„Nepper, Schlepper, Bauernfänger“
procontra: Wie ist es zu erklären, dass erfahrene Fondsmanager und Anleger auf Madoff hereingefallen sind? War es der berüchtigte Herdentrieb oder die Gier?
Roland Baum: Wohl eine Mischung aus beidem, wobei sich die erfahrenen Fondsmanager fragen lassen müssen, ob sie bei der Überprüfung der Anlagestrategien von Madoff und dessen Unternehmen wirklich die notwendige Sorgfalt haben walten lassen, ehe sie Millionen Anlegergelder in dessen Produkte steckten. Die Ereignisse lassen auch befürchten, dass Risikomanagementsysteme entweder nicht eingesetzt wurden oder kläglich versagten. Interessant ist auch die Frage, ob Herr Madoff Fondsmanagern unüblich hohe Zuwendungen gewährt hat.
procontra: Viele kritisieren nun die lasche Finanzaufsicht in Luxemburg. Wäre der Skandal bei in Deutschland residierenden Fonds nicht passiert?
Baum: Die EU-Kommission spricht von einer möglichen „Verwässerung“ von Anlegerschutzgrundsätzen in Luxemburg und Irland. Es ist aber nicht völlig auszuschließen, dass auch eine deutsche Depotbank Fondsvermögen einem Madoff-Unternehmen zur Verwahrung anvertraut hätte. Das kann die strengste Aufsicht nicht verhindern. Allerdings wäre in diesem Fall jetzt klar, dass nach deutschem Recht diese Depotbank in vollem Umfang haften müsste und den Anlegern deshalb kein Schaden entstehen könnte.
procontra: Werden die Fondsstandorte Luxemburg und Irland künftig an Beliebtheit bei den deutschen Fondsgesellschaften verlieren?
Baum: In der Vergangenheit sind deutsche Fondsgesellschaften aus steuerlichen Gründen und insbesondere wegen der flexiblen Aufsichtspolitik nach Luxemburg und Irland gegangen, da die Genehmigungspraxis der BaFin als zu restriktiv und zu langsam in ihren Abläufen empfunden wurde. Im Rahmen der Liberalisierung des deutschen Investmentgesetzes und der einhergehenden Aufsichtspraxis sowie anderer Finanzplatzförderungsmaßnahmen hat Deutschland bereits erheblich an Attraktivität gewonnen.
procontra: Viele haben sich nun auf die Depotbanken eingeschossen. Hätten nicht auch die Wirtschaftsprüfer bei der Überprüfung der angegebenen Handelsgeschäfte die Ungereimtheiten feststellen müssen?
Baum: Der Gedanke, die Wirtschaftsprüfer hätten Ungereimtheiten bei der Prüfung der Jahresberichte aufdecken müssen, liegt in der Tat nahe, wenn ganze Fondsvermögen spurlos verschwinden. Dies ist auch der Grund, warum bereits Haftungsklagen gegen Wirtschaftsprüfer bei Gerichten eingereicht wurden.
procontra: Für Berater und Vermittler war die Konstruktion des Sondervermögens bei Fonds gegenüber Zertifikaten immer ein gutes Vertriebsargument. Ist das nun passé?
Baum: Definitiv nicht. Das sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Zertifikaten haftet das Emittentenrisiko an, das bei Sondervermögen nicht besteht. Der Fall Madoff führt dagegen zu den Fragen, wie professionell es war, Herrn Madoff Anlegergelder zu geben, und in welchem Umfang eine Depotbank haftet, die sich vorwerfen lassen muss, das von ihr verwahrte Vermögen sei verschwunden.
procontra: Was muss passieren, damit sich solche oder ähnliche Skandale in Zukunft nicht mehr wiederholen?
Baum: Die strengsten Gesetze können nicht verhindern, dass es immer wieder Nepper, Schlepper und Bauernfänger geben wird, auf die leichtgläubige Anleger hereinfallen. Hier sind zunächst die Anleger in der Pflicht, verlockenden Angeboten mit einer gesunden Skepsis zu begegnen. Vermögensverwalter sind in der Pflicht, ihre Leistungen zu verbessern. Es ist zudem ein überfälliger Schritt der EU-Kommission, die Verantwortung der Depotbanken europäischer Investmentfonds (OGAWs) zu klären und, wenn nötig, Länder wie Luxemburg und Irland zu einer Verschärfung ihrer Gesetze aufzufordern.
