Patient zweiter Klasse

 

Kranke Kassen und arme Patienten. „Wechsle, wenn du kannst“, lautet die Devise. Nicht alle können, nicht alle wollen. Dabei sprechen gute Argumente dafür. Es gibt nicht viel, worum uns andere Industrienationen beneiden. Die Autobahn ohne Tempolimit findet bei Amerikanern Anerkennung. Mancher Engländer bewundert, dass wir in jedem Fußballturnier seit 1966 erfolgreicher waren. Insbesondere im Elfmeterschießen.

Doch fast alle beneiden uns um unser deutsches Gesundheitswesen. Es könnte die längste Zeit gewesen sein, dass wir stolz auf unsere gesundheitliche Versorgung in Deutschland sein konnten. Denn die neuen Anpassungen der Gesundheitsreform wirbeln das System ordentlich durcheinander. Wechsle, wenn du kannst, sagen die privaten Versicherer. Politik und gesetzliche Kassen freuen sich dagegen über Einheitssatz und Gesundheitsfonds. Dabei ist jetzt schon abzusehen, dass einigen Kassen der neue Beitrag von 15,5 Prozent 2009 nicht ausreichen wird. Die Folge dürfte eine medizinische Minderversorgung sein, zum Nachteil des Versicherten, des erkrankten Patienten.

Patient zweiter Klasse 1/2Kranker Alltag. Die Tage und Nächte sind unerträglich lang für Herrn Stolberg. Er liegt mit mehreren Schläuchen verbunden auf einem Bett der Intensivstation. Der 81-jährige Patient der Maximalversorgung schwebt permanent in Lebensgefahr. Alle 20 Minuten klingelt ein akustisches Warnzeichen irgendeines leeren Perfusors. Oder die O2-Sättigung, die wieder unter 80 Prozent abgesackt ist, schlägt Alarm. Vielleicht hat sich auch nur ein Konnektor irgendwo gelöst. Eine von vier Intensivschwestern kommt herein und tut, was sie kann. Viel Zeit hat sie nicht, denn während vor ein paar Jahren noch eine Intensivbetreuung pro Patient eingeplant war, versorgen heutzutage nur noch halb so viele Pfleger die Intensivpatienten. Wenn dann, was sehr oft in dem anstrengenden Beruf passiert, eine Pflegekraft selbst erkrankt, kümmern sich drei Intensivkräfte um acht bis zehn Schwerkranke. Eine Folge von Einsparmaßnahmen – und es soll noch schlimmer kommen. Allein durch die demografische Entwicklung wird sich die Situation der medizinischen Versorgung zuspitzen. Kinder kriegen die Leute immer, war sich Konrad Adenauer seinerzeit sicher. Heutzutage müsste er sein dummes Geschwätz von gestern revidieren. 1950 waren 31 Prozent der Bundesdeutschen jünger als 20 Jahre. 50 Jahre später waren es nur noch circa 20 Prozent. Die Bevölkerung wird in den kommenden Jahrzehnten beschleunigt altern. Als erstes Land hat Deutschland seit 1972 mehr Sterbefälle als Geburten. Es ist unter allen Staaten der Welt vorne bei der Bevölkerungsschrumpfung und der intensivsten demografischen Alterung. Der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält dagegen, Gutachten wiesen nach, dass die Auswirkungen des demografischen Wandels durch das bestehende System aufgefangen werden könnten. Er sieht keinen Handlungsbedarf. Das sehen allerdings einige Experten anders. Das Institut für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie untersucht schon seit längerem die Zusammenhänge zwischen Defiziten in der Prophylaxe, medizinischen Leistungen und ökonomischen Fehlanreizen. „Es besteht die Gefahr, dass das deutsche Gesundheitswesen nur noch für diejenigen die beste Versorgung bereithält, die sich diese finanziell leisten können“, befürchtet Dr. Markus Lüngen, Leiter des Instituts. Eine Zwei-Klassen-Medizin wäre die Folge. In England und den USA kann man sehen, wohin die dann führt.

