„Am Ende kriegt der Kunde sie alle.“

 

Berater und Vermittler sind durch VVG & Co. zu verstärkter Transparenz verpflichtet. procontra sprach mit Matthias Wiegel, Sales Director bei Standard Life Deutschland, dem die jetzigen Vorgaben durch den Gesetzgeber noch lange nicht genügen.

procontra: Herr Wiegel, die Kostentransparenz des deutschen Versicherungsmarktes reicht Ihnen trotz der Informationspflichtenverordnung noch nicht aus. Was macht Sie so unzufrieden?
Matthias Wiegel: Dass die Regelungen, wie sie momentan umgesetzt werden, nicht zum Ziel einer wirklichen Transparenz führen. Der Gesetzgeber lässt immer noch ausreichend Spielräume offen, um die Kosten bei Versicherungen weiter verschleiern zu können.
procontra: Aber seit 1. Juli müssen doch Abschluss- und Verwaltungskosten ausgewiesen werden. Reicht das nicht?
Wiegel: Nein, schon die Darstellung der verschiedenen Kostenblöcke ist völlig intransparent. So werden im Produktinformationsblatt einmalige Abschlusskosten allein und absolut ausgewiesen. Die jährlichen Verwaltungskosten dagegen in relativen Zahlen. Und obendrein werden Kapitalanlagekosten ganz außen vor gelassen. Dem Kunden fällt also nur die optisch große Zahl der Abschlusskosten ins Auge, obwohl diese – gemessen an der Vertragslaufzeit – womöglich viel weniger ins Gewicht fällt als die jährlichen Verwaltungsgebühren. Und die Kapitalanlagekosten kann er gar nicht einsehen.
procontra: Warum hat der Gesetzgeber mit der Reformierung des VVGs diesen Punkt nicht mit eingefordert?
Wiegel: Darüber lässt sich natürlich spekulieren. Fakt ist, dass das Thema Kosten äußerst komplex ist und dass sich der Gesetzgeber hier wohl im Wesentlichen von der Versicherungswirtschaft hat beraten lassen.
procontra: Und diese hat ihn fehlberaten?
Wiegel: Das nicht, aber sie hat nicht unbedingt ein Interesse daran, sämtliche Kosten vollständig offenzulegen.
procontra: Aber Standard Life gehört doch auch zur Versicherungswirtschaft.
Wiegel: Das stimmt, aber unser Ursprung liegt in Großbritannien. Und als britisches Versicherungshaus pflegen wir schon seit längerem eine ganz andere Kostenkultur, die wir auch in Deutschland weiterführen wollen. Die Offenlegung der Kosten, die hier in Deutschland gerade erst verpflichtend wurde, ist in Großbritannien seit Jahren gang und gäbe.
0408_procontra_interviewwiegel_02procontra: Und nun bringen Sie mit der Kennzahl Reduction in Yield das Allheilmittel auch für den deutschen Versicherungsmarkt?
Wiegel: Was die Kostentransparenz betrifft schon. Die Reduction in Yield ist eine Messgröße, die wirklich alle Kosten, die unmittelbar im Zusammenhang mit einem Versicherungsvertrag stehen, erfasst. Sie berechnet aus den Abschluss- und Verwaltungskosten sowie den Kapitalanlagekosten eine relative Größe, mit der der Kunde sofort erkennt, was von der erwirtschafteten Bruttorendite für ihn am Ende übrig bleibt. Und über diese Kennzahl lässt sich wirkliche Transparenz erreichen, mit der Produkte auch verglichen werden können.
procontra: Genau diese Vergleichbarkeit stellen aber einige Wettbewerber in Frage, da der deutsche Versicherungsmarkt viel zu heterogen sei. Kann man mit der RIY nur komplett identische Produkte miteinander vergleichen?
Wiegel: Nein, es lassen sich auch Produkte mit unterschiedlichen Garantiehöhen oder Investmentstrukturen miteinander vergleichen. Der Berater sollte dann nur auf die strukturellen Unterschiede auch hinsichtlich der Ertragschancen hinweisen.
procontra: Also ist die Kritik nicht angebracht?
Wiegel: Um die Kosten zu vergleichen ist die Reduction in Yield eine bewährte Größe. Das allein ist jedoch zu kurz gedacht. Daher sollte man die unterschiedlichen Ertragspotenziale, etwa zwischen einer klassischen und fondsgebundenen Lebensversicherung, mit berücksichtigen. Allerdings kommt es mir es so vor, als wolle man mit dieser Kritik von vornherein verhindern, dass die Kostentransparenz in Deutschland weiter vorangetrieben wird. Diese Argumentation dient einigen Anbietern als Ausrede, um diese Kennzahl nicht als Größe aller anfallenden Kosten mit anzugeben.
procontra: Können Sie sagen, um welche Anbieter es sich dabei handelt?
Wiegel: Nein.
procontra: Dennoch ist die Reduction in Yield nur dann ein Hilfsmittel für Berater und Kunden, wenn sie bei allen Gesellschaften angegeben wird. Andererseits ist sie keine Pflicht. Ist es nicht naiv zu glauben, dass trotzdem alle freiwillig die Kosten-Hose runterlassen?
Wiegel: Nein. Wir erwarten, dass der Markt selbst diese Transparenz einfordern wird. Am Ende kriegt der Kunde sie alle. Diejenigen Gesellschaften, die ihn weiterhin für dumm verkaufen und Kosten vorenthalten, werden sein Vertrauen endgültig verlieren. Und auch der Vermittler wird diese kritische Frage an die Versicherer herantragen. Denn auch er wird erkennen, in welche Haftungsschwierigkeiten er zukünftig geraten könnte, wenn er seinen Kunden aus Unkenntnis nicht über sämtliche Kosten des Versicherungsvertrages aufklärt.
procontra: Bis es soweit ist, muss der Vermittler für Ihre Angebote mehr Überzeugungsarbeit leisten. Ihm bleibt durch Dokumentations- und Beratungspflichten immer weniger Zeit zum Beraten. Sehen Sie Ihre Produkte da nicht im Nachteil?
Wiegel: Es ist sicherlich kein Vorteil mehr Kosten auszuweisen als der Wettbewerber. Doch das ist nur rein optisch. Auch der Wettbewerber verursacht den Block der Kapitalanlagekosten. Er ist nur nicht verpflichtet, diesen auszuweisen. Wir wollen unseren britischen Grundsätzen auch hierzulande treu bleiben. Und dies vor allem auch deshalb, weil wir fest davon überzeugt sind, dass der Transparenz- Prozess hier in Deutschland erst am Anfang steht.

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