Gefangen zwischen Gebet und Gewalt
Seit dem 10. März, dem Jahrestag des Volksaufstandes gegen die chinesische Besatzung ihrer Heimat, protestieren in Tibet und rund um den Erdball wieder Mönche, junge Tibeter und ihre westlichen Sympathisanten gegen die anhaltende Unterdrückung auf dem Dach der Welt. Was friedlich begann, endet inzwischen immer schneller und immer öfter auch in Gewalt. Gerade junge Tibeter fühlen sich in Tibet ausgegrenzt und an den Rand gedrängt.
Andreas Hilmer: Eure Heiligkeit, wirtschaftliche Aktivität ist immer auch das Streben nach Geld – und somit nach Macht. Ist Gewinnstreben generell verwerflich?
Dalai Lama: Meine Meinung ist, dass Geld nicht unbedingt freier macht, im Gegenteil: Oft macht Geld abhängiger von so vielen Dingen. Aber: Viel Geld sollte immer mit viel Verantwortung einhergehen – es kommt nicht auf das Geld-Haben an, sondern darauf, wie man es einsetzt. Feuer kann wärmen, oder es kann Dinge verbrennen – und so ist es auch mit Geld. Es hat immer die Eigenschaften, die wir ihm geben.
Hilmer: Wie kann man heute spirituelle, ethische Ideen im Beruf, in der Firma oder in der Familie umsetzen?
Dalai Lama: Es wäre schön, wenn das klappt. Dazu muss man aber früh Ängste überwinden lernen. Menschen mit mehr Liebe und Mitgefühl schon in der Kindheit haben auch weniger Zweifel und Ängste, wenn sie später arbeiten. Oft konzentriert man aber alle Kraft und Intelligenz auf die Entwicklung des Gehirns. Hohe Intelligenz allein aber kann Menschen auch auf einen aggressiven Weg bringen! Wir müssen also ein breiteres Gefühl für die gesamte Menschheit und auch für unsere Umwelt entwickeln. Ich beobachte immer öfter, dass es bei der sogenannten „modernen Erziehung“ oft einfach an Zeit für die Entwicklung von Mitgefühl fehlt. Und das setzt sich dann später im Berufsleben fort. Man nimmt sich wenig Zeit für die wichtige Entwicklung menschlicher Werte. Wir schaffen damit Gutes, oder wir zerstören. Geld selbst ist doch meist nur das Werkzeug. Man muss meist erst erlernen, damit auch Gutes zu tun. Alles hängt von uns und unserer inneren Haltung ab. Aber ich meine, gerade in der heutigen Zeit sollte der Mensch, wenn es irgend geht, immer mal im Leben auch etwas machen, was möglichst wenig mit Geld zu tun hat! Abseits von Geld Dinge einfach mit großer und guter Motivation, mit guten Mitteln zu tun – das ist sehr gut für jeden Menschen. Man erlebt dadurch vielleicht auch eine ganz andere Art von Freiheit als einem Geld geben kann.
Hilmer: Eure Heiligkeit, Sie propagieren in Allem den Weg der Gewaltlosigkeit, des Ausgleichs, der Harmonie. Im Geschäftsleben sind aber Stärke und Durchsetzungsvermögen oft ein Garant für Erfolg. Kann man also ohne Stärke, ohne Kraft anzuwenden in der Wirtschaft heute bestehen?
Dalai Lama: Ich möchte zunächst etwas zu Gewalt generell sagen. Gewalt passiert meiner Meinung nach immer dann, wenn Menschen nicht genug wissen. Weil sie nicht ganzheitlich nachdenken und nicht verstehen, wie die Dinge miteinander zusammenhängen. Zuallererst fehlt ihnen der Blick auf die Konsequenzen ihres Handelns. Ein extremes Beispiel dafür: Schon wenn Du dich mit jemandem prügelst, ja einen Feind vielleicht sogar letztendlich tötest, dann bist du zwar der „ultimative Sieger“, aber die Konsequenz ist, dass du dich dafür vor Gericht verantworten musst. Du erlebst als Folge deines Handelns also selbst ultimatives Leid. Das sind ganz direkte Zusammenhänge – obwohl du ja Sieger bist. Und ähnlich ist es auch im Kleinen,
wenn man sich z. B. im Beruf mit zuviel Kraft und Stärke durchsetzt. Unsere Gegner, unsere sogenannten Feinde sind doch immer auch ein Teil von uns selbst. Und weil unweigerlich alles im Leben miteinander zusammenhängt, bedeutet: seinen Feinden zu schaden immer auch sich selbst zu schaden. Und wenn man genau hinschaut ist niemand ein größerer Lehrmeister als gerade unsere Widersacher. Denn sie lehren uns immer neu geduldig zu sein und unsere Emotionen zu kontrollieren. Und dafür sollten wir ihnen geradezu dankbar sein anstatt sie anzugreifen. Sie helfen einem, eigene Emotionen wirklich zu verstehen, und dadurch versteht man auch, wann sie einem schaden können. Emotionen kontrollieren, das kann man am besten bei Konfrontation. Und wenn wir dies nicht tun, dann ist es doch wie bei Tieren: Emotionen lösen etwas aus, dessen Konsequenzen ich nicht überschaue. Wer das als Mensch – ob im Privaten oder im Geschäftsleben – versteht, ist schon ein Stück weiter. Kraft für seine Ziele einzusetzen ist meist auch ein Zeichen von eigener Schwäche – nicht von Stärke.
