„Das Inflations-Szenario ist unumgänglich“

procontra: Herr Müller, auch für Sie baut sich bereits ein Inflations-Tsunami am Horizont auf. Wo liegt für Sie das Epizentrum?
Dirk Müller: Im US-Anleihenmarkt. Platzt dort die Blase, wird eine unvorstellbare Summe an Liquidität frei, die sich neue Anlageformen suchen wird. Doch diesem vor allem künstlichen Geld stehen beim derzeitig kollabierenden Welthandel nicht genügend Waren gegenüber. Die daraus resultierende Hyperinflation ist keine Panikmache, sondern logische Wirtschaftsmathematik. Das ist ein mögliches Szenario, weitere sind denkbar. Ein Neuverhandeln der weltweiten Staatsschulden wäre ein solches Beispiel.
procontra: Was bringt die Blase zum Platzen?
Müller: Dafür reichen schon ganz kleine Impulse. Es genügt, wenn China keine USStaatsanleihen mehr kauft. Derzeit sind sie noch hoch investiert. Doch das Kapital wird bereits in Richtung Industriemetalle und Rohstoffe verschoben. Und dieser Prozess wird sich beschleunigen. Ein zweiter Impuls wäre die Bonitätsherabstufung der USA von AAA auf AA. Wenn das passiert, sind weltweit unzählige Investoren – auch aufgrund von Investitionsvorgaben – gezwungen ihre Gelder abzuziehen.
procontra: Klingt so, als wäre das Inflationsproblem nur eines der Amerikaner.
Müller: Dort liegt der Ursprung. Doch ausgehend von den USA wird es zu einem weltweiten Problem werden.
procontra: Gibt es dafür ein Zeitfenster?
Müller: Dazu könnte es durchaus noch in diesem Jahr kommen.
procontra: Kostet ein Brot dann bald wieder eine Million Euro wie in den 1920ern?
Müller: Solche Zahlen halte ich für wenig seriös und wenn überhaupt nur für wenige Wochen oder Monate denkbar.
procontra: Viele Experten vertrauen auf die Reaktionsschnelligkeit der Notenbanken. Kann man sich nicht darauf verlassen?
Müller: Nein. In der Vergangenheit ist es den Notenbanken nie gelungen, rechtzeitig zu handeln. Das ist auch schwierig. Springt die Konjunktur an, müsste das Geld sofort aus den Märkten gezogen und die Zinsen angehoben werden. Der Aufschwung wäre dahin. Das Inflations-Szenario ist unumgänglich ebenso wie es vorhersehbar war. Seit zwei Jahren läuft alles wie auf Schienen und wird letztlich in höherer Inflation oder im Extremfall einer Hyperinflation münden, wenn man nicht zuvor die Staatsverschuldungen auf dem Verhandlungsweg abbaut. Gegenteilige Aussagen halte ich schlichtweg für naiv.
procontra: Der Ursprung liegt in den USA. Liegt dort auch die Lösung?
Müller: Das weiß ich nicht. Es deutet im Moment vieles auf große Ereignisse rund um die US-Währung und die Staatsschulden hin. Inflation, Währungsreform mit neuem US-Dollar oder Neuverhandlung der Schuldenberge sind möglich. Am Ende wird es große Auswirkungen auf den Rest der Welt haben. Eine langfristige Lösung wird es nur mit einem großen Wurf geben, bei dem alle wichtigen Staaten der Welt mitwirken.
