Herbststurm
Pünktlich zum Kündigungstermin für die Kfz-Versicherung gibt es ein Hauen und Stechen in der Branche. Den 30. November sehen Kfz-Versicherer mit gemischten Gefühlen. Für die einen, überwiegend die großen Anbieter, ist der Stichtag kein Grund zum Feiern. Sie haben regelmäßig einen Versichertenschwund von bis zu 5 Prozent hinzunehmen. Die anderen, die kleineren Anbieter und Direktversicherer, gewinnen entsprechend hinzu.
Drei bis vier Millionen Fahrzeughalter wechseln jedes Jahr ihren Anbieter. In keiner anderen Sparte ist die Wechselquote derart hoch. Doch dieses Jahr ist einiges anders. HUK-Coburg, Zweiter der Branche hinter der Allianz, geht im Herbststurm auch verbal in die Offensive. Die Bayern beschuldigen den Mitbewerber Europa Versicherungen, Direktversicherer der Continentale, im September Rabattaktionen durchgeführt zu haben, um bei Verbrauchertests gut abzuschneiden. Hintergrund: Die Stiftung Warentest veröffentlicht regelmäßig in ihrer Novemberausgabe umfangreiche Tariftabellen. Als Grundlage dieser Tabellen gelten die Beiträge vom 1. September. Zum 1. Januar, dem Termin, zu dem die Autofahrer die Versicherung wechseln, weil sie entsprechend zum 30. November gekündigt haben, gäbe es dann Preiserhöhungen von 50 Prozent. So zumindest der Vorwurf der HUK-Coburg. „Wir sind uns aus der Vergangenheit durchaus bewusst, dass viele Versicherer nach dem 1. September neue Tarife nachschieben“, erklärt Finanztest gegenüber procontra. Die HUK nimmt nur die Europa Versicherungen aufs Korn. „Bei anderen Versicherern sind uns derartige Tarifwechsel bisher nicht aufgefallen“, erklärt Holger Brendel, Sprecher der HUK-Coburg.
Der Konkurrenz geht der Atem aus. Kein Wunder, dass bei der hohen Wechselbereitschaft im Kfz-Segment seit Jahren ein gehöriger Preiskampf tobt. Doch dieses Jahr erhöhen erstmal seit Jahren die meisten Gesellschaften ihre Prämien. Wenngleich einige Direktversicherer weiterhin die Prämien senken, ist der Preiskampf erst einmal gestoppt. Das Spiel der Vergangenheit, die Preise immer weiter zu senken, hielten nicht alle Assekuranzen für lukrativ. „Wir haben uns am Preiskampf nicht beteiligt. Wir sind in den schwarzen Zahlen und wollen das auch bleiben“, erklärt eine Sprecherin der ERGO. Für einen Service-Versicherer habe ein Preiskampf sowieso nicht die höchste Priorität. Auch die Zurich hat den ruinösen Preiskampf nicht mitgemacht. „Die Branche hat in den vergangenen Jahren an den Kfz-Versicherungen nur marginal verdient – wenn überhaupt. Da durch die Finanzmarktkrise die Einnahmen durch Kapitalanlagen wegbrechen, müssen die Versicherer neu rechnen“; erklärt Bernd Engelien, Sprecher der Zurich Gruppe Deutschland. Auch in puncto Prämiensenkungen gibt sich die HUK kämpferisch. „Es kann durchaus sein, dass dem einen oder anderen Versicherer der Atem ausgeht, doch wir werden nicht die Ersten sein, die den Preiskampf beenden werden“, sagt Holger Brendel. Die HUK schreibe noch schwarze Zahlen, auch aus versicherungstechnischer Sicht, und habe deshalb noch Luft nach oben bzw. nach unten, was die Preise anbetrifft. Obwohl der Abwärtstrend dieses Jahr zunächst beendet scheint, „wird es Wettbewerb in diesem Bereich immer geben“, sagt Engelien von Zurich. „Wir gehen aber davon aus, dass die Kfz-Versicherungen ihre Prämien anheben müssen. 2 bis 3 Prozent müssten es schon sein.“ Die Preissensibilität ist bei Autoversicherungen besonders hoch. Der Deutsche schenkt seinem liebsten Kind besonders viel Aufmerksamkeit, auch was die Prämien anbetrifft. „Auch in anderen Bereichen gibt es durchaus eine latente Wechselbereitschaft. Allerdings muss man auch in Betracht ziehen, dass wir in vielen Bereichen mittlerweile von einer Grenzoptimierung sprechen“, so Engelien. Nicht jeder erachte es als lohnenswert alle paar Monate seinen Handy-, Internet- oder Stromanbieter zu wechseln, wenn dies lediglich graduelle Verbesserungen verspricht. Bei der Kfz-Versicherung lässt sich aber schon einiges sparen (siehe Tabellen). Also befeuern die Medien das Thema mit einer ausführlichen Berichterstattung und die Konzerne fokussieren ihre PR- und Werbeaktionen auf den Herbst. Dies könnte vielleicht bald der Vergangenheit angehören.
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