Und dann kam Madoff
Viele Jahre lang galten Investmentfonds als insolvenzsicher. Ein gutes Vertriebsargument nicht nur gegenüber Zertifikaten. Nun wankt ein System. Der Markt für Investmentfonds in Europa muss „harmonisiert“ werden, so zumindest der Ansatz der Europäischen Union im Jahre 1985. Zur Erleichterung des europaweiten Publikumsfondsvertriebs hob die EU die sogenannte OGAW-Richtlinie (Organismus für gemeinsame Anlagen in Wertpapieren) aus der Taufe.
Die im Englischen unter UCITS (Undertakings for Collective Investments in Transferable Securities) firmierende Richtlinie sah unter anderem vor, dass es eine Aufgaben- und Kontrollteilung gibt. Die Fondsgesellschaft oder ein von ihr eingesetzter Berater fungiert als Fondsmanager und trifft die Anlageentscheidungen. Sie muss sich dabei natürlich an die im Prospekt nachzulesenden Vertragsbedingungen halten. Die Depotbank soll das Geld der Anleger verwahren und die Anlageentscheidungen des Fondsmanagements kontrollieren und mit den Vorgaben aus dem Vertragsprospekt abgleichen. Ziemlich leicht auszumalen, wie hoch die Gefahr des Missbrauchs ist, wenn diejenige Person oder Personengruppe, die das Geld der Anleger sinnvoll anlegen soll, auch noch uneingeschränkt Zugriff darauf hat. Die Wirtschaftsprüfer kommen einmal jährlich ins Spiel. Sie sichten die Vermögensaufstellung des Fonds und überprüfen stichprobenartig die Wertpapierorders mit den Angaben im Jahresbericht. Das Vermögen in den Fonds wird als Sondervermögen deklariert, so dass selbst im Falle einer Insolvenz der Fondsgesellschaft das Geld der Anleger nicht verloren ist. Diese OGAW-Richtlinie ermöglicht einen „Europa-Pass“ für Investmentfonds. Mit diesem Pass können Fonds in allen EWR-Staaten (EU plus Norwegen, Liechtenstein und Island), sofern eine Zulassung im Herkunftsland vorliegt, vertrieben werden. Die Vertriebszulassung außerhalb des Herkunftslands erfolgte in der Vergangenheit unkompliziert Die ausländische Aufsicht hat zugelassen und die deutsche Aufsicht beispielsweise prüft dann nur, ob Berichte und Prospekte vorliegen, und winkt durch für den Vertrieb in Deutschland. Besonders beliebte Fondsstandorte sind Luxemburg und Irland. „Von den in Deutschland vertriebsberechtigten Investmentfonds nach OGAW-Richtlinie sind etwa 72 Prozent in Luxemburg und 14 Prozent in Irland domiziliert“, erklärt Anja Engelland, Pressereferentin für den Wertpapierbereich bei der BaFin.
Wirt sitzt in Österreich. So weit die Theorie der OGAW-Richtlinie, die mittlerweile mehrmals angepasst wurde und nun durch den Fall Madoff neu überdacht wird. Der anerkannte Ex-NASDAQ-Chef Bernard Madoff veruntreute mit seinen Fonds die unvorstellbar große Summe von 50 Milliarden Euro in einem sogenannten Schneeballsystem. Mit den neu eingesammelten Geldern der Anleger werden dabei die Renditen der „alten“ Anleger ausgezahlt. Deutsche Anleger lehnten sich anfangs noch zurück, schließlich schienen zunächst nur US-amerikanische Anleger, darunter viele Prominente, ihr Geld verloren zu haben. Außerdem liegen deutsche Gelder in einem Sondervermögen, so dass erlaubte Zugriffe nicht möglich sind. Denkste! Auch deutsche Anleger sind betroffen, und zwar die, die direkt in Fonds mit Madoff- Kontakt wie „Thema US Equity Fund“ und „Herald Lux US Absolute Return“ investiert haben, und außerdem alle Anleger von Dachfonds, bei denen der eine oder andere Unterfonds bei Madoff angelegt hat. Für mindestens 16 Dachfonds mit deutscher Vertriebszulassung trifft das zu, darunter solche wie UBS-Sauerborn- oder viele Bernd-Greisinger-Fonds. Der Thema- Fonds ist in Irland beheimatet, der Herald- Fonds in Luxemburg. Die Verwunderung war groß, als im Januar herauskam, dass das eigentlich als Sondervermögen verwaltete Geld nun verschwunden ist. Eine Schlüsselrolle im Madoff-Skandal spielt die österreichische Bank Medici. „Die Asset- Management-Abteilung der Bank hat die Anlageentscheidungen für die Fonds