„Ein hervorragender Zeitpunkt“
American Dream, Victory-Zeichen, Think positive: Der Fondsmanager des weltweit ältesten US-Aktienfonds ist all das, was man von einem waschechten Amerikaner erwartet. Und im Gespräch mit ihm scheint es, als könne es momentan nichts Besseres als die Krise geben.
procontra: Herr Carey, keine schöne Zeit, die wir uns für unser Gespräch ausgesucht haben …
John Carey: Wenn ich die Nachrichten lese und alle wehklagen „wie schrecklich“, denke ich mir: Was für eine Chance. Großartig! Das ist die Zeit, in der ich Aktien kaufen will!
procontra: Wir sind mitten in der größten Krise seit der Weltwirtschaftskrise und Sie raten, jetzt zu kaufen?
Carey: Absolut! Ich bedaure es vom Standpunkt eines Fondmanagers, dass ich nicht mehr Geld investieren kann. Ich glaube, es ist ein hervorragender Zeitpunkt, wenn man einen langen Atem hat. Für kurzfristige Investments ist der Markt noch zu wackelig.
procontra: Wie konnte es zu diesem Zusammenbruch kommen? Eine Überraschung?
Carey: Wir hatten bis 2007 Rekordgewinne, wie wir sie 50 Jahre lang nicht gesehen hatten. Aber im Nachhinein betrachtet waren viele dieser Gewinne künstlich erzeugt. Wenn die Leute auf die nächste Erholung warten, sollten sie erst einmal ihre Erwartungen runterschrauben. Solche Gewinne, wie wir sie zwischen 2003 und 2007 gesehen haben, wird es so schnell nicht wieder geben. Deswegen müssen die Investoren zurückrudern und ihre Gewinnerwartungen den Gegebenheiten anpassen. Nehmt die zwielichtigen Geschäfte raus, schaut, was die Wertentwicklung und der real zu erwartende Gewinn machen – das ist die Basis, auf der es weitergehen wird.
procontra: Das klingt, als ob die meisten Anleger zu viel vom Markt erwarten.
Carey: Es hat mich doch stets überrascht, wie der Markt mit überbewerteten Aktien davonziehen kann. Ich weiß, dass es dieses Phänomen gibt. Ich weiß auch, dass es ein psychologisches Ding ist. Die Internetblase damals war doch wirklich verrückt. Dass Leute so töricht sein konnten, Aktien zu kaufen, die schon x-fach überbewertet waren, in der Hoffnung, noch mal 200 Prozent Gewinn damit zu machen. Es war ein beeindruckendes Spektakel mit hohem Unterhaltungsfaktor, bis die Blase dann letztendlich platzte. Vergangenen Sommer hatten wir ja ein ähnliches Phänomen, als die Subprime-Krise ausbrach. Einige Firmen haben ernsthafte Probleme, die Leute verkaufen alle Finanztitel. Und so rutschten die Kurse mit einem Mal in den Keller. Alle rennen im selben Moment zum Notausgang und rufen „Feuer, Feuer!“ Riesenchaos, einige kommen durch, andere werden zerquetscht. Dieses Verhalten der Masse überrascht mich doch immer wieder.
procontra: Und Sie bleiben sitzen, wenn es brennt?
Carey: Wir bleiben einfach ruhig und warten ab. Mich überrascht es, wie viele im Finanzgeschäft das Rad neu erfinden wollen. Dabei sind die Grundregeln des Handelns so einfach: Herausfinden, was unterbewertet ist, und das dann lange halten. Aber das ist eben langweilig. Also wollen sie Hedgefonds, sie wollen Hebel, sie wollen Private Equity. In diesen Experimentierphasen scheitern viele und kommen reumütig zurück zu den grundlegenden Regeln des Handels. Komisch, wie die Leute immer wieder und wieder in dieselben Fallen tappen. Sie denken, dass es einfachere oder schnellere Wege zum Erfolg gibt. Aber Geld zu verdienen läuft seit Jahrhunderten immer gleich: Schau genau hin und sei geduldig!
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