Tee oder Kaffee?
„Wenn die USA niesen, bekommen die Schwellenländer eine Grippe“, hieß es früher.
Vorbei. Die neue Immunität lockt Anleger.
Doch wo investieren?
Lateinamerika oder China?
Ein procontra-Vergleich.
Wirtschaftswachstum
China: 11,4 Prozent (2007). Chinas Wirtschaftswachstum basiert auf vier wesentlichen makroökonomischen Treibern. Erstens die Globalisierung. „China ist der größte Nutznießer des Outsourcing-Trends“, sagt Victoria Mio, Senior Portfolio Managerin bei Robeco. Das Land ist die drittgrößte Handelsnation. Der zweite Wachstumstreiber ist die massive Industrialisierung, die wiederum den dritten Treiber, die Urbanisierung, vorantreibt. „Die Urbanisierungsrate ist in China von 17,9 Prozent im Jahre 1978 auf 44 Prozent im Jahre 2006 gestiegen“, erklärt Mio. Die städtische Bevölkerung mit steigenden Einkommen sorgt für den vierten Wachstumstreiber, den Binnenkonsum. Neben diesen makroökonomischen Treibern spielen zwei Faktoren eine besondere Rolle: die Regierung und die Banken. Die Investitionen der Regierung in Infrastruktur, Bildung und Gesundheitswesen bleiben hoch. Die Banken statten chinesische Unternehmen mit günstigen Krediten aus. Die Wachstumsprognose für 2008 liegt bei 10 bis 10,5 Prozent. Die Risiken für die chinesische Volkswirtschaft liegen in einer Inflationsgefahr. „Der Kreislauf ,teures Getreide – billiges Getreide‘, verursacht durch den vorherigen Kreislauf ,gute Ernte – magere Ernte‘, wird nicht weiter bestehen. Aber viele Landwirte sind vom Land in die Stadt gezogen. Zudem sind die agrarwirtschaftlichen und klimatischen Bedingungen in China schlecht, so dass die Lebensmittelpreise künftig steigen werden“, erläutert Mio. Lebensmittelpreise spielen eine wichtige Rolle für den Preisindex. Mio erwartet für 2008 eine Inflation zwischen 4,0 und 4,5 Prozent.
Lateinamerika: 5 Prozent (2007). Lateinamerika verfügt nach drei Jahren Wirtschaftsboom über eine gestärkte makroökonomische Basis. Das macht die Region widerstandsfähiger. „Unternehmen und Verbraucher können viel längerfristig planen. Heutzutage ist es in Mexiko möglich, einen auf 20 Jahre festgeschriebenen Hypothekenzinssatz zu bekommen, um ein Haus zu kaufen. Das war vor 10 bis 20 Jahren unmöglich“, erklärt Gabriel Wallach, Fondsmanager des Fortis Fund Equity Latin America. Die größten Gefahren für Lateinamerika liegen außerhalb der Region, wie eine starke Rezession in der hochentwickelten Welt, politische Instabilität in der neuen Weltordnung oder Naturkatastrophen. Für 2008 erwarten die Experten eine Wachstumsrate zwischen drei (zum Beispiel in Mexiko) und sechs Prozent (zum Beispiel in Peru).
Fazit: Chinas Wirtschaftswachstum ist nicht zu toppen. Punkt für China.
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Rohstoffe
Lateinamerika. Venezuela, Mexiko, Brasilien, Kolumbien, Argentinien und Ecuador verfügen jeweils über beträchtliche Ölreserven, und in Brasilien, Bolivien, Peru, Argentinien und Venezuela sind außerdem Erdgasvorkommen vorhanden, so dass diese Länder Nettoenergieexporteure sind oder – im Fall Mexikos und Brasiliens – ihren umfangreichen heimischen Energiebedarf selbst decken können. Die meisten Länder mit nennenswerten Ressourcen an fossilen Brennstoffen exportieren vor allem nach Nordamerika, in die europäischen OECDLänder und nach China sowie Indien. Die größten Ölexporteure sind Venezuela und Mexiko (weltweit an sechster und zehnter Stelle). Bei Erdgas verfügt Venezuela über die größten Reserven in der Region. Lateinamerika und Afrika sind die großen Nutznießer des chinesischen Rohstoffhungers. Brasilien ist der weltgrößte Exporteur von Eisenerz und der drittgrößte Eisenerzlieferant Chinas.