getroffen“, erklärt eine Sprecherin der Bank gegenüber procontra. Wenn man Madoff mit einem Virus vergleicht, dann fungiert die Bank Medici als Wirt. „Was bei den Fonds genau passiert ist, wissen wahrscheinlich noch nicht einmal die US-Ermittler selbst“, räumt eine Sprecherin ein. Die heute 60- jährige Medici-Gründerin Sonja Kohn war in den 80er-Jahren eine von wenigen Fondsmanagerinnen an der Wall Street und lernte damals auch Bernard Madoff kennen. Beide verbindet eine gemeinsame Vergangenheit, beide stammen aus einfachen Verhältnissen, beide waren dem jüdischen Glauben sehr verbunden und beide feierten große Erfolge im Finanzbusiness. Offiziell gab es keine Verbindung zwischen Madoff und Medici. Doch es drängt sich der Verdacht auf, dass Medici die für ihre Fonds eingesammelten Gelder einfach an Madoff weiterleitete. „,Einsammeln‘ ist der falsche Begriff. Herr Madoff hat damals von der Finanzwelt hochgepriesene Leistungen für die Fonds erbracht“, erklärt die Sprecherin. Und weiter: „Genauso wie die Kontrollinstanzen wie Finanzmarktregulatoren, Wirtschaftsprüfer etc. wurden auch wir durch die kriminelle Energie von Herrn Madoff getäuscht. Somit ist die Bank Medici direktes wie indirektes Opfer seiner betrügerischen Aktivitäten geworden.“
Schuldiger Nummer eins: die Finanzaufsichten. Bei der Suche nach dem Schuldigen sind viele Marktteilnehmer schnell fündig geworden und haben zumindest eine Mitschuld bei den Finanzaufsichten ausgemacht. Es gilt in der Branche als offenes Geheimnis, dass die Finanzaufsichten in Luxemburg und Irland lascher, flexibler und fondsfreundlicher prüfen als anderswo in Europa. Die Fondsgesellschaften werden dort mehr als Kunden wahrgenommen. Neben der Flexibilität und Kundenorientierung führen die KAGs noch weitere Gründe für ihre Liebe zum Großherzogtum an: Luxemburg ist mehrsprachig, so dass die entsprechenden, notwendigen Dokumente gleich in den relevanten Sprachen kommen. Außerdem seien die Mitarbeiter kompetent. Inoffiziell scheint jedoch offensichtlich, dass die Fondsgesellschaften viele ihrer Produkte bei einer als strenger geltenden deutschen Aufsicht nicht durchbekommen hätten, zumindest nicht so schnell. Bei der OGAW-Richtlinie ist es wie bei anderen EU-Richtlinien auch, die Umsetzung wird den Mitgliedsstaaten überlassen.
Schuldiger Nummer zwei: die Depotbanken. Die Luxemburger Tochter der HSBC agierte als verantwortliche Depotbank für den Herald-Fonds. Eine irische Tochter der HSBC übernahm die gleiche Funktion für den Thema-Fonds. Denn laut EU-Recht müssen Fondsmanagement und Depotbank in dem Land ansässig sein, in dem der Fonds domiziliert. Diesem Umstand tragen die KAGs Rechnung, indem sie für Luxemburger Fonds Luxemburger Verwaltungsgesellschaften gründen, die offiziell das Fondsmanagement stellen, was aber nicht heißt, dass die Anlageentscheidungen auch in Luxemburg getroffen werden. Die Fondsgesellschaften können das Fondsmanagement an externe Unternehmen auslagern. Dies ergibt insbesondere dann Sinn, wenn das Know-how für das Management eines bestimmten Fonds im eigenen Unternehmen nicht vorhanden ist. Auch die Depotbanken können ihre Aufgaben abgeben. So geschehen im Madoff-Fall, denn die zuständige HSBC hat anscheinend die US-Broker-Firma Madoffs als Unterverwahrer beauftragt. Doch selbst wenn die Depotbanktätigkeit ausgelagert wird, befreit dies die „Hauptdepotbank“, in diesem Falle HSBC, nicht von der Haftung. Die Luxemburger Finanzaufsicht CSSF erklärt gegenüber procontra: „Selbst wenn das Fondsvermögen von einer Depotbank an Dritte ausgelagert wird, entbindet dies die Depotbank nicht von der Verantwortung, jederzeit darüber informiert zu sein, wie die Fondsgelder angelegt werden und wer Zugriff darauf hat.