procontra: Zertifikate ins Depot?
Nach der harschen Kritik an Zertifikaten im Zuge der Finanzbranche kommen die Anbieter allmählich aus der Deckung. Ist die Zeit wieder reif für Zertifikate? Lars Brandau vom Deutschen Derivate Verband (DDV) sagt (logischerweise) ja. Christian Kreuser von der quirin bank sieht das anders.
pro In Zertifikate investieren? – Aber ja! Sie vervollständigen jedes Depot. Zertifikate bieten mehr Möglichkeiten als alle anderen Anlageklassen. Anleger können mit ihnen gezielt in Branchen oder ganze Märkte investieren. Zertifikate erleichtern Währungs- und Rohstoffinvestments. Bei Zertifikaten handelt es sich um liquide Anlageprodukte. Sie sind zudem transparent, weil sie ein klar definiertes Zahlungsversprechen abgeben. Hinzu kommt, dass sie als passive Investments günstigere Kostenstrukturen aufweisen als aktiv gemanagte Produkte.
Zwar wird stets das Emittentenrisiko angeführt, um von Zertifikaten abzuraten. Demgegenüber spielen diese Produkte ihre Vorzüge voll aus, wenn es um die Abwehr allgegenwärtiger Baisserisiken geht. Schließlich zählt zu den besonderen Stärken von Zertifikaten, dass sie auch in seitwärts oder abwärts tendierenden Märkten deutlich positive Renditen erwirtschaften können.
Dazu ein simples Beispiel: Nehmen wir an, dass demnächst die Langfristzinsen steigen und die Aktienkurse sinken. Angesichts der kürzlich erfolgten beispiellosen Rettungsaktion für den Euro bzw. für diverse Emittenten europäischer Staatsanleihen ist dies ja kein unwahrscheinliches Szenario. Man wird bei Eintritt dieses Risikofalls von einem Portfoliomanager erwarten, dass er seine Anleger vor Einbußen bewahrt. Diese Erwartung wird jedoch regelmäßig enttäuscht.
Denn die große Mehrheit der institutionellen Geldverwalter fährt eine „Only long“-Strategie. Als Resultat machen ihre Kunden selbst massive Abwärtsbewegungen vollständig mit.
Kapitalanleger mit hohem Sicherheitsbedürfnis können indes mit Kapitalschutz- oder Teilschutzzertifikaten auf Werkzeuge zurückgreifen, die sie vor möglichen Negativtrends an den Börsen schützen. Progressiv eingestellte Anleger wählen vielleicht ein Bear- oder Discountzertifikat, um von solchen Bewegungen sogar zu profitieren. Natürlich müssen die Investoren immer verstehen, was sie kaufen. Sie sollten sich zu ihrer Anlageentscheidung bekennen und nicht den Produzenten für etwaige Verluste verantwortlich machen, wenn ihre Markterwartung nicht eintrifft.
Völlig unbestritten ist, dass Anleger das Recht haben, über Funktionsweise, Chancen und Risiken der Produkte umfassend informiert zu werden. Hier gab es in der Vergangenheit Lücken. Um noch mehr Transparenz zu schaffen, haben die Zertifikate-Anbieter zahlreiche Initiativen gestartet oder unterstützt. So informiert der Branchenverband DDV auf seiner Website (www.derivateverband.de) zeitnah über die Bonitätsnoten und aktuellen Ausfallrisiken (CDS-Sätze) der Emittenten. Ferner hat der DDV Checklisten für Anleger entwickelt, Wohlverhaltensregeln für Anbieter definiert und eine Produktklassifizierung durchgesetzt. Daneben erstellen verschiedene externe Researchhäuser Ratings für Zertifikate, die unter anderem über die Risikoklasse des jeweiligen Wertpapiers informieren.