Hilmer: Aber noch mal nachgefragt: Kurzfristig ist der, der sich mit Kraft durchsetzt, doch der Sieger, deshalb ist wohl auch Gewalt so attraktiv. Der Starke ist obenauf und bestimmt, was passiert!
Dalai Lama: Nein, überhaupt nicht, zu kurz gedacht! Das stimmt eben so nicht. Zwar hast du dich dann durchgesetzt, hast ein Problem beseitigt, aber: Du hast ja ein neues geschaffen! Das greift als Lösung doch viel zu kurz. Schon wenn du jemanden beleidigst, also verletzende Worte sagst, bleibt es bei dem anderen noch Tage erhalten – manchmal so lange, bis du dich entschuldigst. Die Verletzung, das was du nur durch Krafteinsatz erreicht hast und nicht mit Kompromiss, das alles lebt im Anderen noch lange weiter. Und das ist dann der Keim für das nächste Problem – auch für dich! Und so geht es dann immer weiter. Kraft einsetzen anstatt Kompromiss ist meist keine langfristige Lösung. Diesen Zusammenhang zu verstehen hat eigentlich nichts mit Spiritualität zu tun. Es ist normales Mitgefühl, das müsste eigentlich jeder erkennen. Wir sind doch Menschen, unser Geist ist dafür da, dass wir nachdenken.
Hilmer: Aber Mitgefühl in der Arbeit, im täglichen Wirtschaftsprozess? Das wird als Schwäche ausgelegt und ausgenutzt, man kann es sich oft doch gar nicht leisten!
Dalai Lama: Es ist aber notwendig! Und diese Haltung sollte schon bei der Erziehung beginnen! Ich glaube, es fehlt heute schon bei der Pädagogik oft an Warmherzigkeit als Erziehungsziel. Wir alle haben viele solche Anlagen, aber sie werden nicht genutzt! Ein Beispiel aus der Medizin, das man aber auch auf Arbeitszusammenhänge anwenden kann: Um Krankheiten schneller zu heilen muss ich dem Arzt doch voll vertrauen! Und genau diese Haltung hat doch abseits von der Medizin auch viel Einfluss auf den Heilungsprozess. Wer misstraut, wird nicht so schnell gesund – trotz Tabletten. Und weiter gedacht: Wer im Berufsleben unter Misstrauen lebt und herrscht, der kann sein Potenzial nicht entfalten und tut so langfristig auch der Firma nicht gut. Wie aber kann ich nun solches Vertrauen entwickeln? Mit Geld? Nein. Trotz hoher Ausbildung und Intelligenz darf das Mitgefühl auf beiden Seiten, bei Herstellern und Käufern, nicht fehlen. Aber gerade im Geschäftsleben wird dieser Aspekt sträflich vernachlässigt. „Was soll ich machen, damit meine Firma erfolgreicher ist?“, fragte mich neulich mal ein Manager! Ich sagte ihm, er soll sich vor allem um seine Angestellten auf der einen Seite und um seine Kunden auf der anderen Seite Gedanken machen – und nicht so sehr um die Aktien.
Hilmer: Wenn ich aber ein aktiennotiertes Unternehmen bin, werde ich ja genau daran gemessen, wie teuer oder günstig meine Aktien sind. Da kann Mitgefühl für Kunden, für Mitarbeiter doch nur schwer ein Entscheidungskriterium sein?
