Ölige Versuchung
2008 ist ein verrücktes Öljahr. Erst schoss der Preis auf das Rekordhoch von 146 US-Dollar je Barrel. Binnen zwei Monaten krachte der Kurs dann auf 88 US-Dollar. Kaum geerdet, drehte er wieder nach oben, um sich mit dem höchsten Tagesanstieg der Geschichte – über 25 US-Dollar – schon wieder im dreistelligen Bereich pendelt. Mit Öl konnte binnen weniger Monate ein Vermögen verdient, aber auch verloren werden.
Bei der Nennung der Länder, die von dieser Entwicklung – positiv wie negativ – stark betroffen waren, schweift der Blick zunächst in die Ferne. Der Nahe Osten, Russland und die USA zählen zu den größten Förderregionen. Hinzu kommen Teile Südamerikas sowie Afrikas. Aber auch ein Skandinavier blickt sehr genau auf den Barrelpreis: Norwegen. Jenes Land, das Touristen mit glasklaren Fjorden, sagenumwobenen Trollen und artenreichem Fischfang assoziieren. Investoren mit einer Affinität zum schwarzen Gold haben Norwegen schon lange auf dem Zettel. Zu Recht, denn der norwegische Leitindex OBX besteht zu einem Drittel aus Unternehmen, die direkt oder indirekt vom Ölgeschäft profitieren. So zum Beispiel StatoilHydro. Im Erdölfördergeschäft tätig, ist Statoil Norwegens größtes Unternehmen und ein gesetztes Top-Holding in sämtlichen Norwegen- und Skandinavienfonds. Der OBX profitierte zunächst von der Öl-Hausse, die die allgemeine Abwärtsbewegung der Märkte durch die Finanzkrise etwas abfangen konnte. Mit dem Ende der Hausse fiel dann auch der Index um mehr als ein Drittel. Das ist die Kehrseite der starken Öl-Gewichtung.
Norwegens Know-how gefragt. Kurzfristig existieren zur Ölpreisentwicklung verschiedene Meinungen. Doch auf lange Sicht wird der Preis – aufgrund der einfachen Angebot-und-Nachfrage-Rechnung – weiter steigen. Der jährliche Bedarf wächst aktuell um bis zu 2 Prozent. Gleichzeitig wird die Exploration neuer Ölfelder immer seltener. „Die Entdeckung neuer Öllager ist dringend notwendig, um der steigenden Nachfrage zu begegnen. Und an Land, also Onshore, wird das in Zukunft immer schwieriger“, meint Robert Lingaas, der den Nordea 1 Norwegian Equity Fund betreut. „Seit 1975 sind, bezogen auf das geförderte Volumen, keine nennenswerten Onshore-Ölquellen mehr gefunden worden“, ergänzt Lingaas. Die Zukunft des Öls liegt daher im Meer. Genauer, mehrere Hundert Meter unter dem Meeresspiegel. Die Öl-Gesellschaft Petrobras musste kürzlich bei einer Tiefseebohrung im Santos-Becken vor der Küste Rio de Janeiros am Meeresboden eine 200 Meter dicke Salzschicht bewältigen. Für die Offshore-Ölförderung bildet Salz eine große Herausforderung, da sich die Mineralschichten bewegen und Druck auf die Bohrkanäle ausüben. Und da kommen norwegische Unternehmen ins Spiel. „Für solche Tiefsee-Projekte ist neben der Expertise auch die entsprechende Maschinerie gefragt. Und dieses Know-how liefern überwiegend im OBX gelistete Unternehmen“, so Lingaas. Die Profitkette ist klar: Um der weltweiten Nachfrage nachzukommen, müssen zunehmend auch Ölvorkommen im Offshore-Bereich gefördert werden. Das füllt die Auftragsbücher norwegischer Ölfirmen und stärkt die Performance norwegischer und nordeuropäischer Investmentfonds. Leider ist diese Kette aber auch kurz. Denn Experten prognostizieren, dass das Produktionsmaximum von Tiefseeöl in weniger als zehn Jahren erreicht sein könnte. Doch bis dahin lohnt sich das Geschäft. „Solange der Ölpreis über 75 US-Dollar notiert, ist die Tiefseeförderung weiter wirtschaftlich“, schätzt Lingaas. Ein langfristiger Anlegeratem sollte an dieser Barriere nicht scheitern. Zumal ein Norwegen-Engagement nicht nur mit dem Ölpreis steht und fällt. Unternehmen aus der Telekommunikation- und Konsumgüterbranche zählen ebenfalls zu den Top-Holdings der Investmentfonds.
