Verrückte Wetten, schwarze Magie, keine Transparenz
Am 14. Februar kam es zur Neugründung des Deutschen Derivate Verbandes e.V. (DDV), hervorgegangen aus dem Derivate Forum und dem Deutschen Derivate Institut (DDI). procontra sprach mit Geschäftsführer Lars Brandau über die Ziele der neuen Organisation, die Folgen der Abgeltungsteuer und die Vorwürfe aus dem Schwarzbuch der Börse.
procontra: Das Derivate Forum und der DDI haben sich zum Deutschen Derivate Verband zusammengeschlossen. Warum das?
Lars Brandau: Es handelt sich um eine Neugründung. Der DDV wird mehr Mitglieder haben als die Summe der Vorgängerinstitutionen. Es geht darum, eine starke Organisation aufzubauen. Die Mitglieder des DDV beherrschen rund 90 Prozent des Marktes. Der DDV möchte als Experte einer spezialisierten Branche zur Verfügung stehen. Wenn es Regulierungsüberlegungen gibt, dann wird der Verband dazu seine ganze Reputation einfließen lassen. Ziel der Verbandsarbeit ist es, mit einer Stimme klar zu sprechen. Wir setzen Standards. Immerhin sind Derivate vornehmlich Produkte „made in Germany“, und das sollen sie auch bleiben.
procontra: Sie haben sich in einer Stellungnahme gegen eine weitere Regulierung der Zertifikatebranche ausgesprochen.
Brandau: Im Prinzip ist alles geregelt. Es muss zwischen berechtigtem Anlegerschutz und Überregulierung unterschieden werden. Beispiel: Eine politische Forderung nach einem vereinfachten Prospekt klingt toll. Nur leider ist dem Anleger damit kaum geholfen. Aufwand und Ertrag stehen in keinem positiven Verhältnis.
procontra: Was tut der DDV für die Anleger?
Brandau: Wir sind dazu da, den Menschen diese sehr spezialisierte Anlageklasse näher zu bringen und Alternativen zum Sparbuch aufzuzeigen. Bei der Derivatebranche handelt es sich um eine Industrie, die mit verschiedenen Geschwindigkeiten arbeitet Für institutionelle Anleger kann es nicht kompliziert genug sein. Mit diesen Produkten erreichen wir aber die Masse der Kleinanleger nicht.
procontra: Eignen sich denn Zertifikate für einen Kleinanleger auch zur Altersvorsorge?
Brandau: Das ist eher ungewöhnlich, aber dennoch machbar. Vor fünf Jahren haben noch viele Menschen gesagt, dass es sich bei Derivaten um schwarze Magie handle. Heute ist es unbestritten eine attraktive Anlageform für jedermann.
procontra: …man spricht immerhin von Wetten.
Brandau: Sie können das so nennen. Dennoch gibt es bei nunmehr fast 300.000 strukturierten Produkten viele, die sich auf lange Sicht bewähren. Mit einem zeitlich unlimitierten Index-Zertifikat beispielsweise ist Altersvorsorge durchaus vorstellbar. Mit Wetten hat das nichts mehr zu tun.
procontra: Sie wollen auch auf europäischer Ebene wirken. Was sind die Ziele?
Brandau: Rund 80 Prozent der Entscheidungen in Berlin werden zunächst in Brüssel vorbereitet und dann umgesetzt. Vor diesem Hintergrund findet die eigentliche Arbeit einer Interessenvertretung zweifellos in Brüssel statt. Wenn wir von einem Produkt „made in Germany“ ausgehen, von dem wir wollen, dass es weitere Verbreitung auch in anderen Ländern findet, dann müssen wir auch in Brüssel vertreten sein. Wir haben jetzt schon die Länder Deutschland, Österreich, Schweiz und Italien gebündelt. Vor kurzem wurde der finnische Verband gegründet und im Laufe dieses Jahres könnte es auch noch einen französischen Verband geben. Wenn auf europäischer Ebene mit einer Stimme gesprochen werden soll, dann ist es nur logisch, wenn die Deutschen dabei eine wichtige Rolle spielen.
procontra: Ist aufgrund der Abgeltungsteuer mit einem Rückgang des Wachstums der Zertifikatebranche zu rechnen?
Brandau: Es wird sicherlich schwerer werden, den Boom der zurückliegenden Jahre aufrecht zu erhalten. In diesem Jahr geht es primär darum, Hausaufgaben zu machen. Im nächsten Jahr wird dann neu gerechnet. Die Derivateindustrie ist sehr innovativ und wird allein schon deshalb sehr erfolgreich bleiben.
procontra: Zeitgleich zur Neugründung Ihres Verbandes erschien das Schwarzbuch der Börse mit Vorwürfen gegen die Zertifikatebranche.
Brandau: Im Grunde haben die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) und der Deutsche Derivate Verband dieselben Interessen, nämlich den Schutz der Anleger. Die SdK macht dies, indem sie mit pauschalen Behauptungen vermeintliche Missstände bemängelt; wir hingegen entwickeln in der täglichen Kleinarbeit eine junge Industrie weiter. Das braucht Zeit und ist ein fortwährender Prozess.
procontra: Sind die Vorwürfe der SdK bezüglich mangelnder Transparenz völlig aus der Luft gegriffen?
Brandau: Keine falsche Behauptung wird dadurch richtiger, dass sie häufig wiederholt wird. Natürlich ist nicht immer alles wunderbar. Letzten Endes aber werden die Banken ihre Produkte nur dann verkaufen können, wenn die Anleger ihnen das erforderliche Vertrauen entgegenbringen. Also haben die Banken ein Interesse daran, Fehlentwicklungen zu korrigieren.
