Unter Beschuss

 

Variable Annuities heißt der neue Trend in der Versicherungsbranche. Doch die komplexen Produkte sind nicht überall beliebt. Eine „eierlegende Wollmilchsau“ oder die „Quadratur des Kreises“, so frohlockte die Versicherungsbranche öffentlich, als sogenannte Variable-Annuities-Produkte auch für den deutschen Markt entdeckt wurden. Der Grund: Diese Produkte kombinieren Sicherheit und Flexibilität bei hohen Renditechancen miteinander.

Variable Annuities (VA), wörtlich: veränderliche Renten, sind fondsgebundene Rentenversicherungen mit Kapitalgarantien. Im Gegensatz zu „herkömmlichen“ fondsgebundenen Rentenversicherungen investieren VA-Produkte über die gesamte Laufzeit in Aktien. Das entscheidende Merkmal der VA: Die Kapitalanlage ist strikt von der Garantie getrennt. Der Kunde bleibt auch während der Rentenbezugsphase investiert und der Versicherer sichert über ein separates „Hedging- Portfolio“ die Garantie ab. Für diese Absicherung kann alles genutzt werden, was der Kapitalmarkt so hergibt: Derivate, liquide Anleihen, Futures, Swaps und Optionen. Instrumente, deren Ruf sich im Zuge der Finanzkrise nicht gerade verbessert hat. Die Absicherung funktioniert also wie ein Hedgefonds. Die Erwartungen der Versicherer an den Abverkauf dieser Produktinnovation in Deutschland waren groß. „Es ist schon festzustellen, dass die Versicherer auf der Suche nach neuen Produkten sind. Fondsgebundene Rentenversicherungen werden dabei bevorzugt, weil das Garantieprofil erheblich schwächer als bei klassischen Produkten ist“, erklärt Axel H. Kleinlein, unabhängiger Versicherungsmathematiker und Verbraucherschützer.

Strich durch die Rechnung gemacht. Doch durch die Finanzkrise sind die Kosten für die Hedging-Programme in die Höhe geschossen und die Versicherer, wie Beispiele aus den USA zeigen, haben Probleme, die komplexen Produkte in einem sich ständig verändernden Markt abzusichern. Auch die Bundesregierung rudert zurück. Eigentlich standen VA in Deutschland vor der Freigabe. Doch nun hat die Politik Bedenken, wie die Unternehmen die Garantieleistungen erbringen wollen und die Versicherungsnehmer im Falle von Schwierigkeiten oder sogar Insolvenzen gesichert sind. Nicht nur im Ausland, auch in Deutschland stehen VA unter Druck. VA-Pionier hierzulande war die AXA. Das stark beworbene Twin- Star kam bereits im Jahr 2006. Die Unternehmen nutzen die bekanntlich laschere Finanzaufsicht in Irland, Liechtenstein oder Luxemburg, um VA dort über Tochterfirmen aufzulegen und dann mit dem „Euro- Pass“ auch in Deutschland vertreiben zu können. Im Frühjahr stellte der Pionier das Neugeschäft für die Produktgattung Twin- Star Invest des Flagschiffs ein. Schlichte Begründung: Die Absicherung der Garantien wurde zu teuer. Auch die Allianz hat die Gebühr für ihr Invest4Lif“ erhöht und zugleich zu Jahresbeginn die garantierten Renten gesenkt. Ambitioniert wollte auch der US-Versicherer Hartford, seit über 30 Jahren im VA-Geschäft, 2009 den deutschen Markt betreten. Doch nach drei Quartalsverlusten in Folge, zuletzt von mehr als 900 Millionen Euro, schloss das Unternehmen die erst kürzlich eröffnete Filiale in Frankfurt mit 50 Mitarbeitern. Hartford zieht sich auch aus dem Neugeschäft in Großbritannien und Japan zurück. Dass Unternehmen trotz der Umstände den Schritt ins VA-Geschäft wagen, kommt einer kleinen Überraschung gleich. Canada Life hat zusammen mit Fidelity im März die Garantie Investment Rente auf den deutschen Markt gebracht. ERGO vertreibt sein Vorsorge Invest-Plus seit 10. Juni über den Ausschließlichkeitsvertrieb der Victoria. „Die ERGO Versicherungsgruppe zeichnet sich durch eine besondere Expertise im Risikomanagement aus“, begründet Thomas Primnitz, Leiter Gesamtvertrieb & Marketing Vorsorge Gesellschaften Deutschland/Luxemburg, den Schritt ins VA-Geschäft. Gerade die vielen freigewordenen Milliarden (2008: 83 Milliarden Euro) bieten laut ERGO enormes Potenzial für das Einmalbeitragsgeschäft im Bereich VA. Viele Versicherer haben zumindest vor der Finanzkrise den Lobgesang auf die Produktinnovation Variable Annuities mitgesungen und preisen noch heute die Flexibilität der Produkte. „Mit den Produkten kann sehr viel schneller auf steigende Zinsen und Aktienkurse reagiert werden“, betont Primnitz von der ERGO. Die AXA hat vor der Einführung von Twinstar die unterschiedlichen Garantiemodelle am Markt genauestens geprüft und sich bewusst für die VA-Variante entschieden. Auch heute noch hält AXA Variable Annuities für einen „wichtigen Baustein in der Altersvorsorge mit Garantien“, so Sprecherin Ursula Roeben. Aber nicht alle sind Fans. „Wir stehen diesen Produkten wegen der tatsächlichen Kostenbelastung und der sich daraus ergebenden Renditeerwartung eher kritisch gegenüber“, sagt Sascha Albiez, Hauptabteilungsleiter Marketing der Stuttgarter. „Die Hedging-Prozesse schmälern die Rendite erheblich.“ Einen echten Mehrwert der VA für die Versicherungskunden mag auch Kleinlein nicht erkennen. „Die Kostenstruktur und das Garantieprofil sind meist völlig intransparent.“

Probleme für den Vertrieb. Für zwei Drittel der Deutschen sind Auszahlungsgarantien der wichtigste Produktaspekt bei der Auswahl der privaten Altersvorsorge, so ein Ergebnis einer Studie von YouGovPsychonomics. Gut für VA, allerdings lassen sich die Anbieter bei den Prozessen, mit denen die Garantien erbracht werden sollen, nicht in die Karten schauen. Kein Problem, werden die Vertriebler sagen: Den Kunden interessiert, was er bekommt, was seine zugesagten Leistungen sind und was es kostet. Mehr nicht. Allerdings sollten heutzutage Vermittler und Produktgeber auch auf tiefgehende Kosten- und Garantiefragen passende Antworten haben. Eine wirtschaftliche Schieflage vom Produktgeber stellt VA-Kunden vor besondere Probleme. Ist ein Versicherer in Deutschland pleite, ist die Auffanggesellschaft der Branche namens Protektor zur Stelle. Da VA jedoch noch nicht aus Deutschland kommen, sind die Garantiegeber die jeweiligen Tochterfirmen im Ausland. Dort gibt es kein Protektor, wenngleich Anbieter wie AXA ihre Kunden beruhigen. Die französische Mutter hat eine Patronatserklärung abgegeben und wird sämtliche Kundenansprüche aus den Verträgen erfüllen. Kunden sehnen sich zudem nach einfachen Produkten. Eine weitere Herausforderung für den Vertrieb, diese hochkomplexen VA trotzdem an den Mann und die Frau zu bringen.

Interview

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