Neue Zielgruppe
Der Anleihemarkt ist in Bewegung geraten. Top-Favoriten sind nun nicht mehr Staaten, sondern solide Unternehmen. Der Anleihemarkt ist längst nicht mehr nur etwas für die konservativen Anleger. Diese setzen weiterhin auf Staatsanleihen der bonitätsstärksten Länder, wie etwa Deutschland. Doch derzeit betreten immer mehr Renditejäger das Terrain.
Der Anleihemarkt ist längst nicht mehr nur etwas für die konservativen Anleger. Diese setzen weiterhin auf Staatsanleihen der bonitätsstärksten Länder, wie etwa Deutschland. Doch derzeit betreten immer mehr Renditejäger das Terrain. Würden Sie jetzt Junk Bonds von General Motors zu einem Zehntel des Preises wie vor der Finanzkrise kaufen, könnten Sie Ihren Einsatz verzehnfachen – vorausgesetzt General Motors geht nicht in die Insolvenz. Allerdings erscheint es als ausgemachte Sache, dass General Motors den Herbst nicht mehr erleben wird. Trotz enormer Renditeaussicht ist daher davon abzuraten. Gleiches gilt für einige Staaten. Aktuell können Anleger eine ukrainische Anleihe mit einer Restlaufzeit von etwas mehr als drei Jahren zu einem Kurs von 50 kaufen und darauf wetten, dass das Land nicht in die Staatsinsolvenz geht. Tut es das doch, steht der Anleger beim Internationalen Währungsfonds ganz hinten in der Schlange. Für dieses Risiko winken zum Laufzeitende immerhin 160 Prozent des Einsatzes, sollte die Ukraine nicht pleitegehen. Allerdings bewertet der Markt derzeit die Wahrscheinlichkeit einer solchen Staatsinsolvenz in den nächsten zehn Jahren anhand der Credit Default Swaps mit 100 Prozent – ebenso wie die von Pakistan, Argentinien und Venezuela.
Unternehmen unterbewertet. Wer ein Angsthase mit Spielerhändchen ist, kann einen Mittelweg suchen. „Fresenius beispielsweise hat in der Vergangenheit sehr viele Unternehmen dazugekauft, was der Konzern mit Anleihen finanziert hat“, erklärt Andreas Mittler vom Institutional Sales der Société Générale Asset Management. Dadurch, dass sie viele Schulden auf ihrer Bilanz haben, werden deren Anleihen dem High-Yield-Segment – Unternehmensanleihen mit einem Rating unterhalb BBB – zugeordnet. „Es ist aber ein gesundes Unternehmen“, betont Mittler. Anders also als General Motors, deren Anleihen ebenfalls als High Yield eingestuft werden. Hier gilt es, fundierte Kenntnisse über die Unternehmen zu haben. „Wichtig sind die Stärke der Bilanz und die Ertragskraft des emittierenden Unternehmens“, erklärt Mittler. Bei Unternehmensanleihen von VW oder anderen DAX-Unternehmen besteht mit dem Rating „Investmentgrade“ ein geringeres Ausfallrisiko. Die Risikoprämien geben Aufschluss darüber, wie solvent ein Unternehmen eingeschätzt wird. Diesbezüglich herrscht zurzeit eine besondere Situation: „Bei Unternehmensanleihen beobachten wir stark fallende Preise bedingt durch stark gestiegene Risikoprämien. In einigen Fällen liegen die Preise jedoch deutlich niedriger, als die Anleihen real wert sind“, sagt Mittler. Die Risikowahrnehmung erweist sich aufgrund der immer negativeren Erwartungen an die wirtschaftliche Entwicklung als extrem hoch. Im Umkehrschluss heißt das, dass Anleihen solventer Unternehmen gerade jetzt günstig sind. „Gut fundierte Unternehmen und Banken, die unter einem staatlichen Schutzschild stehen, scheinen derzeit attraktiv“, erklärt Michael Sonner, Portfoliomanager bei PIMCO, dem Rentenfondsspezialisten von AllianzGI.
Staatsanleihen bald im freien Fall? „Staatsanleihenfonds liegen im Performancebereich langfristig gesehen – im Beobachtungszeitraum von 1998 bis 2009 – deutlich vor Unternehmensanleihenfonds“, beobachtete das Team von Finance & Ethics Research. Aber wie gesagt: Die besseren Zukunftsaussichten haben derzeit Unternehmensanleihen. Das sah im letzten Jahr noch anders aus: Gerade sichere Staatsanleihen machten eine gute Performance. Der Run auf Sicherheit führte zu einer enormen Wertentwicklung. Daraufhin leidet nun die Rendite. Eine Bundesanleihe mit zehn Jahren Laufzeit rentiert nur noch bei etwa 3,2 Prozent, das US-Pendant liegt knapp unter 3 Prozent. „Viele Staaten erhöhen derzeit ihre Neuverschuldung. Man kann sich fragen, was das auf Seite der Staatsanleihen in einigen Jahren bewirken wird“, gibt Sonner zu bedenken. Zwar sind die Kurse noch weitgehend stabil, allerdings erhöhen Rezession und Geldpolitik den Druck. Eine daraus resultierende Inflation würde die Kurse für Staatsanleihen einbrechen lassen. „Im Moment ist die Gefahr beim Kauf von Staatsanleihen sehr groß, dass man eine sehr schlechte oder gar eine negative Performance macht“, erklärt das Team von Finance & Ethics Research. Wenn die Maßnahmen der Geld- und Fiskalpolitik ins Leere laufen, sind die Staaten stark verschuldet und die Bonität leidet. Auch das Worst- Case-Szenario ist möglich: die Insolvenz des Schuldners. In diesem Fall verlieren Anleihen an Wert, doch kann durch Verwertung von Sicherheiten und Liquidierung von Vermögensständen noch eine bestimmte Quote erlöst werden. Allerdings geht diese Quote bei Unternehmen teilweise gegen null. Anders bei Staaten: Argentinien etwa zahlte 2002 immerhin 30 Prozent zurück. Wirklich sichere Erträge gibt es im Moment wohl nur bei kurzlaufenden bonitätsstarken Staatsanleihen – wenig Rendite, aber nahezu kein Kurs- oder Ausfallrisiko. Konjunkturskeptiker schauen auf länger laufende Staatsanleihen. Verhaltene Optimisten setzen auf Unternehmensanleihen guter Bonität (ab einem Rating von BBB) oder Emerging- Market-Anleihen. Und die ganz heißen Spieler wüten im High-Yield-Segment.
