„Die Kurshistorie vieler Fonds ist zukünftig ungeeignet“

 

0509_es_wird_ausgesiebtprocontra: Warum verfahren die Fondshäuser derzeit so radikal mit ihren Produktpaletten?
Christian Michel:
Das Gros der Fonds, die vom Markt genommen wurden, rutschte durch hohe Mittelabflüsse oder einen negativen Performance-Effekt unter eine für sie kritische Volumengrenze. Unter dieser Grenze bleiben den Gesellschaften dann kaum Argumente, diese Fonds am Leben zu erhalten, da sie schlichtweg nicht mehr profitabel sind. Daher beobachten wir derzeit auch eine ungewöhnlich hohe Marktbereinigung unter den Fondsangeboten.

procontra: Gibt es so etwas wie ein minimales Fondsvolumen, an dem sich auch der Anleger orientieren kann?
Michel: Das kann man so pauschal nicht sagen. Bei einem Fonds, der beispielsweise in europäische Standardwerte investiert, sollten etwa 70 Millionen Euro nicht unterschritten werden. Das sieht bei Nischenfonds, wie etwa bei auf Nebenwerte spezialisierten Anlagevehikeln, schon wieder ganz anders aus. Diese Produkte sind generell oftmals kleiner um ihre Strategie adäquat umsetzen oder flexibler agieren zu können.

procontra: Mittelabflüsse in schlechten Zeiten sind ja nichts Überraschendes. Warum vertrauen die Fondshäuser nicht auf entsprechende Rückflüsse in der Zukunft?
Michel: Bei vielen Fonds ist die Kurshistorie aufgrund überdurchschnittlich hoher Verluste für den zukünftigen Vertrieb ungeeignet. So zum Beispiel bei einigen geldmarktnahen Fonds, die vor der Finanzmarktkrise als äußerst konservativ positioniert wurden, dennoch durch Spekulationen mit ABS-Papieren hohe Verluste generierten. Hier passt die Historie nicht zur Fondsstrategie.

procontra: Gibt es denn eine Anlageklasse, die besonders von Schließungen bedroht ist?
Michel: Schließungen und Fusionen können alle Fondskategorien betreffen. Dennoch ist es so, dass unmittelbar vor Inkrafttreten der Abgeltungsteuer sehr viele Misch- und Dachfonds als steueroptimierte Anlageform aufgelegt wurden. Schon damals wurde prophezeit, dass ­viele von ihnen wieder vom Markt verschwinden würden, da sie einfach nicht genügend Gelder einsammeln. Das Thema der Abgeltungsteuer fiel aus Vertriebssicht äußerst unglücklich direkt in die Krise hinein.

procontra: Schade nur für den Anleger, der in solche Fonds noch schnell vor dem Stichtag investiert hat, damit die Steuer nicht ausgelöst wird.
Michel: Ja, das stimmt. Da kann der Anleger nur hoffen, dass sein Fonds steuerneu­tral mit einem anderen fusioniert und nicht komplett aufgelöst wird.

procontra: Dennoch wird es immer wieder Reaktionen auf Trends in Form neuer Fonds geben. Hinterfragen die Gesellschaften jetzt etwas kritischer die Notwendigkeit neuer Fonds?
Michel: Vielleicht sind sie diesbezüglich in Zukunft etwas zurückhaltender. Doch zum einen verkaufen sich neue Themen besser und zum anderen sind die Vollsortiment-Anbieter immer strategisch so ausgerichtet, möglichst jeden Anleger anzusprechen. Dass dafür wirklich mehrere hundert Fonds nötigt sind, bezweifle ich allerdings.

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