“ Auch die EU hat diese Position unmissverständlich klargemacht und kündigte an, die konkrete Umsetzung der Richtlinie bei den Mitgliedsstaaten überprüfen zu wollen. Die Luxemburger beteuern jedoch „die EU-Vorgaben konsequent umgesetzt“ zu haben und sehen keine Notwendigkeit einer neuen Direktive, würden sich aber nicht dagegen stellen, wenn es dazu käme. Viele große deutsche Maklerpools wie BCA, Carat, Fondskonzept, Jung, DMS & Cie., Netfonds und Top Ten fordern nun Entschädigung von der HSBC. Die britische Bank jedoch sieht die Sache naturgemäß anders. Aus unternehmensinternen Kreisen der Londoner Zentrale heißt es, dass die Aufgaben und auch die Verantwortlichkeiten von Depotbanken sowohl von Land zu Land als auch von Kunde zu Kunde sehr unterschiedlich seien. Die HSBC scheint also den Ball wieder ins Feld der Finanzaufsichten schießen zu wollen und steht damit nicht alleine. Denn auch die französische Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde hat in einem offenen Brief zumindest indirekt die lasche Aufsicht einiger EU-Staaten in Bezug auf die Depotbanken kritisiert. Dies brachte die Überprüfung der Richtlinie von Seiten der EU überhaupt erst ins Rollen. Ein Ergebnis gibt es jetzt schon. Denn neben dem Europa-Pass für die Fonds sollten auch welche für Depotbank und Fondsmanagement eingeführt werden. So hätte beispielsweise eine Kapitalanlagegesellschaft ihren Fonds in Luxemburg zulassen, in Frankfurt managen und in Frankreich das Fondsvermögen verwahren lassen können. Doch im Zuge des Madoff-Skandals hat der Pass, zumindest für die Depotbanken, auf EU-Ebene wenig Chancen auf Einführung.
Schuldiger Nummer drei: die Wirtschaftsprüfer. Vermutlich stützte sich Madoff auf einige Wirtschaftsprüfer, die gefälschte Belege über seine Handelsgeschäfte an die Depotbanken geschickt haben. Die Prüfer der Herald- und Thema-Fonds, nämlich PricewaterhouseCoopers und Ernst & Young, hätten jedoch bei der Kontrolle der Orders die in den gefälschten Belegen angegebenen Handelspartner von Madoff überprüfen sollen und müssen. Dann wäre wohl ganz schnell aufgeflogen, dass Madoff mit offiziell angegebenen Handelspartnern überhaupt keine Geschäfte gemacht hat. Die Vermutungen laufen auch dahin, dass Madoff nie Wertpapiere gekauft oder verkauft habe. Leider verhalten sich die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften derzeit gemäß der „Vogel-Strauß-Taktik“. Ihr Informationsverhalten nährt Spekulationen darüber, dass die Unternehmen nicht sauber gearbeitet haben. Erste entsprechende Haftungsklagen sind bei den Gerichten anhängig (siehe Interview).
Die Moral von der Geschicht. Nicht nur erfahrene Anleger, sondern auch erfahrene Fondsmanager sind auf Madoffs Tricks hereingefallen. Vor kriminellen Machenschaften scheint niemand gefeit. Doch viele Dachfondsmanager legten auch nicht bei Madoff an, weil ihnen unter anderem die konstante Performance über Jahre verdächtig erschien. Ebenso suchten auch viele vermögende Anleger den direkten Kontakt zu Madoff. Als dieser jedoch auf diese Kontaktversuche nicht reagierte, ließen sie die Finger von seinen Fonds. Das Vertriebsargument des insolvenzsicheren Fonds ist auch nach dem Madoff-Skandal nicht aus der Welt. Doch am besten fahren Berater und Vermittler immer noch dann, wenn sie Produkte verkaufen, bei denen der Fondsmanager nachweislich zeigen kann, mit wem er Geschäfte macht und mit wem nicht und in welcher Verbindung er zum Geschäftspartner steht. Wie so oft zahlt auch diesmal der Anleger die Zeche, denn wie das Ergebnis der Haftungsklagen gegen Depotbanken und Wirtschaftsprüfer aussehen wird, ist ungewiss. Sicherlich werden als Folge des Skandals die Vorgaben verschärft und sowohl Depotbanken als auch Wirtschaftsprüfungsgesellschaften künftig stärker an die Kandare genommen werden. Die ließen sich in der Vergangenheit ihre Dienste gut bezahlen – vom Geld der Anleger. Bei den Depotbanken liegt die jährliche Vergütung bei 0,1 Prozent des Fondsvolumens, die Wirtschaftsprüfer kassieren 0,05 Prozent. Viel Geld fürs Häkchen- Setzen und Nicht-Aufpassen.
Lesen Sie dazu auch das Interview mit Herrn Baum von Baum Financial Services