Diese Informationsangebote sollten Anleger nutzen, um die Auswahl der von ihnen ins Auge gefassten Produkte zu hinterfragen. Verstehen sie Zertifikate dann noch als sinnvolle Depotergänzung und stellen sie unterschiedliche Papiere von verschiedenen Anbietern zusammen, ist auch das vielgescholtene Emittentenrisiko vertretbar.
contra Mehr als eineinhalb Jahre sind bereits vergangen, seitdem mit der Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers die wahrscheinlich größte Finanzkrise aller Zeiten ihren Anfang nahm. Betrachtet man die aktuell vorliegenden Geschäftsberichte der ehemals von der Pleitewelle bedrohten Finanzinstitute, so könnte man glauben, alles sei vergessen und vorbei. Niemand spricht mehr über die verprellten Investoren, die guten Glaubens in Zertifikate investierten und ihr eingesetztes Kapital oft gänzlich verloren. Ohne staatliche Unterstützung der sogenannten „systemrelevanten“ Institute hätten noch deutlich mehr Anleger einen dramatischen Vermögensverlust erlitten.
Nach dem Börsenaufschwung seit Mitte 2009, scheint dies alles in Vergessenheit geraten zu sein. Zertifikateanbieter stellen sich auf risikoaverse Investoren ein und emittieren nun vermehrt Garantie- und Wertsicherungszertifikate oder auch Aktienanleihen. Diese suggerieren Sicherheit, aber ist das wirklich so?
Anders gesagt: Was hat sich seit der Finanzkrise geändert? Zertifikate oder derivative Konstruktionen weisen nach wie vor ein Emittentenrisiko auf. Dabei sollten Investoren, außerhalb von Lehmann, nicht vergessen, dass sie seinerzeit mit einem blauen Auge davongekommen sind. Teilverstaatlichte Institute zeigen eindeutig, womit ohne staatliche Unterstützung zu rechnen gewesen wäre.
Rückblickend haben wir innerhalb der letzten zwei Jahre Banken kurz vor der Pleite gesehen, welche nun mit historisch überdurchschnittlichen Ergebnissen aufwarten. Wird der Staat respektive der Steuerzahler bei erneuten Problemen der Banken mit Milliarden Euro in die Bresche springen? Können Banken zukünftig nicht mehr pleitegehen? Dies erscheint heute unwahrscheinlicher denn je. Häufig lassen Investoren einen wesentlichen Gesichtspunkt außer Acht – die sinnvolle Zusammensetzung unterschiedlicher Anlageklassen innerhalb eines Depots. Vielfach wird aufgrund des niedrigen Zinsniveaus der Markt der festverzinslichen Anlagen von Zertifikateanbietern attackiert und mit einem risikofreien Zusatzertrag geworben. Dabei darf eines nicht vergessen werden – einen Ertrag erzielt man niemals ohne Eingehen eines Risikos. Stellt man sein Depot hingegen auf breite Beine und investiert neben Aktien und festverzinslichen Wertpapieren auch in alternative Investments wie beispielsweise Gold, so senkt man das systematische Risiko seines Depots deutlich und kann auch in weniger guten Börsenjahren aufgrund erfolgter Diversifikation stabile Erträge erzielen. ETFs, sogenannte Exchange Traded Funds, leisten dabei gute Dienste: Sie sind kostengünstig, bilden ganze Branchen oder Märkte ab und sind als Sondervermögen von einer Insolvenz des Emittenten nicht betroffen.
Letztendlich sollte der Investor eines grundsätzlich immer beachten: Niemals sollte er in ein Vehikel investieren, dessen Funktionsweise er nicht versteht. Insbesondere bei Zertifikaten muss dies infrage gestellt werden. Auch wenn seit der Finanzkrise die meisten Investoren mit dem Begriff des Emittentenrisikos vertraut sind, so ist dieses Risiko nach wie vor präsent. Darüber hinaus beinhalten Zertifikate (zu denen im Übrigen auch Aktienanleihen zählen) intransparente Kostenstrukturen, die leider immer nur einem einen Mehrwert liefern – dem Emittenten.
Eine Antwort zu “procontra: Zertifikate ins Depot?”
21.07.2010 um 14:10
@Kreuser: Ist bei quirin bank nicht der Analyst, der bei Anne Will Deutschland mit Simbabwe verglichen hat? Fand dies so erschreckend, wie ein Repräsentant einer Bank Deutschland mit einem Land vergleicht, dass noch nicht einmal eine Promille unseres Bruttoinlandsproduktes ausmacht.
Da sollte Sie von Zertifikaten besser die Finger lassen und weiter Gold kaufen.
Gruß
Gordon G.