Lateinamerika ist zudem Chinas Hauptlieferant für Kupfererz, wobei Chile und Peru mehr als 50 Prozent liefern. China fragt auch verstärkt Agrarrohstoffe aus Lateinamerika nach. Brasilien und Argentinien sind nach den USA weltweit die größten Produzenten von Sojabohnen und die beiden Länder decken zudem 20 Prozent der chinesischen Importnachfrage nach Fleisch. Peru ist Chinas Hauptlieferant für Tierfutter. Die Region profi tiert besonders von den zur Zeit hohen Rohstoffpreisen, kann aber auch mit niedrigeren Preisen leben, da die meisten Länder in den vergangenen Jahren hohe Devisenreserven als Polster für schlechte Jahre angespart haben. Die Krisenanfälligkeit ist gesunken.
China. China hat selbst Rohstoffe wie Steinkohle (die drittgrößten Reserven der Welt), Öl, metallische Erze und auch Agrarrohstoffe. Außer bei Steinkohle übersteigt der Bedarf jedoch deutlich die heimischen Vorkommen. Gerade Agrarrohstoffe gewinnen immer mehr an Bedeutung, der Import steigt. „Gründe hierfür sind eine Ver ringerung der Ackerfläche, veränderte Konsumgewohnheiten bezüglich Nahrungsmitteln, nämlich mehr Fleisch und Milchprodukte, sowie das Wachstum der Textilindustrie“, erklärt Steffen Dyck von Deutsche Bank Research.
Fazit: Klarer Punkt für Lateinamerika. Der Kontinent hat die Rohstoffe, die China braucht.
Bevölkerungsstruktur
Lateinamerika. „Einer der größten Unterschiede in der Bevölkerungsstruktur Chinas im Vergleich zu Lateinamerika liegt im Altenquotienten“, erklärt Katy Dobson, Fondsmanagerin des Threadneedle Latin American Fund. Der Altenquotient ist das Verhältnis der Menschen im erwerbsfähigen Alter im Vergleich zu den Menschen im nicht (mehr) erwerbsfähigen Alter. Da ist Lateinamerika besser aufgestellt. Auch hier gehen die Geburtenraten zurück, aber sie liegen immer noch über dem Durchschnitt der entwickelten Länder. „Brasilien und Mexiko werden auch in den nächsten Dekaden eine junge, wachsende Bevölkerung haben“,
ergänzt Dobson. China. China bekommt die Folgen seiner Ein-Kind-Politik (Anfänge 1979/1980) zu spüren. Die Bevölkerung altert dramatisch. Landesweit wird der Anteil der Menschen im Alter über 60 Jahren auf elf Prozent geschätzt. Manche Ballungszentren wie Shanghai haben sogar eine Quote von 20 Prozent. Wie die Geburtenrate sinkt, so steigt die Lebenserwartung. Gegenwärtig liegt sie bei 72 Jahren, bis 2050 wird ein Anstieg auf 85 Jahre erwartet. Eine im Schnitt ältere Bevölkerung ist für den Binnenkonsum nicht von Nachteil. Allerdings hat die Industrie in China die Lücke für altersgerechte Produkte und Dienstleistungen in den Bereiche Altenpflege, Medizintechnik, Konsumgüter- oder Reisebranche noch nicht geschlossen.
Fazit: Punkt für Lateinamerika. China hat mit einer drastisch alternden Bevölkerung zu kämpfen.
Abhängigkeiten
Lateinamerika. „Eine Abkühlung der US-Konjunktur geht natürlich an Lateinamerika nicht spurlos vorüber“, sagt Dominik Thiesen von Allianz Dresdner Economic Research. Vor allem Mexiko leidet. Denn 85 Prozent der mexikanischen Ausfuhren gehen in die USA. Doch einige südamerikanische Länder haben sich bereits abkoppeln können. So ist zum Beispiel für Brasilien der europäische Absatzmarkt wichtiger als der US-Markt. Auch der Handel mit Asien gewinnt immer mehr an Bedeutung. Das Handelsvolumen zwischen China und Brasilien hat sich zwischen 2000 und 2006 um 900 Prozent von zwei auf rund 20 Milliarden US-Dollar gesteigert.