Armer Patient. Die Neugestaltung der Gesundheitsreform (siehe Infokasten) krempelt das Gesundheitswesen ordentlich um. Seit dem 1. Januar 2009 verlieren alle Selbstständigen und Freiberufler ihren Anspruch auf Krankengeld in der gesetzlichen Krankenversicherung. Da der Lohn nicht wie bei Angestellten von Arbeitgeberseite im Krankheitsfall fortgezahlt wird, kann das schnell existentiell bedrohlich werden. So müssen Selbstständige selbst Vorsorge treffen. Der Leiter des Marktmanagement der Allianz Privaten Krankenversicherung Marc Fleischhauer hält eine Einkommensabsicherung im Krankheitsfall für überaus wichtig: „Selbstständige und Freiberufler sind von Beginn einer Arbeitsunfähigkeit an finanziell auf sich allein gestellt und müssen Verdienstausfälle selbst tragen.“ Seiner Meinung nach sollte sich jeder Freiberufler und Selbstständige in der GKV aufgrund der geänderten gesetzlichen Situation deshalb um eine entsprechende Versicherung kümmern. Zwar sind die gesetzlichen Kassen seit dem 1. Januar 2009 gezwungen, die Absicherung mit Krankengeld durch einen Wahltarif anzubieten. Aber damit binden sich die Versicherten drei Jahre lang an die jeweilige Kasse. „Der Vergleich mit einem privaten Anbieter lohnt sich“, rät Marc Fleischhauer. „Hier bleiben die Versicherten flexibel.“ Denn Höhe und Zeitpunkt des Krankentagegelds könne frei vereinbart werden. Tritt der Krankheitsfall ein, zahlt die Versicherung das Krankentagegeld ohne zeitliche Begrenzung – maximal bis eine Berufsunfähigkeit festgestellt wird.

Patient zweiter Klasse 2/2Sekt oder Selters. Alles wird teurer. Auch die neuen Tarife der privaten Krankenversicherung. Schuld daran sind unter anderem Altersrückstellungen, die bei einem Wechsel in eine private Versicherung mit übertragen werden können. Ferner wurden die Privaten Krankenversicherer angehalten einen Basistarif ohne Gesundheitsprüfung einzuführen, der nach Art, Höhe und Umfang dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen entspricht. Der daraus entstehende Risikofaktor wird zu Lasten der Beiträge aller gehen, ohne dass die Versicherten die umfassenden Vorteile einer PKV erhielten. In den Augen von maxpool-Geschäftsführer Carsten Möller handelt es sich beim Basistarif um eine Mogelpackung: „Dadurch werden nur alle Tarife teurer.“ So schwäche das GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz von 2007 das kapitalgedeckte, demografiefeste und generationengerechte Geschäftsmodell der privaten Krankenversicherung. Möller: „Es ist für mich nicht ganz nachvollziehbar, warum die Änderungen der Gesundheitsreform als Wettbewerbsstärkungsgesetz betitelt wurden. Scheint es doch so zu sein, dass sie nur dem Zwecke dienen die PKV zu vernichten.“ Trotzdem erscheint die private Krankenversicherung für viele noch deutlich attraktiver. Nur gestaltet sich ein Wechsel in die PKV für Nicht-Selbstständige schwierig. Arbeitnehmer können sich nur privat versichern, wenn ihr Einkommen die Jahresarbeitsentgeltgrenze aktuell überschreitet und die letzten drei Jahre überschritten hat. Die Jahresarbeitsentgeltgrenze 2007 betrug 47.700 Euro. Die Alternative, um nicht auf medizinische Leistung verzichten zu müssen, stellen Zusatzversicherungen dar. Diese sind vielleicht für den Makler nicht so lukrativ, bieten sich aber gerade jetzt als perfekte Türöffner an. Egal ob Zusatz- oder Vollversicherung. Carsten Möller bringt es für die Makler auf den Punkt: „Nutzen Sie die Chance. So viel Potenzial zu verkaufen, so viele Bedürfnisse des Kunden zu reden.“

Lesen Sie dazu auch das Interview mit Herrn Michael Sennert von der CSS Versicherung AG

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