Dalai Lama: Dennoch ist es langfristig auch für solche Ziele der richtige Weg. Früher war das vielleicht anders, aber heute folgt im Geschäftsleben auf Unzufriedenheit von Kunden oder Mitarbeitern meist sehr schnell Chaos und Leid – und das sieht man dann auch sofort an den Aktien. Zusätzlich leidet noch das Image der Firma, heutzutage ein extrem hohes Gut, und neues Leid kommt dann automatisch. Als Chef habe ich also heute eine ganz andere Verantwortung, die weit über Geld und Job hinausgeht. Gerade im heute so streitbaren Berufsleben, z. B. als Chef von hunderten, tausenden Mitarbeitern sichert nur Mitgefühl für die Anderen, für Mitarbeiter und Kunden gleichermaßen, langfristig Erfolg. Mitgefühl ist immer die Basis, damit andere materielle Dinge gelingen können. Arbeit ist heute hoch moralisch! Deshalb bin ich überzeugt davon, dass wir heute eine Einstellung entwickeln müssen, die ich als „Globale Verantwortung“ bezeichnen möchte. Ein universelles Bewusstsein, dass den Anderen in einer Art und Weise mit einschließt, die auch mich am Ende zufriedener macht. Nur dann werde ich mir bewusst, welche Bedeutung auch Zufriedenheit für mich haben kann. Mangelnde Zufriedenheit und Genügsamkeit – ich könnte auch sagen „Gier“ – legen den Samen für Neid und einen aggressiven Wettbewerb. Dies führt dann zu einer Kultur des exzessiven Materialismus. Die daraus entstehende negative Atmosphäre lässt als Folge alle möglichen gesellschaftlichen Übel entstehen. Aber was ich „globales Verantwortungsgefühl“ nenne, das sollte Menschen dahin leiten, sich zum Prinzip der Ehrlichkeit und Ethik gerade auch im Geschäftsleben zu bekennen. Wenn man das Oft liegt Ärger ja auch an den eigenen Unfertigkeiten, er basiert meist auch auf eigenen Fehlern. Wenn diese fundamentalen Erkenntnisse aber fehlen, dann ist es schwierig. Meist sagt man in so einer emotionalen Situation ja mal kurz „bye-bye“ zu Mitgefühl und Liebe und wird aggressiv – das ist ganz menschlich. Aber man sollte schnell wieder darauf zurückkommen, auch im größten Ärger Mitgefühl zu üben.“
Hilmer: Das heißt, auch der Dalai Lama ist manchmal wütend?
Dalai Lama: Ja natürlich, spontan bin ich mal ärgerlich, das passiert. Wie ein menschliches Virus ist das. Aber wenn die Hauptgeisteshaltung gesund und positiv ist, dann ist es nicht schlimm. Negative Emotionen kommen – und sie gehen dann auch wieder. Sie kommen und gehen, kommen und gehen – wie Wellen. Die Momente, in denen es gerade passiert, sind natürlich schwer zu kontrollieren. Aber es sollte die Grundhaltung des Menschen insgesamt nicht stören können. Auch ich habe meine Fehler und Schwächen. Also ich bin manchmal sogar richtig neidisch – oder mal zornig – z. B. als ich daheim in Nordindien mal nachts wegen den Vögeln nicht schlafen konnte. Da habe ich die Vögel schon mal mit Gewalt verscheucht! Aber mein ständiges Bemühen, Mitgefühl zu entwickeln, hat mir dann wieder geholfen. beherzigt, dann kommt Erfolg finanzieller Art schon von alleine. Das Ziel erreicht dich – nicht umgekehrt.
Hilmer: Fühlen Sie sich, der von vielen als Wiedergeburt eines Buddha gesehen wird, denn frei? Kennen Sie keine negativen Gefühle, haben Sie ihre Emotionen unter Kontrolle?
Dalai Lama: Nein, nein, das habe ich auch nicht. Oft denken Menschen, ich sei etwas Besonderes, ein Magier gar, hätte heilende Kräfte: Aber das ist alles Unsinn, völliger Quatsch. Also ehrlich: Auch ich bin ein Mensch, der täglich hadert und einfach nach Glück strebt! Die buddhistische Einsicht besagt, dass da nicht immer ein sofortiger, direkter Gewinn wartet, nur weil man gerade einmal positiv gehandelt hat. Nur wenn man dies täglich übt, werden die negativen Dinge immer weniger werden. Ganz konkret: Wenn man zum Beispiel total wütend ist, dann sollte man als Übung möglichst sofort bewusst über Mitgefühl und Liebe nachdenken – und evtl. auch darüber meditieren. Und sich so darin üben, den negativen Dingen der Situation nicht so sehr „anzuhaften“.
