Auf dem Prüfstand
„Wann hatten Sie eigentlich Ihren Policenordner zum letzten Mal in der Hand?“ Eine Frage, die so oder ähnlich jedes Jahr um diese Zeit in den Medien zirkuliert. Policencheck zum Jahresende: Kann weg. Kann bleiben. Kommt vielleicht irgendwann mal in Betracht. Die Unfallpolice gilt dabei allgemein nur als zweite Wahl nach der BU, ist gemessen daran aber relativ weit verbreitet.
Mit insgesamt über 28 Millionen Verträgen haben sich die Deutschen für den Fall der Fälle eingedeckt, der hoffentlich nie eintritt. Dagegen sprechen allerdings einschlägige Unfallstatistiken. Nahezu neun Millionen Menschen kommen nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in Deutschland jährlich bei Unfällen zu Schaden, davon eine Million so schwer, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen. Rund 60 Prozent der Unfälle passieren zu Hause oder in der Freizeit. Zahlen, die den Abschluss einer Unfallversicherung nahelegen bzw. für deren Fortführung sprechen, sofern ein Berufsunfähigkeitsschutz an finanziellen oder Annahmehürden scheitert oder aus anderen Gründen nicht machbar ist.
Umstieg lohnt sich. Doch auch ein Umstieg kann sich lohnen. Denn in jüngster Zeit hat sich bei den Angeboten einiges in Richtung Verbraucherfreundlichkeit gedreht. „Schon mit einem fünf Jahre alten Vertrag lebt man heute unter Umständen hinterm Mond“, sagt Versicherungsberater Hans-Hermann Lüschen aus Berlin. Eine verbesserte Gliedertaxe etwa findet sich nach seinen Recherchen inzwischen in gut einem Drittel der 175 Unfalltarife, die derzeit am freien Markt angeboten werden. „Vor drei Jahren war es nicht einmal jeder 20., der hier über den GDV-Standard hinausging“, so Lüschen. Eine weitere Neuerung, die in einer wachsenden Zahl von Tarifen verankert ist: Eine Vorerkrankung wird erst dann angerechnet, wenn ihr Anteil 40 Prozent und mehr an der Invalidität ausmacht. Knapp die Hälfte der Anbieter zieht erst dann die entsprechende Summe von der Unfallleistung ab. Bis dato war es gerade einmal jeder zehnte. Der größere Teil allerdings hält weiter an der 20-Prozent-Grenze fest. Branchenüblich dagegen ist der Vorschuss auf die Leistung nach einer schweren Unfallverletzung. „Aber immer noch verbesserungswürdig“, moniert der Versicherungsberater mit Blick auf die 7 Prozent der Anbieter, die diesen Punkt nach wie vor nicht abdecken.
Eher noch zögerlich zeigen sich die Gesellschaften bei speziellen Unfallleistungen für Kinder: Nachhilfe – wenn längere Zeit kein Schulbesuch stattfinden kann. Haushaltshilfe – sofern einer der beiden Eltern selbst durch einen Unfall gehandicapt ist, und außerdem Rooming-in. „Hier sind Eltern, die bei ihrem Kind im Krankenhaus übernachten, schnell mal 400 Euro los“, so Lüschen. Im Schnitt entstehen dabei Kosten bis zu 80 Euro pro Tag. Gerade einmal 10 Prozent der Anbieter entlasten Eltern dort finanziell. Vor drei Jahren sah es allerdings noch schlechter aus. Da waren es nämlich nur 3 Prozent, die solche Zusatzleistungen absicherten.
Messbarer Fortschritt. Einen deutlich messbaren Fortschritt gibt es dagegen beim Risikoschutz für Vergiftungen bei Kindern bis 14 Jahren. Rund 20.000 Fälle registrieren die Giftnotrufzentralen hier bundesweit im Jahr. Solche Unglücksfälle – auch durch verdorbene Nahrungsmittel – sind jetzt immerhin bei über 40 Prozent der Anbieter mitversichert. Bis vor kurzem waren nicht einmal 10 Prozent dazu bereit. Noch ganz am Anfang steht die Branche bei Vorsorgeleistungen für Kinder bei Unfalltod der Eltern. Nur eine verschwindend geringe Minderheit macht entsprechende Absicherungsangebote wie etwa Vollwaisenrente oder Verdoppelung der Unfallsumme. Noch bis vor kurzem suchte man überhaupt vergeblich danach. „Drei Jahre weiter – dann hat sich auch bei diesem Thema die Versicherungswelt ein Stück weiter gedreht“, glaubt Lüschen. „Dafür sorgen schon Konkurrenzdruck, Verbraucherschutz und Öffentlichkeit.“
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