Balla Balla
Gewinnen beginnt innen: Nicht nackte Analyse treibt Anleger, sondern Angst und Gier. Die Folge: irrationale Verhaltensweisen an den Märkten. Viele Fonds machen sich das menschliche Fehlverhalten zu Nutze. Zwar sind sich die Experten noch uneins über die Richtung der Kapitalmärkte in 2008. Doch einen Tenor gibt es: Es wird volatil. Anleger müssen weiter mit größeren Kursschwankungen rechnen. Ein unvermeidbares Wechselbad der Gefühle erwartet sie.
Beeinflusst von diesen Extremen, erhöht sich der Anteil des eigenen Bauchgefühls an den Investitionsentscheidungen weiter. Völlig menschlich, möchte man meinen. Ist es auch und daher ist die Börse auch keineswegs so rational, wie die klassische Kapitalmarkttheorie meint. Die Psychologie der Börse ist Grundlage zahlreicher wissenschaftlicher Studien. Mit deren Erkenntnissen beschäftigt sich die Behavioral Finance, die verhaltensorientierte Kapitalmarktforschung. „Wir gehen nicht von rationalen Anlegern aus, sondern von Anlegern, die ständig zwischen Gier und Furcht hin- und herschwanken“, erklärt Dr. Conrad Mattern, Vorstand der Conquest Investment Advisory AG. Der von ihm betreute Conquest Behavioral Finance AMI Fonds setzt auf die Analysen der Verhaltensökonomie. Für ihn geht die klassische Theorie davon aus, was der Investor tun sollte. Die Behavioral Finance berücksichtigt hingegen das, was der Investor tatsächlich tut.
Fehlende Bekenntnisse. Ganz neu ist der Ansatz nicht mehr. Doch das Angebot ist begrenzt. Zumindest weist kaum ein Fonds bereits in seinem Namen auf die Verhaltensökonomie hin. Gefüttert mit dem Begriff „Behavioral Finance“ spucken Suchmaschinen neben dem genannten Conquest- Produkt nur einen auf den japanischen Aktienmarkt ausgerichteten Fonds von JP Morgan aus. Manfred Hübner, Leiter des Behavioral-Finance-Teams der Deka Investment, findet dafür eine Erklärung: „Viele Gesellschaften scheuen sich davor, zur Behavioral Finance klar Stellung zu beziehen. Ihre Investmentprozesse basieren auf der klassischen Kapitalmarkttheorie und einige Erkenntnisse der Behavioral Finance widersprechen dieser.“ Hübners Team konzipiert Produkte, die auf die Verhaltensökonomie setzen. So zum Beispiel den Deka-Institutionell BF EuroRenten TotalReturn, der institutionellen Anlegern angeboten wird. Anders als bei einigen Vorgängern wird hier im Namen klar, wenn auch nur in abgekürzter Form, welchen Ansatz das Fondsmanagement verfolgt. Die führenden Gesellschaften mögen zwar nicht reihenweise Behavioral Finance Fonds emittieren, verschließen tun sie sich dem Thema jedoch nicht. „Die psychologischen Aspekte werden in jedem Produkt mit berücksichtigt, ohne dass wir dafür spezielle Produkte auflegen müssen, die auf der Behavioral-Finance-Methode basieren“, erklärt etwa eine Sprecherin der Allianz Global Investors. Für Hübner sind beide Ansätze aber nicht kombinierbar: „Man kann nicht einfach sagen, man berücksichtige einige Punkte der Behavioral Finance in der klassischen Theorie. Die Behavioral Finance ist eine eigenständige Philosophie.“
Ein Blick in die Glaskugel. Ein weiterer Kritikpunkt, den Dr. Mattern äußert, ist, dass so ein weiches Thema auch ganz gern als Marketinginstrument missbraucht wird. So propagieren einige Fondskonstrukte, auf den Ansatz der Behavioral Finance zu bauen. Oft verberge sich dahinter lediglich eine Momentum- bzw. Value-Strategie. Sprich: Investitionen werden mit bzw. gegen den Trend getätigt. „Das ist nicht das, was die Behavioral Finance ausmacht“, so Mattern. Das Management von Behavioral Finance Fonds agiert überwiegend nach der Auswertung von so genannten Sentimentanalysen. Hierzu werden Kapitalmarktumfragen unter Finanzexperten, aber auch privaten Anlegern durchgeführt. Die Ergebnisse geben Aufschluss, wie die Masse tickt. Oder besser formuliert, wie die Masse ticken wird. Denn abgefragt werden vornehmlich persönliche Prognosen über die Entwicklung bestimmter Märkte. Mit dieser Erhebung werden unter anderem Stimmungen zu Indizes, Devisen oder Rohstoffmärkten eingefangen. Die daraus entwickelten Indikatoren lassen Zukunftsprognosen zu. Ein spezieller Themenindex misst etwa, wie oft ein Thema in den Medien behandelt wurde. „Steht ein Thema auf allen Titelseiten, so ist es meistens bereits eingepreist und bietet nur noch wenig Überraschungspotenzial“, erklärt Mattern. Zu messen, wie die Masse ticken wird, um zu reagieren, bevor die Masse reagiert – das ist die Herausforderung der Behavioral Finance. Natürlich sind auch klassische Fondsmanager mit den Verhaltensanomalien vertraut (siehe Infokasten), die sie mit berücksichtigen. Die Vertreter der Verhaltensökonomie schreiben sich besondere Selbstkontrolle, Konsequenz und Disziplin auf die Fahnen. Doch bei beiden Theorien entscheiden letztlich Menschen. Eine Garantie, nicht selbst Opfer einer Psychofalle zu werden, kann es daher auch bei der Behavioral Finance nicht geben.