China. Eine Rezession in den USA wird keinen großen Einfluss auf Chinas Wirtschaft haben. Ein globaler Abschwung trifft China schon eher. „Jedoch sind Exporte nicht der wichtigste Treiber fürs Wachstum. Die anderen Faktoren des Wirtschaftswachstums wie Binnenkonsum und Investitionen würden von einer globalen Rezession unberührt bleiben“, betont Victoria Mio von Robeco.
Fazit: China ist wesentlich stärker von den USA abgekoppelt als Lateinamerika. Die Asiaten punkten.
Aktienmärkte
Lateinamerika. Nach dem Boom der vergangenen vier Jahre hat die Subprime-Krise die lateinamerikanischen Aktienmärkte in Mitleidenschaft gezogen. „Dies war aber mehr den Sorgen der Anleger und nicht so sehr fundamentalen Daten geschuldet“, erklärt Peter Rösler, stellvertretender Geschäftsführer des Lateinamerikavereins, der Informationsplattform für die deutsche Wirtschaft. Doch die Krise ist überwunden. Neben steigenden Direktinvestitionen und der weiterhin hohen Rohstoffnachfrage aus Ostasien ist auch der Binnenmarkt, der mittlerweile eine eigene Wachstumsdynamik entwickelt hat, einer der Faktoren für den Aufschwung. China plant bis 2020 die Vervierfachung des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf auf der Basis des Jahres 2000 und will eine Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand für alle Teile der Bevölkerung aufbauen. „Dies kann nur gelingen, wenn die Zufuhr von
Rohstoffen und Agrarerzeugnissen weiterhin auf hohem Niveau bleibt“, erläutert Rösler. Deshalb ist die Prognose für die Entwicklung der Aktienmärkte in Lateinamerika weiterhin gut. Die Risiken liegen in der Entwicklung der Weltwirtschaft bzw. in der Entwicklung der chinesischen Wirtschaft. Aber nahezu alle lateinamerikanischen Länder haben den Boom dazu genutzt, ihre Reserven zu erhöhen und sind deshalb für weltwirtschaftliche Verwerfungen gut gerüstet. Aus Innensicht sind die großen Einkommensunterschiede ein Problemfaktor für Lateinamerika. Sie bilden auch den Nährboden für antikapitalistische politische Bewegungen. „Allerdings steht der Kontinent trotz staatlicher Eingriffe fest auf dem Boden der Marktwirtschaft. Eine Umfrage unter der venezuelanischen Bevölkerung hat sogar ergeben, dass 80 Prozent die Marktwirtschaft wollen“, betont Rösler. Deshalb sind diese Befürchtungen auch nicht als zu bedeutsam einzuschätzen.
China. Der Börsenhype hat auch die Massen von Kleinanlegern erreicht. „Ich meine, dass das bedenklich ist. Unerfahrene Privatanleger engagieren sich an der Börse, ohne über das nötige Know-how zu verfügen“, sagt Jaco Rouw, Investmentmanager bei ING Investment Management. Der chinesische Staat steuert allerdings mit der Anhebung der Erwerbssteuer dagegen, dass zu viele Ersparnisse an der Börse landen. Das Wort „Blase“ macht schon länger die Runde. „Die überhitzten Werte liegen im Bereich Schiffbau und Rohstoffe“, erklärt Louisa Lo, Fondsmanagerin des Schroder ISF Emerging Asia und Schroder ISF Greater China Fund. Für binnenwirtschaftlich orientierte Unternehmen wie Finanzen, Immobilien, Konsum und Infrastruktur sind die Aussichten aber weiterhin gut. „Wir unterschreiben auch nicht die Sichtweise, dass sich die Pazifi kregion von den USA abgekoppelt hat. Denn bezüglich der Währungspolitik bleiben viele Schwellenländer fest mit dem US-Dollar und der US-Notenbank verbunden“, bemerkt Lo. Aber China-Investments sollten langfristig betrachtet werden und diesbezüglich ist Schroder für die Region optimistisch, trotz einer möglichen Rezession in den USA, denn die fundamentalen Daten sind aussichtsreich.
Fazit: Durch die starken Abhängigkeiten zwischen China und Lateinamerika ist es schwierig, die Aktienmärkte unabhängig voneinander zu beurteilen. Aber dennoch ein Punkt und damit der Sieg für Lateinamerika im Schwellenländervergleich.
