Es wird ausgesiebt

 

0509_es_wird_ausgesiebtDie Besen kehren in diesem Jahr hart durch die Produktpaletten der Fondshäuser. Alles, was zu wenig Volumen oder Performance mit sich bringt, fliegt raus. Sei es durch Zusammenlegungen mit anderen Fonds oder gar durch eine generelle Auflösung. Bereits im ersten Halbjahr wurden laut Angaben des Bundesverbands Investment und Asset Management (BVI) rund 200 Publikumsfonds aufgelöst.

Expertenmeinungen und den Ankündigungen der Gesellschaften zufolge wird der Vorjahresrekord von 386 Auflösungen 2009 noch übertroffen werden. Besonders lang fallen die Streichlisten bei der DWS und der Allianz Global Investors (AGI) aus. Beide Gesellschaften zählen zu den größten Fondshäusern Deutschlands. Entsprechend viele Anleger sind von den Veränderungen auch betroffen.

Mittelabflüsse bedrohen Fonds. So strich die Deutsche-Bank-Tochter bereits 50 Fonds ganz von der Liste. Zusammen mit den geplanten Fondsfusionen soll das gesamte Angebot bis Mitte nächsten Jahres um rund 100 auf 400 Fonds reduziert werden. „Die Krise ist ein guter Zeitpunkt, um die Fondspalette zu überdenken“, begründet DWS-Sprecher Claus Gruber. Dabei muss das Zeugnis für die 130/30-Fonds besonders schlecht ausgefallen sein. Fast die komplette Serie wurde vom Markt genommen. „Der Großteil dieser gehebelten Produkte wurde kurz vor Ausbruch der Krise aufgelegt. Der Zeitpunkt dafür war im Nachhinein alles andere als optimal.“ Die Anleger wollten von Leerverkäufen nichts mehr wissen – dementsprechend schleppend lief der Vertrieb. Diese und andere Fonds waren mangels Masse nicht mehr überlebensfähig. Die Begründung der AGI für ihre Auflösungen fällt etwas anders aus. Hier entstanden zu Jahresbeginn durch ­die Übernahme der Commerzbank-Tochter cominvest eine Reihe von Produktdopplungen, die nun bereinigt werden sollen. Sicherlich ein Hauptargument, doch unter den 109 Streichkandidaten mussten wohl auch einige krisenbedingt aufgelöst werden. Insgesamt fusioniert die AGI 53 Fonds mit einem Vermögen von 830 Millionen Euro und schließt 20 Fonds, die zusammen etwas über 200 Millionen Euro auf die Waage brachten. Hohe Mittelabflüsse verzeichneten ebenfalls die Fondssparten der Sparkassen, die DEKA, sowie der Volksbanken, die Union Investment. „Aufgrund unserer selektiven Auflegungspolitik haben wir eine sehr fokussierte Produktpalette“, begründet Union-Sprecher Markus Temme, warum sein Unternehmen bislang nur zwei Fonds schließen musste.
Keine Gesellschaft ist vor Fondsschließungen gefeit. Wie viele es letztlich werden, ist noch unklar. Die Umsetzungen werden in jedem Fall noch bis in die zweite Jahreshälfte 2010 andauern. Das ist auch ein ganz natürlicher Prozess. „Es ist ein bisschen so, als würde man im Frühling die Hecke schneiden“, verbildlicht Gruber. Weil in Boomphasen regelmäßig Wildwuchs ausbricht, muss in Zeiten des Bären ordentlich gestutzt werden. Und nach dem Ausmaß dieser Krise fällt die Gartenarbeit eben etwas umfangreicher und radikaler aus.

Die Sinnhaftigkeit der stetig wachsenden Anzahl an Fonds – trotz Schließungen – bezweifeln Experten wie Feri-Analyst Christian Michel (siehe Interview). Aber die Macht der Vertriebsabteilungen ist in der Boomphase kaum zu bändigen. „Der Anleger kauft nun mal vorzugsweise neue Fonds“, berichtet Gruber. Dazu gehört dann immer auch eine passende Verkaufsstory, wie die der vier BRIC-Staaten. Kaum ein anderes Investmentthema ließ sich in der Vergangenheit so greifbar darstellen und entsprechend verkaufen. Und da die Performance der aufstrebenden Länder Brasilien, Russland, China und Indien beeindruckte, gab es auch kein Grund, sich auf einen BRIC-Fonds zu beschränken. So lancierte man noch die Varianten mit und ohne Korea sowie die Einzelversionen der vier heranwachsenden Wirtschaftsmächte.

Börse rauf - Fonds aufgelegtDass die Höhe der Neuauflagen und Schließungen in Abhängigkeit zum Auf und Ab der Börsen steht, zeigt die Grafik. Als Ende der Neunziger der DAX Jahr für Jahr stieg, erhöhte sich ebenso jährlich die Anzahl der neuen Fonds. Die ganze Prozedur drehte sich dann. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase wurden die Paletten bis zum Tiefpunkt 2003 wieder ordentlich bereinigt. Parallele Entwicklungen gab es dann in der Boomphase bis 2007, als über 900 neue Fonds aufgelegt wurden. Das waren knapp drei Fonds pro Arbeitstag! Mit Krisenausbruch wurde ein Jahr später dann im Schnitt täglich ein Fonds geschlossen. Ja nach Marktphase gewichtet sich auch der Einfluss innerhalb der Fondshäuser. Bestimmen in der Hausse überwiegend die Marketing- und Vertriebsexperten die Anzahl der Fonds, sind es in der Krise wieder die Ökonomen. Alles, was sich jetzt nicht rechnet, fällt ihrem Rotstift zum Opfer.

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