Ein Spiel mit dem Feuer

 

Die Staaten drehen die Geldhähne bis zum Anschlag auf und betreiben eine nie dagewesene Schuldenpolitik. Was kurzfristig Besserung verspricht, beschwört auf lange Sicht die nächste Krise herauf. Die Notenbanken und Regierungen versuchen sich noch immer als Feuerwehr der Weltwirtschaft. Jegliche Brennpunkte werden mit Milliarden und mittlerweile Billionen von Euro und Dollar geflutet, um den Flächenbrand einzudämmen.

Doch so beruhigend all diese Liquidität kurzfristig auch wirkt, so baut sie sich bereits jetzt am Horizont zu einer riesigen Inflationswelle auf. Ob die Geldentwertung noch zu verhindern ist, ein Brot bald wirklich wieder eine Million Euro kostet und wie Anleger ihr Geld in Sicherheit bringen sollten, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Schon lange wurde nicht mehr so heiß und zugleich so kontrovers diskutiert wie über den zukünftigen Wert des Geldes. Inflation? Seit etwa zehn Monaten, mit Beginn der vorläufigen Krisenspitze, beobachten die Finanzökonomen hierzulande deflationäre Tendenzen. Also genau das Gegenteil einer Geldentwertung. Die Teuerungsrate lag zur Mitte vergangenen Jahres bei 3,4 Prozent und sank seither bis auf 0,7 Prozent im April dieses Jahres. Der Nullpunkt ist in Sicht. Die anhaltende Rezession drückt die Preise und die Gefahr besteht nun, dass wirtschaftlicher Abschwung und Deflation sich gegenseitig verstärken. Die jüngsten Wachstumsprognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF), die für 2009 von einem Rückgang der deutschen Wirtschaftskraft von 5,6 Prozent (siehe Grafik S. 40) ausgehen, untermauern diese Abwärtsspirale. Die Erwartungen anderer Forschungsinstitute und auch der Bundesregierung selbst (minus 6 Prozent) fallen noch düsterer aus. Schenkt man ihnen Glauben, geht die Konsumnachfrage weiter zurück, da Verbraucher weiterhin die tendenziellen Preissenkungen abwarten. Die Unternehmen unterbieten sich also gegenseitig, um ihre Produkte loszuwerden bzw. stellen die Produktion ganz ein. Ein Teufelskreis mit dem Ergebnis, dass immer weniger Firmen in der Lage wären kostendeckend zu arbeiten. Zudem erhöht sich ihre reale Schuldenlast mit der Deflation automatisch. Der Personalabbau wäre die erste Stellschraube, an der gedreht würde. Weitere Folge: eine steigende Arbeitslosigkeit, die die Binnennachfrage wiederum bremst. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger sieht genau dieses Szenario voraus und prognostiziert eine anhaltende Stagnation bis 2013. Für zahlreiche Unternehmen würde diese Abwärtsspirale letztlich in der eigenen Pleite enden. Ein volkswirtschaftlicher Super-GAU, der die Konjunkturkurve auf lange Zeit ins Depressionstal schicken würde. Dass diese Katastrophe verhindert werden muss, ist unumstritten. Nur leider lösen die damit verbundenen Maßnahmen gleichzeitig eine neue Krise aus: eine Hyperinflation.

Spiel mit dem Feuer 1/3Der Cash-Bumerang. So schlussfolgern zumindest die Verfechter des Inflationsszenarios. Für sie steht außer Frage, dass jene Kettenreaktion bereits irreparabel ausgelöst wurde. Die Finanzspritze der USA hat dem Markt bereits Liquidität im zweistelligen Billionenbereich injiziert. Das Zinsniveau der US-Notenbank (Fed) liegt seit Dezember unverändert nahe dem Nullpunkt. Laut Angaben der Deutschen Bank wird sich so die Verschuldungsrate der USA in den nächsten zehn Jahren auf 137 Prozent des BIPs erhöhen. Die gleiche Tendenz im Euro- Raum (158 Prozent). Die EZB und auch die Bank of England verbilligen weiter das Geld (siehe Grafik). Noch sind die abgerufenen Geldmassen relativ festgefroren. Die Banken nutzen die Staatshilfen nicht um Kredite herauszugeben, sondern immer noch um selbst liquide zu bleiben. Das Misstrauen untereinander ist einfach noch zu groß. Der wirtschaftliche Nutzen bleibt daher gering. Doch sollte sich die Wirtschaft – was von Bofingers Widersachern erwartet wird – schon kommendes Jahr erholen, wird sich auch die Kreditklemme lösen. Dann sind die Notenbanken gefragt, Geldmenge und Zinsniveau im richtigen Maße und zum richtigen Zeitpunkt der Konjunktur wieder anzupassen. Eine schwierige Aufgabe. Geschieht dies zu früh oder zu schnell, erstickt der Aufschwung sofort wieder im Keim und alles beginnt von vorn. Handeln die Notenbanken zu spät, suchen sich die gewaltigen Geldmassen ihren Weg in die Märkte. Die anspringende Nachfrage hätte dann Unmengen an Liquidität zur Verfügung und würde auf ein immer noch begrenztes Angebot treffen. Das Ergebnis: Die Preise – besonders für Rohstoffe, Metalle und Agrarprodukte – explodieren. Es kommt zur (Hyper-)Inflation. Auch Professor Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), der ab 2010 mit einer Inflationsrate von 10 Prozent rechnet, sieht die Notenbanken in der Zwickmühle: „Das wäre nur zu verhindern, wenn es den Notenbanken gelänge, das Geld rechtzeitig wieder zu verknappen und die Zinsen rechtzeitig wieder anzuheben.“ Da der Aufschwung oberste Priorität hat, ist dieses Gelingen eher unwahrscheinlich.

