger sich sowieso zwischen einem Branchenfonds und einem Aktienfonds, gegebenenfalls mit Großkonzernen, entscheiden müsse. „Man kann beispielsweise bei einem innovativen Technologieunternehmen, das sich die Bekämpfung der Wasserknappheit zur Aufgabe gemacht hat, nicht die gleichen Nachhaltigkeitskriterien wie bei einem Großkonzern anlegen.“ Für die soziale Komponente der Nachhaltigkeit spielen beispielsweise gute Arbeitsbedingungen für alle Angestellten, nicht nur im eigenen Unternehmen, sondern auch für die Angestellten und Mitarbeiter bei den Zulieferern, eine große Rolle. „Großkonzerne können sich eine Abteilung, die dies unter anderem überprüft, personell und finanziell leisten, junge, innovative Unternehmen in der
Regel nicht“, so Vetri. Der Engagement-Ansatz ist eine weitere Investmentstrategie, die zur Titelauswahl herangezogen wird. Bei dieser Strategie versucht der Kapitalgeber im Rahmen seiner Rechte als Unternehmensteilhaber oder Stakeholder die Unternehmenspolitik aktiv zu beeinflussen. Der integrative Ansatz stellt eine weitere Investmentstrategie dar. Dabei werden Unternehmen und auch Staaten anhand der sogenannten ESG-Kriterien gemessen. „Um die extra-finanzielle Performance einer Kapitalanlage im Portfoliokontext berücksichtigen zu können, werden sogenannte Key-Performance-Indikatoren (KPIs) herangezogen, anhand derer der Grad der ,Nachhaltigkeit‘ einer Finanzanlage quantifizierbar gemacht wird“, führt Weistroffer aus.
Abstriche machen. Die Zeitschrift Finanztest hat in ihrer Mai-Ausgabe verschiedene Aktienfonds Welt und Rentenfonds hinsichtlich einer Vielzahl von Kriterien, unter anderen Ausschlusskriterien wie Atomenergie, Automobil- und Flugzeugindustrie, Tierversuche, Walfang, Kinderarbeit, Tabak oder Gleichberechtigung, Mindestsozialstandards usw., untersucht. Auffallend ist, dass kein Aktienfonds Welt oder Rentenfonds alle Kriterien erfüllt. Anleger müssen sich also mit einer Annäherung ans Ideal zufriedengeben bzw. überprüfen, ob ihre eigene Vorstellung von Nachhaltigkeit mit der Vorstellung des Anbieters korrespondiert und der Produktgeber keine Öffnungsklausel bezüglich der Kriterien und Ausschlüsse hat.
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Eine Antwort zu “Grün, grün, grün …”
30.06.2010 um 11:21
Entscheidener Punkt: “…Lösungen, die nur im Betrieb CO2 sparen, dafür aber in der Erstellung oder Entsorgung möglicherweise mehr CO2 produzieren. Wir halten das nicht für eine ganzheitliche Betrachtung der Nachhaltigkeit …” Das wird leider oft vergessen, ist aber ein entscheidend, um letztendlich wirklich ökologisch nachhaltiger zu sein.