Spiel mit dem Feuer 2/3Preiswert entschuldet. Mitunter wird eine zukünftige Geldentwertung billigend in Kauf genommen. Denn mit ihr reduziert Stesich auch die reale Schuldenlast, die die Staaten derzeit aufbauen. Die Staatsdefizite waren bereits vor der Krise, aufgrund ihres rasanten Anwachsens allein durch den Zinseszinseffekt, nicht mehr zurückzuzahlen. Liegt die Inflationsrate nun über dem zu zahlenden Zins, wächst der Schuldenberg langsamer, als ihn die Inflation entwertet. Die Experten sprechen dann von einem Abschmelzen der Schuldenlast. Und je höher die Differenz zwischen Inflation und Zins, desto schneller schmilzt der Berg. Dirk Müller, Börsenmakler bei der MWB Wertpapierhandelsbank, sieht diese Absicht besonders in den USA: „Die amerikanischen Banken und Unternehmen werden von ihrer Regierung auf gesunde Beine gestellt. Dafür überschulden sich die USA vollends. Und am Ende könnten sie die Schulden auf Kosten der restlichen Welt neu verhandeln oder Gläubigerschutz androhen.“ Für den Experten, der ab 2010 eine reale Teuerungsrate von weit über 10 Prozent für möglich hält, könnte die geplante Entschuldung in einer Währungsreform des US-Dollars enden (siehe Interview). Zudem hält Dr. Stefan Kooths vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) das anhaltende Aufkaufen der US-Staatsanleihen durch die Fed für grenzwertig. Eine bewusste Inflationierung der Staatsschulden vermutet er dahinter jedoch nicht. „Das wäre der endgültige Todesstoß für den US-Dollar.“ Mit Blick auf Europa vertraut Kooths darauf, dass die Liquiditätsbereitstellung der EZB insgesamt deutlich weniger expansiv ausfallen und dem Inflationsziel im Zweifel eindeutige Priorität vor konjunktursteuernden Zwecken einräumen wird. Über diese Timingfrage wird weiter diskutiert. Und auch wenn die EZB, anders als die Fed, offiziell keine Aufgaben der wirtschaftlichen Förderung wahrnimmt, sondern nur die Währungsstabilität verfolgt: Die ergriffenen Maßnahmen – mit Ausnahme der Aufkäufe von Staatsanleihen – ähneln bislang denen in Übersee. Bewusst oder unbewusst: Mit dem Abschmelzen der Schuldenlast brächte die Inflation auch einen positiven Effekt für die europäischen Staatsschulden mit sich.

Spiel mit dem Feuer 3/3Energiepreise treiben. Neben der expansiven Geld- und Fiskalpolitik wirken zudem die steigenden Energiepreise inflationstreibend. Dieses Zusammenspiel wurde im vergangenen Juni wieder deutlich, als das Rekordhoch für das Öl-Barrel (146 US-Dollar) zeitgleich für eine ungewohnt hohe Inflationsrate in Deutschland sorgte. Zum Jahresende rauschte der Ölpreis dann um 60 Prozent nach unten. Im Gleichschritt ging die Teuerungsrate deutlich zurück. Heute kostet das Fass rund 60 US-Dollar. Bis zum Rekordhoch sind es also rund 140 Prozent. Ein Potenzial, das mit dem wirtschaftlichen Aufschwung erfahrungsgemäß als erstes abgerufen wird, da Öl und andere Energierohstoffe hohe Nachfrage erfahren. Die Produktion und der Transport von Waren werden dadurch wieder teurer. Diese Mehrbelastung sieht der Verbraucher zeitnah auf den Preisschildern: Inflation! Die Geldmassen, das niedrige Zinsniveau und der noch moderate Ölpreis sind Brandbeschleuniger für ein Inflationsfeuer. Und sie haben sich bereits zu einer explosiven Mischung zusammengetan. Fängt die Wirtschaft, wie gewollt, wieder Feuer, ist es Aufgabe der Zentralbanken und der Regierungen ein Übergreifen zu verhindern. Doch mit einer möglichen Staatsentschuldung im Hinterkopf ist die Versuchung groß rechtzeitige Löschmaßnahmen zu unterlassen.

Interview

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